"Die Bairishe Geisha": Springlebendig im Museum

Judith Huber und Eva Löbau alias "Die Bairishe Geisha" feiern ihr Jubiläum - und ihren Abschied.
| Michael Stadler
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"Die Bairishe Geisha": Judith Huber (l.) und Eva Löbau.
"Die Bairishe Geisha": Judith Huber (l.) und Eva Löbau. © Franz Kimmel

Ob damals oder heute: Die Kunst von Judith Huber und Eva Löbau alias "Die Bairishe Geisha" lässt sich kaum mit Worten fassen. Dennoch gab es immer wieder Versuche, dem performativen Treiben des Duos, das einst im Jahr 2000 mit Marianne Kirch als Trio begann, sprachlich irgendwie beizukommen.

In einer Zeitung wurden sie mal "Performancekäuze" genannt, erinnern sich Huber und Löbau auf der Bühne des Schwere Reiters und versuchen dann ihrem Gast Dim Schlichter zu erklären, was unter einem "Kauz" zu verstehen sei. Dabei kommen sie ganz schön ins Trudeln, eben, das mit den Worten ist gar nicht so einfach, was Dim, den Amerikaner, der des Deutschen durchaus mächtig ist, aber wenig juckt.

Kauzig, absurd, kapitalismuskritisch

Er, der mit der Bairishen Geisha schon oft auf der Bühne gestanden ist, versucht stattdessen einen weiteren Beschreibungsversuch: "Ich habe mich immer wieder gefreut - auf diese Absurdität!"

Kauzig, absurd - man möchte kapitalismuskritisch und überraschend und noch viele andere Adjektive mehr hinzufügen, um das zu beschreiben, was Huber und Löbau (und Kirch) über 21 Jahre hinweg in München und auf anderen Bühnen getrieben haben. "Hemmungslos" fand Dim Schlichter das, was die Ikonen der freien Szene an Kunststücken aufführten - noch so ein Wort, das ihm in den Sinn kommt, weil (fast) in jeder Inszenierung nackte Haut zu sehen war.

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Aber Nacktheit wurde bei der Bairishen Geisha nie zum Zwecke eines "Skandals" eingesetzt, sondern es ging eher darum, sich mit der (eigenen) Scham auseinanderzusetzen. Performance - das war bei ihnen immer auch eine Form von Befreiung.

Nacktheit und Performance als Befreiung

Ihre gesellschaftskritischen, sehr unterhaltsamen Abende haben Huber und Löbau mit Leuten wie Dim Schlichter zusammengebastelt, markanten Typen, die damit zum Teil der Marke "Die Bairishe Geisha" wurden. Das 20-jährige Teambestehen konnte im letzten Jahr pandemiebedingt nicht gefeiert werden, was jetzt nachgeholt wurde, mit der Behauptung, dass 21 Jahre ja auch jubiläumsträchtig seien, Volljährigkeit und so.

Für vier Tage warf das Duo einen Blick zurück und steigert die Nostalgie damit, dass sie von ihrem Ende sprechen: Der Name "Die Bairishe Geisha" wirke nicht mehr zeitgemäß; die Inhalte von einst umtreiben sie kaum mehr. Es wird also Zeit, loszulassen. "Das ist keine Performance", sagt Eva Löbau im Schwere Reiter gleich zu Beginn des ersten Abends. "Das ist ein Abschlussritual."

Wobei ja jedes Ritual einen performativen Charakter hat. Für ihren Abschied pilgerten sie jeden Tag mitsamt Publikum, wenn es das Wetter zuließ, den Olympiaberg hoch, um dort "Die Bairishe Geisha" zu Grabe zu tragen.

Abschlussritual mit performativem Charakter

Dazu inspiriert wurden sie von Fukazawa Shichiros Erzählung "Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder", in dem ein armes Dorf jedes Gemeindemitglied über 70 zum Berg Narayama schickt, auf dass die Alten dort für immer bleiben und die Jungen unten mehr zu beißen haben. Generationenwechsel tun not, allein schon des Überlebens in prekären Zeiten wegen. Hungern musste bei der Bairishen Geisha aber niemand, bei ihnen gab es Kunst und des Öfteren auch Knödel.

Um ihren Bergtouren noch mehr Drive zu geben, haben sie sich von der Musikerin Renu Hossain einen einstündigen Techno-Track komponieren lassen, in dem sich Performance-Schnipsel längst vergangener Tage in eingängig-heutige Beats mischen. Zu hören war der "Techno-Drift" auch am ersten Abend, trotz Sturms.

Statt beim Wandern tanzte das Publikum eben im Schwere Reiter, mit Kopfhörern und Maske, in der leeren Raummitte und entlang sorgfältig aufgereihter Geisha-Exponate.

Denn was einst mal frisch auf der Bühne zu sehen und zu hören war - Kimonos, Rollerblades, Videos mit Hunden, Texte -, empfinden Huber und Löber heute als museal. Und gehören sie selbst etwa nicht ins Museum?

Mit dem Älterwerden, auch in der freien Szene, beschäftigen sie sich anlässlich ihres Abschieds und lassen in Videos die junge Performance-Generation auftreten. Pasta Parisa zum Beispiel mit Tina Turners "Private Dancer", einem Song, den sie selbst schon mal sangen.

Kimonos, Rollerblades, Videos mit Hunden 

Danach fragen sie Pasta interessiert aus und machen sich nebenbei über "kluge" Journalistenfragen lustig. Frechheit.

Aber was bringt es, übers Alter zu reflektieren? Beim Tanzen spielt es jedenfalls kaum eine Rolle. Schön, wie die Körper sich bewegen, jede und jeder ganz eigen zum selben Beat.

Klar wird da, wie sehr einem das gemeinsame Tanzen in Lockdown-Zeiten gefehlt hat. Und wie sehr man die Bairishe Geisha vermissen wird.

Drei Songs, darunter "Seasons in the Sun", spielte Dim Schlichter in der Gesprächsrunde nach dem Techno-Drift am ersten Abend. Huber, Löbau und das Publikum sangen mit: "We had joy, we had fun, we had seasons in the sun. But the wine and the song like the season have all gone…"

Moment mal: Kommen die Jahreszeiten nicht stets zurück, in welcher Form auch immer?

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