Kulturelle Nebenwirkungen

Wenn ein Virus die großen Kulturträume angreift: Corona wird erhebliche Folgen für die zahlreichen Großprojekte von Stadt und Staat haben
| Robert Braunmüller
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
So könnte es in etwa ausschauen, das neue Konzerthaus im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof.
Cukrowicz Nachbaur Architekten So könnte es in etwa ausschauen, das neue Konzerthaus im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof.

In der 12-jährigen Amtszeit des im Sommer verabschiedeten Kulturreferenten Hans-Georg Küppers steigerte sich der Etat seines Referats von 149 auf 220 Millionen Euro. Vor der Kommunalwahl konnte sich die Stadt München dank sprudelnder Steuereinnahmen im Kulturbereich das Tragen von Spendierhosen leisten, um mit großen und kleinen Projekten die verschiedensten Interessengruppen zufriedenzustellen. Aber jetzt ist die Gießkanne leer.

Das teuerste städtische Projekt ist und bleibt die Gasteig-Sanierung. Sie soll einschließlich Interimsbauten eine halbe Milliarde Euro kosten – und zwar mindestens. Denn der öfter erwähnte Kostendeckel scheint unrealistisch. Dass es überfällig ist, demnächst endlich das Stadtmuseum für 200 Millionen umzubauen, dürfte selbst der sparsamste Münchner nicht bestreiten. Investiert wird auch im Kreativquartier an der Dachauer Straße, und im Schlachthofviertel entsteht der Neubau des Volkstheaters zum garantierten Festpreis von 130,7 Millionen Euro.

Sanierungsstau beim Staat

Auch der Freistaat plant und baut in München. Das Bregenzer Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur bereitet mit den Behörden den Bau des Konzerthauses im Werksviertel vor, das vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und seinem verstorbenen Chefdirigenten Mariss Jansons gewünscht wurde, aber in erster Linie vom Steuerzahler finanziert wird.

Es heißt, der Bau solle 370 Millionen Euro kosten. Schon bei der CSU-Klausur im Januar deutete Markus Söder an, dass dieses kulturelle Leuchtturmprojekt teurer werden könnte. Dazu läuft eine Anfrage der Landtagsopposition, die im April von den Ministerien beantwortet werden soll.

Die Museen sind dem Freistaat lieb – und teuer. Die lange verschleppte Sanierung des Deutschen Museums sollte ursprünglich 450 Millionen Euro kosten. Mittlerweile haben Bund und Freistaat nachfinanziert. 750 Millionen sind angeblich das „letzte Wort“, obwohl alle Beteiligten mit einer Milliarde rechnen.

Am Nationalmuseum wird seit Jahren gebaut. Die archäologische Staatssammlung ist wegen Sanierung geschlossen. Das Museum Fünf Kontinente in der Maximilianstraße befindet sich wegen hinausgeschobener Reparaturen in keinem guten Zustand.

Das größte Projekt des Freistaats in diesem Bereich ist die Verwirklichung der Entwürfe des Architekten David Chipperfield für das Haus der Kunst. Hier hieß es zuletzt, die dafür vorgesehenen 80 Millionen Euro würden keinesfalls ausreichen.

Es wird schwierig

Schon vor der Coronakrise war bei allen Projekten wegen der starken Konjunktur der Bauwirtschaft mit erheblichen Kostensteigerungen und Verzögerungen zu rechnen. Und wegen des Booms am Bau beteiligten sich zu wenige Unternehmen an den Ausschreibungen, was auch nicht zur Beschleunigung und Verbilligung beiträgt.

Schon jetzt läuft beim Neubau des Volkstheaters anscheinend nicht alles rund. „Es ist noch kein Baustopp bis jetzt, aber mal sehen. Es könnte mit manchen Zulieferern schwierig werden“, sagte Intendant Christian Stückl der „Süddeutschen Zeitung“. Er deutete an, dass die für Herbst 2021 geplante Eröffnung verschoben werden muss.

Bauprojekte haben ihre eigene Dynamik. Begonnene Planungen lassen sich nur schwer stoppen, weil womöglich das Nicht-Bauen wegen Schadenersatzzahlungen nicht billiger kommt als eine abgespeckte Fertigstellung. Dass die genannten Bauten wegen leerer Kassen nach der Coronakrise ganz gestoppt werden, ist unwahrscheinlich.

Abstimmung im Herbst

Die Gasteig-Sanierung war im Stadtrat auch vor der Coronakrise nicht umumstritten. Die CSU und die Grünen favorisieren eine Generalsanierung mit einer weitgehenden Neukonzeption des Gebäudes. Die SPD und der Oberbürgermeister sind für eine abgespeckte Grundsanierung. Über die 25 einzelnen „Steckbriefe“ genannten Teilbereiche des Kulturzentrums soll der neu gewählte Stadtrat im Herbst abstimmen. Man muss kein Prophet sein, um hier harte Debatten über schmerzhafte Kürzungen oder gar eine Verschiebung der Sanierung vorherzusagen.

Ohnehin war es schon bisher unbegreiflich, wieso die Sanierung der Gasteig-Philharmonie nicht mit dem staatlichen Neubau des Konzerthauses im Werksviertel synchronisiert wurde. Mit etwas mehr Koordination hätte man sich die geplante Interims-Philharmonie an der Hans-Preißinger-Straße sparen können. Oder man lässt diesen Bau stehen, für den der Starakustiker Yasuhisa Toyota verpflichtet wurde, und verzichtet auf den gleich großen Neubau im Werksviertel. Aber das ist aber reine Spekulation: Es dürfte an Eitelkeiten scheitern und außerdem ist es dafür längst zu spät.

Im staatlichen Bereich hält sich die Begeisterung des Landtags über Großbauten in München traditionell in Grenzen. In Landshut lässt sich beobachten, dass auch schon vor dem Lockdown manchem Lokalpolitiker eine Sanierung des Stadttheaters zu teuer werden kann. Dazu wird es in München nicht kommen. Bayern ist ein reiches Land, und auch nach der Coronakrise wird im kulturellen Bereich investiert.

Löcher in der Kasse

Sicher ist aber, dass milliardenschwere Rettungsschirme künftige Kulturetats bei Staat und Stadt nicht unberührt lassen. Die städtischen und staatlichen Theater, Orchester und Museen haben zur Zeit keine Einnahmen durch den Kartenverkauf. Das reißt riesige Löcher in den Etat. Darüber berät der Kulturreferent Anton Biebl regelmäßig im Rathaus mit dem Krisenstab. Und über die Frage, wie der gesamte Bereich privater Kulturveranstalter und freier Künstler nach einem Monat ohne Einnahmen aussieht, darüber möchte man derzeit lieber nicht nachdenken.

Jetzt schon zu sagen, dass nach Corona nichts wäre wie zuvor, ist gewiss übertrieben. Aber Projekte, die zwar an sich schön wären, aber deren Finanzierung bisher eher unsicher wirkte, werden es künftig schwer haben. Das Forum Humor in ehemaligen Viehbank wäre da ein mögliches Beispiel. Und auch nur eines unter vielen.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren