Kritik

"Die Affäre Rue de Lourcine" im Residenztheater: Mordsmäßig betrunken

András Dömötör inszeniert Eugene Labiches Komödie "Die Affäre Rue de Lourcine" im Residenztheater.
| Michael Stadler
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Barbara Horvath (links), Michael Wächter (oben), Mareike Beykirch und Thomas Lettow.
Barbara Horvath (links), Michael Wächter (oben), Mareike Beykirch und Thomas Lettow. © Foto: Sandra Then

Es lauert einiges im Untergrund bei dieser Komödie, ja, die beiden Hauptfiguren treten sogar von unten auf, was im ersten Moment überrascht. So sieht man Thomas Lettow als Lenglumé zunächst frontal im Live-Videobild, projiziert auf die gelblichen, mit einzelnen Geldscheinen beklebten Wände eines Raumes, der aus großen, stufenartig gestaffelten Boxen besteht (Bühnen- und Kostümbild: Sigi Colpe).

Dieser Lenglumé ist offenbar reich, und er ist sichtbar besoffen. Dabei zeigt sich, dass die Kamera ihn aus der Vogelperspektive gefilmt hat – über eine von zwei Treppen stolpert er aus einer Art Keller, der vom Zuschauerraum aus nicht einsichtig ist, hinauf in sein güldenes, kapitalistisch tapeziertes Reich.

Lenglumé : Plötzlich liegt neben ihm ein Mann

Für Lenglumé hat das nächtliche Gelage eines Klassentreffens, für das er sich heimlich aus dem Haus schlich, unheimliche Folgen, wacht er doch nach seiner Rückkehr morgens im Bett neben einem anderen Mann auf, der eine ähnliche Hose wie er trägt und insgesamt wie ein Doppelgänger wirkt. Michael Wächter als Mistingue kommt kurz nach Lenglumés Auftritt die gleiche Treppe hoch, ist sogar noch wackliger auf den Beinen, erschreckt seinen Vorgänger heftig, um sich dann ebenfalls auf den mit Wasser gefüllten Katzennapf zu stürzen. "Boah, habe ich einen Brand!", rufen beide später unisono.

Was in der Vorlage von Eugène Labiche (in der Übersetzung von Elfriede Jelinek) in einem Szenario erzählt wird – Mann wacht mit Mann im Bett auf und versucht, es vor seiner Gattin zu verheimlichen –, splittet Regisseur András Dömötör in vereinzelte Auftritte auf, worin im Grunde schon die Crux der ganzen Inszenierung liegt.

Manche Szenen wirken etwas ungelenk

Denn "Die Affäre Rue de Lourcine", 1857 in Paris uraufgeführt, kann als Vorläufer einer Boulevardkomödie gelesen werden. Im Residenztheater inszeniert Dömötör das Stück aber vor allem als Farce mit einer gewissen Staatstheater-Ambition, was zur Folge hat, dass für manche simple Boulevard-Situationen szenische Lösungen gesucht werden müssen, die eher ungelenk wirken.

Ein blondes Haarteil, das in der Vorlage in Nähe des Bettes liegt, muss da umständlich hinten aus einem schwarzen, ziehharmonika-artigen Gummischlauch geholt werden, der den engen Gang zwischen den beiden hinteren Boxen kurz nach Beginn verschließt und Lenglumés Gedächtnislücke symbolisieren soll.

Kein requisitensatter Bühnenrealismus herrscht hier, sondern der abstrakt gehaltene Raum verweist auf Reichtum wie Abgründe des Bürgertums und bleibt bis auf einen Grill und ein paar ausfahrbare Überraschungen leer.

Klassengesellschaft wird kritisch hinterfragt

Bald wird auch die Theatersituation an sich reflektiert, indem die Figuren das Apart-Sprechen, in Labiches Stück inflationär genutzt, thematisieren. Zudem werden sie mit Blick nach oben der Übertitelung gewahr, die es bedarf, weil der aus Ungarn stammende Regisseur die Bedienstete Justine (bei Labiche gibt es einen Diener namens Justin) Ungarisch sprechen lässt.

