Kritik

"Gier unter Ulmen" im Residenztheater: Lauter ungestillte Sehnsüchte

Evgeny Titov inszeniert Eugene O'Neills Drama "Gier unter Ulmen" am Münchner Residenztheater.
| Mathias Hejny
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Oliver Stokowski als alternder Bauer und Pia Händler als dessen dritte und viel zu junge Ehefrau.
Oliver Stokowski als alternder Bauer und Pia Händler als dessen dritte und viel zu junge Ehefrau. © Foto: Birgit Hupfeld

Die deutsche Übersetzung des Titels "Desire Under The Elms" scheint nicht wirklich glücklich, denn "Desire" heißt Sehnsucht. Vielleicht hätte Tennessee Williams "A Streetcar Named Desire" als "Endstation Gier" auf deutschsprachigen Spielplänen während der letzten Jahrzehnte ein ähnliches Schicksal erlitten wie "Gier unter Ulmen".

Es ist ein Klassiker eines mit dem Literatur-Nobelpreis geadelten Dramatikers, für den nicht die richtige Zeit zu sein scheint. Andererseits ist Sehnsucht im 1924 uraufgeführten Stück von Eugene O'Neill nur das sehr tragfähige Fundament für ein Familiendrama mit tragischem Ausgang.

"Gier unter Ulmen": Es geht um Habgier und Machtgier

Denn natürlich geht es nicht nur um das Sehnen und nicht nur um das erotische Begehren, sondern vor allem um Habgier und um Machtgier. Das alles sind ewig aktuelle Konstanten des Menschseins. Das Kolorit ist ländlich, liegt in Neu-England um das Jahr 1850 und der Farmer Ephraim Cabot ist zwar schon Mitte 70, heiratet aber zum dritten Mal. Seine beiden Söhne Simeon und Peter fliehen schon frühzeitig vor dem despotischen Alten zum Goldschürfen nach Kalifornien.

Übrig bleibt Eben, der Jüngste, mit dem Ziel, eines Tages den Hof zu übernehmen. Mit seiner jungen Braut Abbie setzt ihm der Vater allerdings eine Stiefmutter vor das Erbe. Natürlich ist diese Verehelichung keine Liebesheirat. Auch Abbie geht es um den Landbesitz der Familie Cabot, zu der sie nun gehört. Beim Sex zieht sie freilich den jungen Mann vor.

Das Schicksal packt zu, wenn sich Abbie tatsächlich in Eben verliebt und ihr gemeinsames Kind, das freilich als Ephraims Sohn ausgegeben wird, tötet. Mit dem Kindsmord will sie Eben beweisen, ihn wirklich zu lieben und ihn nicht allein für das Zeugen eines Erbfolgers benutzt zu haben.

Karge Trümmerlandschaft prägt das Bühnenbild

Eugene O'Neill hatte feste Vorstellungen vom Schauplatz: "Der Himmel über dem Dach ist klar und voll Licht, er glüht in intensiven Farben, das Grün der Ulmen leuchtet, aber das Haus liegt im Schatten". Der russische Regisseur Evgeny Titov sieht das anders und lässt seinen Bühnenbildner Duri Bischoff im Residenztheater eine karge Trümmerlandschaft bauen. Von Schatten spendenden Laubbäumen ist keine Spur, doch der Schatten lastet allgegenwärtig.

Hell wird es kurzzeitig nur auf jenem Fleck, auf dem Abbie zwischen Felsen, Mauerresten und Geröll ihr Bett aufschlägt.

Diese Steine sind ein häufiges Thema und ummauern das bäuerliche Selbstverständnis, das sich in den 50 Jahren, in denen Ephraim Cabot die Farm schon bewirtschaftet hat, zur Hybris entwickelte: Früher "war dieser Platz hier nichts als ein Feld von Steinen. Wenn du aus Steinen Korn wachsen lässt, dann lebt Gott in dir", erfährt Abbie bei ihrer Ankunft auf der Farm.

Verstorbene Mutter geistert durchs Haus

Der Stiefsohn, den die neue Frau im Haus antrifft, hängt noch an der vor 18 Jahren gestorbenen Mutter, die Titov leibhaftig durch die Ruine geistern lässt. Bei der ersten Liebesnacht zwischen Abbie und Eben untermalt sie, gespielt von der mexikanischen Sopranistin Dora Garcidueñas, den Akt, gewissermaßen aus der Unterwelt, mit Didos Klage. Dieser Moment ist nicht nur ein wenig erotisch, sondern hat eine tiefe emotionale Wärme, wie sie auf Ephraims Farm sonst fehlt.

Hier gibt es keine Höflichkeiten und nicht einmal trügerische Freundlichkeiten, und doch entwerfen die Spielerinnen und Spieler über die schlanken 80 Minuten ein erstaunlich differenziertes Panorama aus unerfüllten Träumen und brutaler Besitzergreifung.

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Regisseur lässt den Schluss in der Inszenierung offen

Pia Händler ist natürlich auf den ersten Blick die unglaublich rothaarige Femme fatale wie aus dem Bilderbuch der Männerfantasien, aber wie sie tatsächlich das Lieben, wenn auch zu spät, angefangen hat, berührt.

Oliver Stokowski macht aus dem alten Farmer einen unerbittlichen Patriarchen alter Schule und ist, wenn schon nicht im Bett, dann auf seinem Gut ein vitaler Kraftkerl, dessen häufig ausgestoßene Drohung, "ich werde 100", glaubwürdig ist. Und der groß gewachsene, aber doch zerbrechlich wirkende Noah Saavedra verfällt mit dem Fortgang der Katastrophe unter dem Druck des Vaters in kindliche Verstörtheiten.

Titovs Inszenierung endet mit einem offenen Schluss, noch bevor, wie es bei O'Neill steht, sich Abbie und Eben ewige Liebe schwören und sie vom Sheriff verhaftet wird.


Residenztheater, 8. März,16. März, 19. April, 20 Uhr, 089/ 21851940

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