"Eugen Onegin" im Gärtnerplatztheater: Triumph der Intimität

Ein starkes Ensemble bringt Tschaikowskys "Eugen Onegin" auf die Bühne des Gärtnerplatztheaters.
| Robert Braunmüller
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Eugen Onegin (Mathias Hausmann, links) und Lenski (Lucian Krasznec) umwerben Olga (Anna-Katharina Tonauer) auf dem Fest.
Eugen Onegin (Mathias Hausmann, links) und Lenski (Lucian Krasznec) umwerben Olga (Anna-Katharina Tonauer) auf dem Fest. © Christian P. Zach

Auch wenn beim Namen des Komponisten eher Klänge und Gefühle im Breitwandformat aufsteigen: "Eugen Onegin" wurde 1879 zuallererst von Studenten des Moskauer Konservatoriums in einem kleinen Theater aufgeführt. Auch später bestand Peter Tschaikowsky bei diesem Kammerspiel nach einem Versroman von Alexander Puschkin auf bescheidenen Mitteln und einer zurückhaltenden Darstellungsweise.

Ensemble des Gärtnerplatztheaters in den Hauptrollen

Insofern passt diese Oper ins kleinere Gärtnerplatztheater, wo sie bereits vor 25 Jahren in der Ära Matiasek zu sehen war. Alle Hauptrollen werden von Mitgliedern des hauseigenen Ensemble und ständigen Gästen gesungen. Und zwar so, dass keine Wünsche offen bleiben. Und alle Hauptrollen sind nach altem Theaterbrauch auch noch doppelt besetzt.

Die Premieren-Tatjana Camille Schnoor spiegelt die Entwicklung vom naiven jungen Mädchen zur Dame mit einer lyrischen Stimme, die über dramatische Reserven verfügt. Lucian Krasznecs helle Stimme ähnelt den klassischen russischen Lenskis der frühen Nachkriegsjahre - einschließlich einiger verhauchter Manierismen. Mathias Hausmann hat genau die richtige Spur Schärfe in der Stimme für den gelangweilten Zyniker Onegin, den er angemessen blasiert, mit einem Hauch Düsternis und in arroganten Reitstiefeln auf die Bühne stellt.

Starke stimmliche Performance aller Beteiligten

Die kleineren Rollen halten mühelos mit. Ann-Katrin Naidu singt und spielt eine in jeder Hinsicht würdige Gutsbesitzerin, Anna-Katharina Tonauer könnte als Olga fast Tatjanas Zwillingsschwester sein und sogar die Amme (Anna Agathonos) singt mit frischer Stimme. Die größte Überraschung ereignet sich nach der Pause: Der frisch engagierte Sava Vemiæ erweist sich mit einem flexiblen, schwarzen Bass als absolut erstklassiger Fürst Gremin.

Der Regisseur Ben Baur beobachtet präzise, wie sich die sehr behütet aufwachsende und bücherlesende Tatjana in den etwas rüpelhaften Dandy Onegin verliebt, weil er so anders ist wie der von ihrer Schwester geliebte Brillenträger Lenski. Auch der sehr junge Gremin wirkt schlüssiger wie der traditionelle ältere Fürst.

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Leider verstimmt die Inszenierung durch allerlei Abwege ins psychoanalytisch Surreale: Irgendwie ist die Geschichte auch als Erinnerung der reifen Tatjana zu verstehen, deren kindliches Double bisweilen mitspielt. Womöglich sollen die Rampenlichter auf ein Theater auf dem Theater verweisen, ohne dass beides präzise ausgearbeitet wäre.

"Eugen Onegin": Gute Erzählung mit handwerklichen Mängeln

Auch das Atmosphärische hängt in der Schieflage. Tatjanas Namenstagsfeier entwickelt sich zu einer Art dionysischem "Sacre du Printemps" samt einem in dieser Oper wirklich unpassenden Popen. Weil dem Regisseur die Duellforderung zwischen Onegin und Lenski nicht theatralisch genug ist, muss auf dem Höhepunkt des Fests noch die Amme tot umfallen. Zur berühmtesten Arie der Oper wird dann wie bei einem Staatsbegräbnis ihr Sarg hinausgetragen, weil der Regisseur hier Langeweile fürchtet.

Wenn am Ende Onegin nach Tatjanas Abfuhr in Verzweiflung versinkt, kehren wie bei Shakespeare die Geister der Toten zurück. Auch über das Einheitsbühnenbild, in dem zuletzt der recht unhomogen singende Chor trotz Fräcken vergeblich St. Petersburger Glamour im Stil eines provinziellen Feuerwehrballs verbreitet, ließe sich streiten, weil es Tschaikowkys epische Dramaturgie harter Schnitte verkleistert. Weil die Geschichte aber trotzdem sauber durcherzählt wird, lassen sich die handwerklichen Mängel und der forcierte Unsinn leicht verschmerzen.

Triumph des Ensembletheaters

Das gilt weitgehend auch für die reduzierte Orchesterbesetzung. Weil im Gärtnerplatztheater ohnehin niemand süffige Streicherkantilenen mit 14 ersten Geigen erwartet, fehlt einem bei den symphonischen Momenten wie dem Höhepunkt der Briefszene nichts. Das rauschende Tutti bekommen auch 24 Musiker bestens hin.

Nur bei den eher kammermusikalischen Szenen des Anfangs hapert es, weil die Bläser allesamt zu laut spielen und (zumindest aus der Perspektive des Balkons) von der Akustik unter das Brennglas gelegt werden. Da entsteht ein gewöhnungsbedürftiger Distelsound, der vom sonst respektvoll agierenden Chefdirigenten Anthony Bramall nicht genügend gedämpft wird.

Das klingt womöglich kritischer, als es gemeint ist. Die Aufführung ist ein Triumph des Ensembletheaters. Berühmtere Sänger sind anderswo auch nicht besser wie die Premierenbesetzung am Gärtnerplatz. Allein das lohnt den Besuch.


"Eugen Onegin" im Gärtnerplatztheater läuft wieder am 10., 15., 18., 22. Oktober, 1. November. Infos und Karten unter www.gaertnerplatztheater.de

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