Das könnte man als ziemlich selbstbezogen empfinden, aber für eine zeitgemäße Variante des Stoffes macht das durchaus Sinn.

Eine osteuropäische Haushaltshilfe arbeitet hier bei dem wohlhabenden Paar, wobei Lenglumés Gattin Norine durchaus bewusst ist, dass die Klassengesellschaft, zu Labiches Zeiten noch unverrückbar, jetzt mit kritischem Bewusstsein hinterfragt wird. Kein Wunder also, dass Norine, seltsam eintönig-deklamierend von der sonst so komödiantisch versierten Mareike Beykirch gespielt, immer wieder damit kämpfen muss, sich gegenüber Justine politisch korrekt auszudrücken.

Alter Stoff streift Diskurse unserer Zeit 

Solche zeitgemäßen Unsicherheiten erzeugen durchaus Lacher im Residenztheater, aber man könnte sich ja auch fragen, ob die von Barbara Horvath mit überlegener Würde und stoischer Komik gespielte Justine dann nicht auch mehr Handlungsspielraum eingeräumt bekommen sollte.

Freiheiten mit dem Stoff nimmt Dömötör sich ja reichlich, er verfolgt ein "Anything goes", das in Beliebigkeit ausartet. Von den Helikopter-Eltern bis zur Klimakrise werden die Diskurse unserer Zeit gestreift; Lenglumés Vetter Potard (Pujan Sadri) driftet in Theorien über mögliche Parallelwelten ab.

Der Plot verharrt aber letztlich originalgetreu im Paris des 19. Jahrhunderts: Bei Lenglumé und seinem alten Schulfreund Mistingue wächst der Verdacht, dass sie bei ihrer Sauftour eine junge Kohlenhändlerin umgebracht haben.

Der Mut zur Eskalation fehlt

In der Komödie steckt auch ein Krimi, was ihr eine dunkle, existentielle Grundierung gibt – vielleicht ist "Die Affäre Rue de Lourcine" deshalb auch eines der wenigen langlebigen Stücke des einst äußerst umtriebigen Bühnenautors Labiche. Sein Biedermann Lenglumé wird zum Detektiv, der herausfinden muss, ob er ein Mörder ist. Seine wachsende Verzweiflung, die ihn zu (weiteren?) Bluttaten antreibt, macht Thomas Lettow gut spürbar.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Ihm gegenüber ist Michael Wächter als Mistingue ein clowneskes Alter Ego, das ihn immer wieder aus der Reserve lockt. Vor allem Wächter gelingen einige locker gesetzte Pointen und gekonnt hingetupfte Slapstick-Momente. Ansonsten mangelt es der Inszenierung an komödiantischem Timing und am Willen, eine witzige Idee auch mal virtuos eskalieren zu lassen.

Zum Ende folgt der Horror – vor allem in den Köpfen

Lenglumés Weg führt gegen Ende in den Keller hinab, was begleitet von Livekameramann Christoph Karstens zu einem reizvollen Ausflug in die Katakomben des Residenztheaters wird. Die Farce lässt András Dömötör genüsslich in den Horror stürzen; das "Kettensägen-Massaker" und andere Genreklassiker werden blutig zitiert, aber der größte Horror steckt dann doch vor allem in den Köpfen. Mareike Beykirch darf sich wenigstens einmal furios entfesseln, wenn sie sich über die schlichte Auflösung des Stücks und ihre ebenfalls schlichte (Frauen-)Rolle echauffiert.

Wie aber wäre es, wenn Lenglumé auf ihre Tirade etwas erwidern würde, anstatt neben ihr demütig die Klappe zu halten? Vielleicht könnte der Diskurs zwischen den Geschlechtern dann sogar produktiv werden. "Lachen ist gesund!", singt das Ensemble aufmunternd zum Finale. Zum Gesundbrunnen taugt dieser Abend nicht.


Nächste Aufführungen: 24. und 29. November; 1., 8., 19., 22. und 31. Dezember, Karten 089/ 2185 1940

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
0 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.
Ladesymbol Kommentare