"La clemenza di Tito" in der Felsenreitschule - die AZ-Kritik

Furtwängler plus Harnoncourt: Mozarts letzte Oper "La clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen
| Robert Braunmüller
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Golda Schulz als Vitellia.
Salzburger Festspiele/Ruth Walz 4 Golda Schulz als Vitellia.
"La clemenza di Tito" in der Felsenreitschule.
Salzburger Festspiele/Ruth Walz 4 "La clemenza di Tito" in der Felsenreitschule.
Marianne Crebassa (Sesto) und Russell Thomas (Tito).
Salzburger Festspiele/Ruth Walz 4 Marianne Crebassa (Sesto) und Russell Thomas (Tito).
Der Klarinettist Florian Schuele mit Marianne Crebassa (Sesto).
Salzburger Festspiele/Ruth Walz 4 Der Klarinettist Florian Schuele mit Marianne Crebassa (Sesto).

Das Kapitol brennt. Der römische Kaiser Titus ist tot. Mozart betrauert ihn in einem längeren Requiem, dem Kernstück seiner Partitur. Nach der Pause stellt sich heraus, dass zwei Herren verwechselt wurden. Der Kaiser lebt. Ein dramaturgischer Schnitzer, bei dem sich zumindest der heutige Zuschauer betrogen fühlt.

Peter Sellars verbessert das in seiner Neuinszenierung von „La clemenza di Tito“ bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule. Titus wird von Sesto angeschossen. Nach der Pause liegt er auf der Intensivstation. Am Ende erliegt er seinen Verletzungen. Nach Mozarts Finale erklingt daher die Maurerische Trauermusik in einer vom Dirigenten Tedor Currentzis hergestellten Chorversion.

Man kann Mozart ändern

Um ein von Bertolt Brecht auf William Shakespeare gemünztes Zitat umzuformulieren: Man kann Mozart ändern, wenn man Mozart ändern kann. Von diesem Recht und dieser Fähigkeit machen Currentzis und Sellars reichlich Gebrauch. Die Attentäter mixen zu Adagio und Fuge für Streicher den Sprengstoff. Und am Anfang des zweiten Akts bedeckt das trauernde Volk zum Kyrie aus der Messe in c-moll die linke Seite der Bühne mit einem Meer von Blumen, Bildern und Kerzen.

Seit der Rehabilitierung von „La clemenza di Tito“ durch den Regisseur Jean-Pierre Ponnelle rücken fast alle Inszenierungen das Psychodrama in den Vordergrund. Sie folgen damit im Prinzip Mozarts Strategie, der sich den kühl-klassizistischen Metastasio-Text mit Duetten und Ensembles auf den aktuellen Stand der Seelendramaturgie bringen ließ, ehe er ihn vertonen konnte.

Unter Gutmenschen

Sellars rückt das Politische gegenüber dem Privaten wieder stärker in den Vordergrund. Sesto ist Vitellia nicht hörig, er handelt aus falschem Idealismus. Titus erinnert an Nelson Mandela: Ein Politiker der konsequenten Versöhnung, der Leute in sein Kabinett aufnahm, die ihm früher nach dem Leben trachteten, so Sellars im Programmheft.

Titus, der Gutmensch, holt am Anfang Sesto und Servilia aus einem Flüchtlingslager, um sie persönlich in ihr neues Leben zu begleiten. Das ist politischer Kitsch, weil die Widersprüche nicht ernsthaft auserzählt werden und das multikulturelle Volk dieser Aufführung so sanft agiert, als gäbe es weder Konflikte noch Populisten.

Nach der Verteilung des Golds an die Opfer des Vesuvausbruchs wird Mozarts knapp gehaltenes Herrscherlob durch das „Laudamus te“ aus der c-moll-Messe ins Sakrale geweitet. Dabei hat Titus gerade seine Vergöttlichung durch den Bau eines Tempels abgelehnt. Oder zielte Sellars mehr auf eine Utopie der Tugend?

Die Guten sind im Theater ein bisschen langweilig. Diesem Problem entkommt auch diese Aufführung nicht. Titus wird erst als Attentats-Oper auf dem Krankenbett von der These zur menschlichen Figur. Da passt dann Mozarts milder Chor „Ah, grazie si rendano“ viel besser als sonst. Russell Thomas macht aus der Bravourarie „Se all’impero“ ein wildes Verzweiflungsstück, ein letztes Aufbäumen vor dem Tod. Die Musik gibt das erstaunlicherweise auch her.

Ein faszinierender Sesto

Marianne Crebassa spielt den Sesto als 20-jährigen jungen Fanatiker mit einer Glaubwürdigkeit, die auch im Burgtheater überzeugen würde. Sie hat außerdem auch noch einen wunderbar klaren Mezzo. Die „Parto“-Arie mit dem Klarinettisten Florian Schuele wirkt spontan wie die Improvisation zweier Gitarristen bei einem Rockkonzert, ehe die beiden dann am Boden liegen und zu einer Figur werden.

Sonst spielt die Erotik in dieser Inszenierung kaum eine Rolle. Golda Schulz, ein Gewächs des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper, hat als Vitellia ihren großen Auftritt am Ende, wenn sie verzweifelt im Blumenmeer liegt und von einer stummen Frau mit Kopftuch gedrängt wird, sich endlich dem Kaiser zu erklären. Ein atemberaubend bewegender Moment, bei dem man vergisst, wie großartig dazu auch noch gesungen wird.

Bekenntnis zu humanen Werten

Die Einheit aus Musik und Szene ist die große Stärke der Aufführung – von der ersten Sekunde an, wenn die Flüchtlinge zur Ouvertüre über die Bühne laufen. Teodor Currentzis bringt hoch subjektive Tempi mit dem rauschenden Klang des groß besetzten Originalklang-Orchesters musicAeterna zusammen. Es ist, als dirigiere Furtwängler den Concentus Musicus des verstorbenen Nikolaus Harnoncourt.

Auch die Dame am Hammerklavier leistet sich allerlei Verrücktheiten. Aber all das wirkt im Moment mitreißend natürlich – und das ist das Wunder dieses Abends.

Nicht für Orthodoxe

Am Ende funkeln die Plexiglasstelen von Georges Tsypin wie in Las Vegas. Sie sind überflüssig. Meist spielt die Aufführung auf blanker Bühne – die beste Lösung in der Felsenreitschule. Es gab stehende Ovationen für eine wagemutige Aufführung, die durch ihren freien Umgang mit Mozart die Orthodoxie befremden wird.

Ihr Hang zum Sozialpädagogischen nervt. Aber Sellars traut Mozarts Bekenntnis zu humanen Werten. Er ist kein inszenierender Zyniker, sondern ein Menschenfreund. Einen besseren Anfang für die Intendanz von Markus Hinterhäuser hätte es kaum geben können.  

Wieder am 30. Juli, 4., 13., 17., 19. und 21. August. ORF 2 sendet am 4. August, 3sat am 19. August eine Aufzeichnung

 

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