"Ein Haus verliert nix - Eine Bestandsaufnahme": All die schönen Dinge

Das Theater am Sozialamt verzaubert mit "Ein Haus verliert nix - Eine Bestandsaufnahme".
| Michael Stadler
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Ein Regal, Memorabilien und Helmut Dauner.
Ein Regal, Memorabilien und Helmut Dauner. © Jean-Marc Turmes

Mehr Sicherheitsabstand geht nicht. Im TamS zieht sich eine langgestreckte Regalreihe quer durch den Bühnenraum. Links davon sitzen verstreut ein paar Zuschauer, rechts davon ein paar Zuschauer. Im Regal befindet sich auf der einen Seite Sophie Wendt, auf der anderen, ganz weit weg, Helmut Dauner. Sie telefonieren. Nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. 

Wobei sie offenbar dasselbe Gespräch führen, denn ihre Sätze überlappen sich. Beide kommen durcheinander, als die Verbindung kurz gestört wird. Beide legen fast gleichzeitig auf. Ganz schön schräg. Aber so ist nun mal das Leben. Was die Kommunikation im Alltag angeht, läuft ja auch einiges parallel. 

Vielleicht geht es bei dieser Anfangsszene aber vor allem um die Gegenstände, die Wendt und Dauner jeweils in der Hand halten: keine Smartphones, sondern Telefone mit einem richtigen, gut greifbaren Körper, alt, so wie all die Dinge ein gewisses Alter haben, die das Regal bevölkern. Es sind Relikte einer vergangenen Zeit, noch brauchbar, aber nicht mehr oft gebraucht, immerhin nicht weggeschmissen, sondern aufbewahrt und hier fein säuberlich aufgereiht: Mannequin-Köpfe mit Perücken, Koffer, Lampen, Kartons, eine Winkekatze, eine Bahnhofsuhr und so weiter....

Sophie Wendt.
Sophie Wendt. © Jean-Marc Turmes

Blick auf all das, was sich im Fundus angesammelt hat

In "Das Haus verliert nix - Eine Bestandsaufnahme" werfen Regisseur und TamS-Co-Leiter Lorenz Seib und sein Team einen Blick auf all das, was sich im Lauf der Zeit an Gegenständen im Fundus angesammelt hat. Sein 50-jähriges Bestehen feierte das TamS schon im Januar und führt nun mit diesem Abend seine programmatische Vorliebe für das leicht Absonderliche wunderbar fort. Ein paar seltsame Sätze haben Sophie Wendt und Helmut Dauner im Kopf, von George Tabori, Herta Müller, Peter Handke bis zu Ernst Jandl, natürlich. Textstücke, zusammengehortet von der gesamten Crew.

Mensch und Ding sind gleichberechtigte Gegenüber

Wenn Wendt und Dauner nicht rezitieren, durchforsten sie den Bestand. Inspizieren und sortieren, benennen auch mal einfach nur das, was da vor ihnen ist, geben den Gegenständen ihre Namen, schenken ihnen Aufmerksamkeit. Diese Kruschtel-Arbeit ist dabei sogar integrativ: Ein Sonnenschirm darf hinüber zu der Ansammlung von Regenschirmen wandern und wird mit aller Selbstverständlichkeit mittenrein gesteckt. Mensch und Ding sind gleichberechtigte Gegenüber, hier gibt es keine Hierarchie. Da macht Dauner eine Hundestatue zum Ansprechpartner, und eine alte Lampe darf sich von ihm märchenhaft beschworen fühlen: "Funzel, Funzel, lass dein Haar herunter!"

Wendt und Dauner kraxeln durchs Regel, ihre Wege kreuzen sich mitunter und doch bewahren sie den Abstand. Wer hier wen führt, ist nicht ganz klar. Es ist ein gleichberechtigter Tanz, und ja, auch Tangomusik findet sich in den Songs, die manche Strecke stimmungsvoll unterstreichen. Dank der Dinge lässt sich auch der eigenen Identität entkommen: Mit Taucherbrille und Schwimmärmeln kann Wendt in noch absurdere Gewässer abtauchen, wenn sie nicht ganz in einem Karton verschwindet.

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"Bist du okay?" fragt sie. "Es könnte schlimmer sein", meint er. Oder sie sagt das eine, er das andere. Dem Sammelsurium der Dinge entspricht das der Worte, die Wendt und Dauner ohne falsches Pathos, in aller Verrücktheit nüchtern darbieten. Eine gewisse Frau Schmidt redet weiter, obwohl die Geranie auf der Fensterbank gestorben ist. Und eine Uhr hört nicht auf zu ticken, tickt selbst ins Dunkel hinein. Was Hoffnung gibt, dass die Dinge und Menschen niemals aufhören werden zu sein.


Theater am Sozialamt, bis 14. November, Mi - Fr, jeweils 20 Uhr, Telefon 34 58 90

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