Kritik

"Jeeps" in den Kammerspielen: Erben um jeden Preis

Mit "Jeeps" inszeniert Nora Abdel-Maksoud eine rasante Farce in den Kammerspielen.
| Michael Stadler
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Achtung, hier wird scharf geschossen: Maude (Eva Bay, links) und Silke (Gro Swantje Kohlhof) im Job-Center.
Achtung, hier wird scharf geschossen: Maude (Eva Bay, links) und Silke (Gro Swantje Kohlhof) im Job-Center. © Armin Smailovic

München - Wie schön es doch wäre, wenn man auch im Alltag einfach mit einem Schnipsen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Im Schauspielhaus der Kammerspiele, dessen Spielfläche von Bühnen- und Kostümbildnerin Katharina Faltner auf die Vorbühne reduziert wurde, funktioniert das tatsächlich so: Einmal Schnipsen, schon steht man im hellen Kegel eines Scheinwerfers und die anderen im Dunkeln.

Schnips, schon steht Armin alias Stefan Merki wieder im Scheinwerferlicht

In Nora Abdel-Maksouds Inszenierung "Jeeps" darf Stefan Merki zunächst mal am meisten schnipsen. Er ist Armin, Sachbearbeiter in einem Job-Center, ein völlig von sich überzeugter Typ mit schwungvoller Haarwelle, der seinen jüngeren Kollegen Gabor, gespielt von Vincent Redetzki, immer wieder chefmäßig behandelt, da er ja auch mehr Dienstjahre auf dem Buckel hat. Schnips, schon steht Armin wieder im Scheinwerferlicht und hat das Sagen. Wobei sein Redevorrecht nicht lange anhalten wird.

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Nora Abdel-Maksoud lässt sich das Gegenstück zur "Eierstocklotterie" einfallen

Schnipsen kann jede und jeder, Erben übrigens auch, aber da fängt die Ungerechtigkeit schon an, weil nun mal manche Eltern reich und manche arm sind. Von der "Eierstocklotterie" ist in "Jeeps" die Rede, und Nora Abdel-Maksoud, die erneut ein eigenes Stück zur Uraufführung bringt, hat sich eine Gegenlotterie einfallen lassen.

Die Idee: Was wäre denn, wenn das Vermögen der Verblichenen nicht automatisch der Verwandtschaft zukommt, sondern per Losverfahren bestimmt würde, wer was erbt. Klingt doch gerade für Hartz-IV-Empfänger toll! Obacht nur: Es können auch Schulden vererbt werden…

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Um den Wahnsinn perfekt zu machen, legt Nora Abdel-Maksoud die Verantwortung für das "Erb-Wichteln" in die Hände der Job-Center-Dödel Armin und Gabor. "Menschen wie der Gabor und ich, wir erledigen nicht nur Aufgaben", erklärt Armin. "Wir üben Herrschaft aus. Die Herrschaftsausübung durch uns Büromenschen erfolgt ganz konkret: Anträge prüfen, bewilligen oder ablehnen. Das haben wir uns für unser Leben so ausgesucht. Die Möglichkeit, Ihren Antrag abzulehnen."

Vincent Redetzki verleiht dem Kleinkrämer Gabor eine unterspannte Körperlichkeit

Neben der überdrehten Gesellschaftsfarce steckt in Abdel-Maksouds Stück auch eine Bürosatire im "Stromberg"-Stil. Auch in Ralf Husmanns Serie gab es so vorschriftsgetreue, humorlose Pedanten wie Gabor. Vincent Redetzki verleiht dem Kleinkrämer eine unterspannte Körperlichkeit, die ihn schluffig wirken lässt, aber auch unterschwellig gefährlich. Gabor kann auch aggressiv werden, besonders, wenn es um seinen geilen Geländewagen geht, der, nein, kein Jeep, sondern ein Mercedes G 400 D ist.

Als leicht sprachgestörte Arbeitslose Eva Bay die schönsten Running Gags des Abends

Großer Wagen, kleiner Penis - von solchen Gag-Möglichkeiten macht Nora Abdel-Maksoud natürlich Gebrauch wie sie insgesamt ziemlich viele Kalauer zulässt. Es ist dann aber auch das Umfeld von Gabor, das sich so über ihn lustig macht und dabei selbst ziemlich peinlich rüberkommt. Sie taugen alle nicht zu Sympathiefiguren, auch die von Gro Swantje Kohlhof gespielte Silke nicht.

Die ist mit ihrem Startup "Laptop in Lederhosen" nicht so durchgestartet wie gewollt und gehört dann auch noch zu den ersten Opfern des neuen Erbschaftsrechts. Ihrem Amoklauf im Büro von Armin und Gabor wohnt Hartz-IV-Empfängerin Maude bei, Autorin billiger Groschenromane, die acht Euro Regelsatzerhöhung will, damit sie nicht immer nur Aufbackbrötchen essen muss. Als leicht sprachgestörte Arbeitslose, die zudem zwanghaft unter die Gürtellinie witzelt, hat Eva Bay die schönsten Running Gags des Abends.

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Rasant und mit viel Spielwitz prescht das Quartett durch den Komödien-Parcours, nutzt die beiden in der grünfilzigen Wand eingelassenen Schwingtüren für gelungene Slapstick-Einlagen, wechselt mit gutem Timing zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Spiel und frontalem Vortrag. Flankiert werden sie von Enik, der als Perkussionist den schnellen Spielrhythmus unterstützt und mit der E-Gitarre ein paar atmosphärische Akzente setzt. "I am Scum!" ("Ich bin Abschaum!") der britischen Postpunk-Band Idles singt er, während sich die vier neben ihm in die Siebzigerjahre-Haare kriegen.

Am Ende sind es die Kinder von Arbeitslosen, die in einem eigenen Wartesaal ausharren müssen und zu den Opfern der streitenden Mittelständler werden. Um zu solchen bitteren Pointen zu kommen, muss Nora Abdel-Maksoud etwas bemüht einige Fäden verwickeln. Und die absurde Prämisse muss man auch erstmal schlucken, um Spaß zu haben. Den hat man dann aber auch. Der tobende Applaus gilt der Autorin und Regisseurin, dem Ensemble, dem ganzen Team. Und vor allem auch jenen, die für die irrsinnigen Lichtwechsel zuständig sind. Bei jedem Schnips ein anderes Licht, hell, dunkel, hell, dunkel… Da braucht es die Schnelligkeit eines Gepards. Oder Jeeps. Pardon, Mercedes G 400 D!


Schauspielhaus der Kammerspiele, nächste Vorstellung am Donnerstag, 25.11., 20 Uhr, Karten unter Telefon 233 966 00

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