Musikalisch gelungen, aber die Inszenierung besteht aus Pappkameraden: "Münchner Leben" im Prinzregententheater
Denkt man an München in der Nacht, könnte man um seinen Schlaf gebracht werden. Denn was macht München noch münchnerisch? Die Stadt kommt einem entkernt vor. Was hilft? Nostalgie! Aber wie weit geht man zurück? In die 80er? In die Prinzregentenzeit?
Dominik Wilgenbus gräbt in "Münchner Leben" noch tiefer: zu Ludwig II., dem letzten bayerisch-preußischen Krieg und zu Jacques Offenbach. Der wiederum komponierte 1866 mit "Pariser Leben" eine zeitgenössische Hommage an Paris, die "Münchner Leben" im Prinzregententheater als Grundlage dient.

Zur Ouvertüre spielt die Metropole Paris in projizierten Postkartenmotiven unser München: Die Hochhäuser von La Défense werden zur Bayerischen Staatsoper, der Arc de Triomphe stellt das Sendlinger Tor dar. Grundidee der Erzählung ist - ähnlich wie bei Offenbach - eine Fake-Geschichte: Ein Berliner Ministerialer mit imperialistischer Geheimmission besucht mit seiner Frau München. Sie will shoppen und als schwärmerische Wagnerianerin den Lieblingskomponisten des Märchenkönigs treffen.
Von Adele Spitzeder bis zu Anspielungen auf Peter Gauweiler
Das Paar gerät an einen revolutionären Studenten, der sich als Stadtführer ausgibt und München für den preußischen Oberregierungsrat inszeniert: Hier gelingt manch witziger Zeitsprung, weil die Anfangsszene am damaligen Hauptbahnhof durch Fotografien im heutigen Baustellenschlamassel angesiedelt ist.

Danach geht es zum angeblichen Polittreffen ins Puff, in den "Feierkasten". Und man denkt an FJS, der hier verkehrt haben soll. Wenn Herr Gröbner hier als Fremder kommt, geht er nach zwei amüsanten Stunden am Ende wirklich als Freund, weil er der sinnlichen Lebensfreude Münchens und einem Fake-Oktoberfest erliegt. Er gibt seine Geheimidee auf, München in einen Bajuwaren-Zoo mit teurem Eintritt zu verwandeln und macht sich in Lederhosn schuhplattelnd im Finale selbst zum Affen.
Bayerns Preußen sind eben die besten. Dieses Changieren zwischen allen Zeiten - von 1866 bis heute - ist Wilgenbus geistreich gelungen, vor allem mit seinem Text. Der passt sich rhythmisch und stilistisch wunderbar an Offenbachs Musik an - ohne Peinlichkeiten, sondern mit Witz.
Ein Hauch von "Fledermaus"
Ein korrupter Polizei- und Sittenpolizeichef sowie ein reicher Grieche begleiten die Handlung, auch die große Anlagebetrügerin Adele Spitzeder kommt vor: ein Sammelsurium der Münchner Gesellschaft zwischen Simplicissimus, Kir Royal, Gauweiler oder Stavros Konstantinides.

Markus Stoll hat - wie der Frosch in der "Fledermaus" - einen Sprechauftritt als Wirt mit einer Zukunftsvision der Wiesn, die unsere Gegenwart beschreibt. Stoll - bekannt als Parademünchner Harry G - muss am Ende sogar ein bisschen singen, immer schneller werdend, fast rappend.
Der grüne Oberbürgermeister, Stoibers Magnetschwebebahn und das Wintertollwood kommen bei ihm genauso vor wie der Witz, dass Chinesen, wenn sie zum Oktoberfest reisen, nur den Made-in-China-Plastiklederhosen hinterherfliegen, die sie dann selbst am Hauptbahnhof kaufen.
Stolls kabarettistischen Ausführungen sind nicht vollendet geschliffen, aber er bietet sich fast schon als Salvatorprediger am Nockherberg an. Dafür gibt es Szenenapplaus. Unter den schon zur Pause begeistert beklatschten Sängerinnen und Sängern stachen besonders Emil Greiter und Florentine Schumacher als preußisches Paar heraus.
Befreit die Figuren aus ihrem Papp-Korsett
Weniger gelungen ist die Idee, den Figuren laubsägeartige schwarz-weiße Modezeichnungen umzuhängen. Das behindert das Spiel der Figuren und macht es schablonenhaft. Merkwürdig wirkt auch die Mikrofonierung der Sänger in einer Musikbühne wie dem Prinzregententheater.

Mehr Geld - und es wird ein Kultstück!
Das kammermusikalisch besetzte Orchester sitzt auf der Bühne. Holzbläser bringen Farbe, eine Harfe sorgt für einen sanft volksmusikalischen Akzent. Obwohl die Kammeroper München nicht wagnerhaft aus dem Vollen schöpfen kann, passt die musikalische Stimmung der Arrangements des Dirigenten Aris Alexander Blettenberg, wenn im dritten Akt König Ludwig auf Wagner trifft und die Preußin ein Festspielhaus als Idee auf den Weg bringt. Das Publikum in der Premiere wusste nicht recht, ob es sich hier vom Kitsch und falschen Pathos ergreifen lassen oder lachen sollte. Beides liegt gelungen in der Luft, wenn die schöne Idee Ludwigs durchgespielt wird, mit Kunst die Menschheit friedlicher zu machen.
Offenbachs musikalischer Schmiss und der Sprachwitz von Dominik Wilgenbus könnten diese alte neue Operette zum Kultstück werden lassen. Denn Selbstbeweihräucherung mit ein bisschen Selbstironie sind eine unwiderstehliche Kombination - gerade hier in München. Dafür müsste noch einmal Geld in die Hand genommen werden, um inszenatorisch stärker aus dem Vollen schöpfen zu können.
Wieder am 21. und 22. sowie 29. und 30. April, Prinzregententheater, 19.30 Uhr, Karten von 66 bis 99 Euro bei muenchenmusik.de

