"Lady Macbeth von Mzensk" in der Sicht von Mariss Jansons und Andreas Kriegenburg

Mariss Jansons und Andreas Kriegenburg bringen bei den Salzburger Festspielen Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ neu heraus
| Michael Bastian Weiß
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"Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
Aurin/Salzburger Festspiele 7 "Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
"Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
Aurin/Salzburger Festspiele 7 "Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
"Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
Aurin/Salzburger Festspiele 7 "Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
"Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
Aurin/Salzburger Festspiele 7 "Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
"Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
Aurin/Salzburger Festspiele 7 "Lady Macbeth von Mzensk" im Großen Festspielhaus.
DEr Schlussapplaus.
Franz Neumayr 7 DEr Schlussapplaus.
Mariss Jansons und Andreas Kriegenburg.
Anne Zeuner 7 Mariss Jansons und Andreas Kriegenburg.

Der Geschwindmarsch erfasst die beiden Ehebrecher, die übereinander herfallen und rauschhaften Sex haben – bis das Posaunenglissando die nachlassende Erektion Sergejs als schamlosen Slapstick illustriert. So eindeutig komponierte Dmitri Schostakowitsch den Sexualakt in seiner frühen Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ aus.

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Wenn darüber hinaus Mariss Jansons die Wiener Philharmoniker dirigiert, schwingt in der musikalischen Drastik sogar noch ein Hauch von Tragik mit, das Mitgefühl um diese zutiefst vereinsamten Figuren. Und was fällt dem Regisseur Andreas Kriegenburg dazu ein? Züchtig in ein Laken gehüllt, noch dazu voll angezogen, müssen sich Nina Stemme und Brandon Jovanovich verklemmt an einem Balken knuddeln. Dazu passt vielleicht Kuschelrock, aber nicht Schostakowitsch.

Selbstverständlich ist es nicht die Pflicht der Inszenierung, in nackter Pornographie zu zeigen, was die Musik schildert. Aber man kann sehr wohl erwarten, dass sie Bilder und Handlungen von vergleichbarer Intensität findet. Wieder einmal hat sich Kriegenburg halbherzig aus der Affäre gezogen und mit allerlei Brimborium ein kompromissloses Schlüsselwerk der Moderne verniedlicht. Wieder einmal schieben sich bewegliche Bauten von Harald B. Thor durch den Raum, hier halt – ganz wie in den Münchner Inszenierungen – über die unendlichen Weiten der Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg.

Massen von Statisten

Und als ob dieser Einfall nicht schon lange verbraucht wäre, versammelt Kriegenburg ein weiteres Mal seine Massen von Statisten, um die Psyche seiner Darsteller nach draußen zu holen: Katerina halluziniert nach begangenem Mord eine ganze Armada von pilzelöffelnden Männern, in ihrer nächtlichen Liebesbedürftigkeit sieht sie überall kopulierende Paare, freilich alle zeitlos nichtssagend und hochgeschlossen gekleidet (Kostüme: Tanja Hofmann).

Von der verharmlosten drohenden Vergewaltigung der Zwangsarbeiterin wollen wir gar nicht reden. Am anschaulichsten sind da noch die durch die Lichtregie von Stefan Bolliger sichtbar gemachten Wahrnehmungsstörungen der zerrissenen Titelfigur.
Doch auch diese Einfälle ersetzen keine Personenregie. Die Sprachlosigkeit zwischen Katerina und ihrem Mann Sinowi, dessen Schwäche Maxim Paster mit kapaunhaftem Tenor zeichnet, ist nicht sorgfältig inszeniert. Nina Stemme verglüht mit ihrem schweren Sopran fast an ihren Spitzentönen, es passt zur Zerbrechlichkeit dieser Ausnahmepartie, dass ihr Ansatz manchmal brüchig erscheint.

Gute Besetzung

Ihre Soloszenen rauben dem Publikum, das sie am Schluss enthusiastisch feiert, schier den Atem. Doch auch ihr Geliebter Sergej ist in der tenoral ungemein attraktiven Verkörperung durch Brandon Jovanovich ein echter Mensch, glaubhaft changierend zwischen heldischem Übermut und Verletzbarkeit.

Die verdeckte erotische Dynamik zwischen Katerina und ihrem Schwiegervater ist mehr zu hören als zu sehen. Dmitry Ulyanov gibt mit ehrfurchtsgebietend schwarzgerandetem Bass einen potenten, virilen Boris, dem man zutraut, auch zu tun, was er in seinem Gesang an Begehren äußert.

Mit Stanislav Trofimov als Pope, Ksenia Dudnikova als Sonetka und einem außergewöhnlich balsamisch tönenden Polizeichef Alexey Shishlyaev sind die Nebenrollen exzellent besetzt. Dass die Polizisten stricken, ist nicht mehr als belanglos, eine echte Provokation ist es jedenfalls nicht.

Messerscharf

So findet das wirkliche Drama in der Musik statt. Am Pult der Wiener Philharmoniker schärft Mariss Jansons die Kanten der holzschnittartigen Partitur, unerbittlich rammen sich die tiefen Holzbläser in den Boden, das Blech erscheint mal roh, mal in hymnischer Übergröße, die Streicher schleifen ihre Linien wie Messer.

Jansons, der wohl bedeutendste Schostakowitsch-Interpret unserer Zeit, entdeckt jedoch in seinem so ruhigen wie überlegenen Dirigat neben der Groteske auch die emotionale Tiefe dieser Musik. Ein wichtiger Faktor ist hierbei der Wiener Staatsopernchor, den Ernst Raffelsberger zu einer Klangfülle gebündelt hat, die nicht zufällig auf Modest Mussorgskys monumentale Geschichtsdramen zurückverweist. Jansons und die Wiener Philharmoniker machen die Grenzüberschreitungen dieses Stückes erfahrbar, dessen Mut dem Komponisten bekanntlich durch Stalins Machtmaschinerie unsägliches persönliches Leid brachte.

Weitere Aufführungen am 5., 10., 15., 21. August; Mitschnitt auf BR-Klassik am 8. August um 20 Uhr. Infos zu Restkarten unter www.salzburgfestival.at

 

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