Harry G als falscher Wiesnwirt in "Münchner Leben“: "Ich wittere ein Geschäft bei den Preißn!“

Preußen hat Bayern im Deutschen Krieg von 1866 besiegt. Oberregierungsrat Gröbner aus Berlin besucht München, um aus der Stadt einen Zoo für die „wilden bajuwarischen Tiere“ zu machen. So beginnt die Operette „Münchner Leben“ mit Musik von Jacques Offenbach, die als Produktion der Kammeroper München im Prinzregententheater gezeigt wird. Aris Alexander Blettenberg dirigiert, mit dabei als Special Guest: Markus Stoll alias Harry G.
AZ: Herr Blettenberg, beim Titel „Münchner Leben“ könnte man auf die Idee kommen, das Ganze hätte mit Offenbachs „Pariser Leben“ was zu tun.
ARIS ALEXANDER BLETTENBERG: „Pariser Leben“ ist zu etwa zwei Dritteln die Grundlage unseres Stücks. Auch die Konstellation ist die gleiche. Zwei Fremde kommen am Hauptbahnhof an - bei Offenbach in Paris, bei uns in München - und werden von Betrügern durch die Stadt geführt.
Betrüger gibt’s in München doch gar nicht, sage ich Ihnen jetzt als Lokalpatriot.
MARKUS STOLL: Aber es gibt Spitzbuben. Und Freunderlwirtschaft. Aber irgendwie ist der Hauptbahnhof allein schon deshalb Kern- und Angelpunkt des Betrugs, weil Chinesen dort ankommen und sich für die Wiesn mit Tracht einkleiden.
Ein falscher Wiesnwirt wittert ein Geschäft
Wo kommt das restliche Drittel der Operette her, Herr Blettenberg?
AAB: Aus anderen Opern und Operetten von Offenbach. Weil wir für Szenen mit Ludwig II. eine an Wagner erinnernde Musik brauchten, sind wir bei „Le roi Carotte“ fündig geworden.
Herr Stoll, was ist Ihre Rolle dabei?
Ich spiele den falschen Wiesnwirt Korbinian Breznknödel, der in den Preißn ein Geschäft wittert und sich vorstellt, wie die Wiesn in 150 Jahren aussehen wird.

Zum Personal von „Münchner Leben“ gehört neben König Ludwig auch die Hochstaplerin Adele Spitzeder. Hat die Operette primär einen nostalgischen Touch?
AAB: Nur teilweise. Die Geschichte spielt 1866. Projizierte Fotos von Tobias Melle stellen einen Bezug zur Gegenwart her. Und weil die Geschichte am Hauptbahnhof beginnt, ist eine Aktualität ganz zwanglos gegeben.
Das Beste aus allen Welten
Herr Stoll, spielen Sie in „Münchner Leben“ als Herr Stoll eine Rolle oder stehen Sie als ihre Figur Harry G auf der Bühne?
Ich bin Herr Stoll, der einen Wiesnwirt mit einer Zukunftsvision spielt, der ein bisserl an Harry G erinnert.
Können Sie als gebürtiger Regensburger überhaupt authentisch einen Wiesnwirt spielen?
Meine Mutter ist aus Hausham und habe in Innsbruck studiert. Ich vereinige das Beste aus allen Welten. Und dazu lebe seit 20 Jahren in München. Was für eine Frage!
Herr Blettenberg, sind Sie wenigstens Münchner?
Ich bin aus dem Ruhrgebiet und habe in München studiert.
MS: Eine leichte Distanz ist beim Nachdenken über München hilfreich.

Wie sehen Sie als Zugeroaste die Wiesn? Ich als Münchner darf sie ja hassen.
MS: Ich hasse doch nicht die Wiesn! Ich finde höchstens verrückt, dass neben der normalen Wiesn eine Oide Wiesn steht, die eigentlich eine Neue Wiesn ist und bei der wir den Leuten - mit hoffentlich nach modernen hygienischen Maßstäben gereinigten Steinkrügen Nostalgie vorspielen. Dazu fährt zum Beispiel jemand mit einem Hochrad rum ... Außerdem kostet es Eintritt, während die Idee eines Eintritts bei der normalen Wiesn als Zumutung zurückgewiesen wird.
Was ist Ihr bevorzugter Ort auf der Theresienwiese?
MS: Fast die normale Wiesn mit ihren Extremen und weniger diese gespielte Nostalgie.
Und Sie, Herr Blettenberg?
AAB: Ich war früher zur Wiesnzeit nicht in München. Mittlerweile hat sich mein Verhältnis entspannt. Es fasziniert mich, den Irrsinn zu erleben.
Von der Lederhosn zur Trachtenhose
Ein bisschen irrsinnig ist es auch, ein Wiesn-Stück am Palmsamstag herauszubringen.
AAB: Während der Wiesnzeit gehen die Münchner leider nicht ins Theater. Und kurz danach sind sie erkältet. Außerdem spielen nicht alle Szenen auf der Wiesn, sondern am Hauptbahnhof, in einem Freudenhaus und auf der Roseninsel. Beim Auftritt von Herrn Stoll im vierten Bild haben wir uns ein wenig am Frosch in der „Fledermaus“ orientiert.

Herr Stoll, Sie haben im Stück 1866 eine Vision von der Wiesn in 150 Jahren. Aber wie wird die Wiesn von heute aus gesehen in 150 Jahren aussehen?
MS: Ich sehe schon in naher Zukunft eine Differenzierung weg von der Lederhosn zur Trachtenhose. Auch die Jeans ist wieder im Kommen - wie in meiner Jugend.
AB: Vielleicht auch eine alkoholfreie Wiesn? Das ist doch der Trend. Oder KI-Kapellen.
Mögen Sie die typische Wiesnmusik, Herr Blettenberg?
Ich mag Märsche und Polkas. Deswegen gehe ich auch zum Kocherlball. Der Termin schreibe ich mir immer ein Jahr vorher in den Kalender, damit ich da in München bin.
Als Rezensent macht man öfter die Erfahrung: Offenbach ist sehr, sehr schwer.
Offenbach braucht dieselbe Präzision wie Mozart. Die Musik sieht in den Noten sehr einfach aus, es gibt keine komplizierten Tonarten. Aber das macht sie so schwierig. Man muss als Interpret sehr genau sein. Offenbach braucht Tempo, in der Musik wie in den Dialogen. Die Gags müssen wie Ohrfeigen klatschen, und das zwei Stunden lang.

Haben Sie Musiktheater-Erfahrung, Herr Stoll?
Ich gehe gern mit meiner Frau ins Theater. Als Solo-Künstler, der kurz vor dem 1.000 Auftritt steht, ist es eine völlig neue Erfahrung, dass neben mir plötzlich noch andere Mitspieler auf der Bühne stehen, mich beeindruckt dieses Zusammenspiel total. Ich werde in „Münchner Leben“ als Überraschungsgast auftauchen, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält und bei denen das Publikum sicher sagen wird: „Da hat er recht“. Das wiederum kenne ich von meinen eigenen Shows auch.
Prinzregententheater, 28., 29. März sowie 21., 22., 29. und 30. April, Karten ab 66 Euro, muenchenmusik.de