Die Musicalklasse brilliert in "Big Fish"

Tolle Dinge an der Angel: Die Musical-Abteilung der Theaterakademie mit „Big Fish“ im Prinzregententheater
| Michael Stadler
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Lioba Schöneck 5
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Manche Ereignisse sprengen die Grenzen der Fantasie, beispielsweise, dass ein Entertainer wie Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten aufsteigt, ach, was für ein Fabulierer vor dem Herrn. Aber alles ist nun mal möglich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und sehr viel ist möglich für den Studiengang Musical der Bayerischen Theaterakademie: Sie krönen ihr 20-jähriges Jubiläum mit der europäischen Erstaufführung des Broadwaymusicals „Big Fish“, so aufwändig und mit jugendlicher Power (die es später im alltäglichen Profi-Betrieb zu bewahren gilt), dass man bass erstaunt sein darf und keinen Zweifel daran hat, dass hier Karrieren schon längst am Heißlaufen sind.

Überdrehung ins Knallige

Zwar glänzt nicht jeder Augenblick in Andreas Gergens Inszenierung, allein deshalb, weil hier viel im Dienste des Dramas geredet und erklärt wird. Aber Gergens Team wirft das Premierenpublikum im vollen Prinzregententheater immer wieder um, beispielsweise mit einem fetten Stück Americana: Da flattern die US-Flaggen, die Showgirls tanzen in Rot-Weiß-Blauen-Kostümen, im Song werden die Flaggenfarben zudem besungen. Und der Mann, der sich selbst zum Helden seiner Geschichte macht, Edward Bloom, bekommt den Blick nicht weg von dem zentralen American Girl, seiner Liebe Sandra.

In solchen Momenten wagt Andreas Gergen eine Überdrehung ins Knallige, dass die Satire sich ins Auge drängt, so wie man es von den Filmen Tim Burtons kennt. Wobei Burton 2003 mit „Big Fish“ einen recht gemäßigten Film vorlegte: ein Plädoyer für die Fantasie im Gewand einer gefühligen Vater-Sohn-Geschichte.

Lesen Sie auch unser Interview mit dem Regisseur Andreas Gergen

Als ewiger Geschichtenerzähler beglückt Daddy seinen kleinen Sohn, aber stellt diesen auch in den Schatten, so dass der erwachsen gewordene Will den Phantasten am liebsten gar nicht bei der eigenen Hochzeit (als Gattin: Wiebke Isabella Neulist) dabei haben will. Als der Alte an Krebs erkrankt, will Will herausfinden, wer der wahre Mann hinter den Märchen ist.

Als Musicalstoff taugt diese filmische Vorlage allemal, will das Musical doch, genau wie Edward Bloom, sein Publikum aus dem Alltag reißen, mit Fantasien, die kein Kitschverbot kennen, aber letztlich, in der Realität stärker verankert sind als mancher denkt. Gleichzeitig ist Burtons Film angesichts seiner Bildkraft eine immense Herausforderung: John August und Andrew Lippa haben es gewagt, den Stoff zu adaptieren. Andreas Gergen und die Musical-Studenten der Theaterakademie nehmen sich nun das Musical vor und meistern all die fantastischen Erzählaufgaben mit Verve. Gerade die Massenchoreografien entwickeln tolle Wucht, auch dank der ideenreichen Kostüme von Ulli Kremer.

Die Inszenierung ist auch eine Leistungsschau der Akademie: Die Studenten können prima singen, steppen, tanzen, gar den Alabama Stomp, so dass die Fische aus dem Bühnengraben herausspringen. Allein das Bühnenbild von Sam Madwar öffnet ständig neue Ideenräume, dank Kulissen, die auch als Projektionsflächen dienen. Eine Wand zieht hoch und in der Tiefe des Raums zeigt sich beispielsweise die nüchterne Realität des Krankenhauses, in dem der alte Edward auf den Tod wartet, derweil vorne die Möglichkeiten für weitere Realitätsfluchten lauern.

Ein männerlastiger Stoff

Ein Großteil des Figurenarsenals aus Burtons Film wurde einfallsreich und manchmal mit Ironie zum Bühnenerleben erweckt. Selten hat man so eine muskulöse Meerjungfrau gesehen (David Pereira), und der Riese Karl, den Edward auf seine Seite zieht, haben Gergen und sein Team wirklich wunderbar auf die Bühne gehievt: Hinter der Riesenmaske steckt Robert Lankester, der gigantische Körper wird per Fäden und anderen Tricks durch die Gegend manövriert, und so erzählt „Big Fish“ auch noch von Toleranz und der Magie, die sich ergeben kann, wenn man nur gesprächsbereit ist.

Ein Problem, dass auch Gergen nicht lösen kann, ist die männerlastige Ausrichtung des Stoffes. Die Frauen dienen als Staffage der Vater-Sohn-Geschichte, sind Liebesobjekte und hingebungsvoll Liebende: „Was ich brauch‘, bist du, bist du alleine“, singt Theresa Weber als Gattin von Edward Bloom an dessen Sterbebett. Immerhin darf Julia-Elena Heinrich als Hexe etwas Burtonsche Exzentrik versprühen. Die Frauen, so weist die Nebensitzerin des Rezensenten hin, dürfen vor allem sexy sein, derweil die Männer in Charakteren aufgehen dürfen, allen voran Hauptdarsteller Benjamin Oeser, der mühelos zwischen dem jungen, springlebendigen und alten, buckligen Edward Bloom wechselt, Charisma mit Gesangsstärke und Tanzfähigkeiten verbindet – ein hellwacher Musical-Held.

Als Will kann Matias Lavall besonders in der zweiten Hälfte zeigen, was er gesanglich drauf hat. „Sei der Held deiner Geschichte“, den Song des Vaters übernimmt der Sohn am Schluss, womit der Glaube an die Kraft des Erzählens und damit an sich selbst den Generationensprung geschafft hat und an den nächsten Nachwuchs weitergegeben wird. Die Hinterwand fährt hoch und die Band, die den vor allem poppigen Soundtrack lieferte, zeigt sich. Sie haben die ganze Zeit in Klängen miterzählt, im Gegensatz zu Edward Bloom bescheiden im Hintergrund, als Heroen jenseits des Rampenlichts.

Prinzregententheater, 13.11., 15 und 19.30 Uhr, 15.11., 10.30 Uhr (Schulvorstellung), 24. bis 26.11., 19.30 Uhr, ab 8 Jahren, Karten unter Telefon 2185 1970

 

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