Hits knallen, Köpfe rollen: Die „Dreigroschenoper“ im Residenztheater
Das Schild „Heute Hinrichtung“ wärmt schon beim Betreten des Zuschauerraums das Herz. Man ist im Residenztheater und doch beim Schichtl. Oktoberfestlaune kommt auf. Und das ist bei der mit einem Moritatengesang beginnenden „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht, Kurt Weill und Elisabeth Hauptmann nie ganz falsch, zumal der junge Klassiker ausweislich eines Fotos mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt in einer Bude auf der Theresienwiese aufgetreten ist.
Die übliche Tonbanddurchsage zum Luxus der Unerreichbarkeit übernimmt der in mehreren Rollen brillierende Lukas Rüppel. Der erleichtert einen Zuschauer in der ersten Reihe um sein Smartphone und richtet es mit dem Hammer hin, (Scheinbar natürlich.) Später, bei der Ballade der Seeräuberjenny, verlieren einige Herren sehr wirkungsvoll ihren Kopf. Dass zuletzt Macheath am Galgen baumelt, versteht sich ohnehin von selbst, denn die Erben der Urheber verhindern nach wie vor jede kreative Hinrichtung von Text und Musik.
Der Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl hat das Bestmögliche aus der Vorlage herausgeholt: eine effektvolle, dezent kritische Operette über die menschliche Käuflichkeit. Die spielt auf einer aus Tee- und Bananenkisten steil gemauerten Treppe nah an den Zuschauer heran, von der oft und effektvoll in den Orchestergraben gesprungen wird.
Die Widersprüche zukleistern
Das alles macht eine Menge Spaß. Wer es aber mit Brecht hält und den Verstand nicht ausschaltet, dem bleibt das Grundproblem der „Dreigroschenoper“ auch in dieser an sich gelungenen Aufführung nicht verborgen. Die Dialoge sind eher harmlos, während der Zynismus der Handlung in den Songs bis zur Feier der Gewaltbereitschaft gesteigert wird. Weil nach laut einem deutschen Sprichwort böse Menschen keine Lieder haben und Gesungenes ohnehin nur halb verständlich bleibt, fällt das nur nicht wirklich auf.

Besonders bizarr ist das am Ende. Macheath hat unter dem Galgen gerade noch singend dazu aufgefordert, den „Polizistenhunden“ ihre Fressen „mit Eisenstangen einzuhauen“, was gleich wieder vergessen wird, wenn sich nach dem Happy End alle lieb haben und das Orchester wie in einer Musicalaufführung zum Schlussbeifall noch einmal die größten Hits anstimmt.

Mit solchen Widersprüchen hält sich Stölzl nicht auf, er kleistert sie mit bestens gelauntem Unterhaltungstheater zu. Das Aggressive der „Dreigroschenoper“ blitzt nur auf, wenn im zweiten Finale Brandfackeln lodern und die Darsteller den Zuschauern auf den Pelz rücken. Oder im Lied von der Seeräuberjenny und in der Moritat, wenn auf einem Laufband auch einmal die Opfer sichtbar werden und nicht nur die Täter gefeiert werden.
Gegen Ende immer zäher
Aber in der Regel bleibt die Aufführung der versöhnlichen Oktoberfest- und Brecht-Gaudi treu. Das hat auch mit dem Hauptdarsteller zu tun. Moritz Treuenfels markiert zwar effektvoll den wilden Mann und fuchtelt immer mit dem Stockdegen herum. Aber wirklich gefährlich wirkt er nie, und an Charisma fehlt es auch. Treuenfels ist mehr charmanter Hochstapler als ein Gewalttäter. Und ein wenig offen bleibt auch, was die Damen an ihm so faszinierend finden.

Die rundeste Bühnenfigur gelingt Isabell Antonia Höckel als naiver, selbstbewusster und zugleich durchtriebener Polly, die sich mit einer Jazz-Variation des Mackie-Messer-Songs einführt und damit ankündigt, dass ihr Liebhaber in ihr ihren Meister finden wird.
Vassilissa Reznikoff dagegen bleibt als Spelunken-Jenny eine groteske Kunstfigur. Sie verlangsamt den Beginn ihres Songs unglaublich manieriert, als hätten alle Beteiligten Angst vor dieser 1000-mal gehörten Nummer. Und einen zweiten Tonfall könnte sich diese Schauspielerin zusätzlich zu ihrer starken Ausstrahlung noch zulegen.
Max Rothbarths Polizeichef Tiger Brown läuft sehr überzeugend als fleischgewordenes schlechtes Gewissen herum, Oliver Stokowski und Cathrin Strömer spielen die Peachums zwar rotzig und ordinär, aber immer ein wenig mit Sicherheitsleine. Liliana Amuat darf sogar die vor der Uraufführung gestrichene und von Weill nicht instrumentierte Arie der Lucy singen. Allerdings bleibt es ein wenig absurd, diese etwas billige Opernparodie noch weiter ins Karikierende zu verzerren.

Wie bereits in „Cabaret“ ist die von Stephen Delaney geleitete Band mehr als bloße Theatermusik: Sie liefert Weills Musik knackig, forsch und aggressiv gleichwertig zu Brechts und Elisabeth Hauptmanns Anteil. Trotzdem leidet die Aufführung vor allem nach der Pause an den Längen der unantastbaren Dialoge, weshalb man noch heute nachfühlen kann, wieso das Publikum der Uraufführung erst beim Kanonensong aufgewacht sein soll.
Wo ist das Zitat mit der Bank?
Da erlaubt sich Stölzl nebst einer Panzer-Show den unvermeidlichen Theaterpazifismus: Wenn es heißt, dass für die Armee wieder geworben werde, singen das die Darsteller sehr, sehr demonstrativ ins Publikum, damit auch der Letzte merkt, dass die tonangebenden Mitwirkenden dieses Abends die sogenannte „Zeitenwende“ verabscheuen.

In der Moritat wurde aus Schmul Meier ein Herr Meier, um das antisemitische Klischee vom reichen Juden nicht zu bedienen, was löblich ist. Für die Empfindlichen unter uns heißen die Huren im Programmheft „Sexarbeiterinnen“, was etwas forciert wirkt, weil diese „Dreigroschenoper“ in Stölzls Regie trotz redlichem Bemühen mit der Bordellromantik kuschelt.
Seltsamerweise fehlt in der Aufführung die Gleichsetzung des Überfalls mit der Gründung einer Bank. Ja, die Eigentumsverhältnisse, die möchte man mit Brecht in einem bürgerlichen Theater dann doch nicht grundlegend infrage stellen. Und das ist ein wenig repräsentativ für die Aufführung, die sich ästhetisch so gemäßigt gibt wie die SPD oder die Sozialausschüsse der Union politisch.
Brecht hat ja mal gesagt, man könne Shakespeare ändern, wenn man ihn ändern könne. Leider ist das in diesem Fall erst in den 40er Jahren unseres Jahrhunderts möglich, weil die Co-Autorin Elisabeth Hauptmann Brecht und Weill um Jahrzehnte überlebt hat. Bis dahin schleppt die „Dreigroschenoper“ auch in der besten Inszenierung zu viel Ballast mit.
Wieder am 30. September, 2., 4., 6., 13., 25. Oktober im Residenztheater, Restkarten
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