Kritik

"Der kaukasische Kreidekreis" im Teamtheater: Ohne saure Moral

Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" in der Inszenierung von Andreas Wiedermann im Münchner Teamtheater.
| Mathias Hejny
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Christina Matschoss als Krusche und das Ensemble des Theaters Impuls im Teamtheater.
Christina Matschoss als Krusche und das Ensemble des Theaters Impuls im Teamtheater. © Theater Impuls

München - Es sieht ein wenig aus wie das Lager eines Holzhändlers. Andreas Wiedermann nimmt das Epische in Bertolt Brechts Theater wirklich ernst und baut das fiktive Kaukasien aus groben Balken und dicken Brettern.

Wenn sich Grusche zu ihrem Bruder ins Dachgeschoss seines Bauernhofs flüchtet, hält einer des elfköpfigen Ensembles einen der Balken über sie, und es entsteht tatsächlich ein Gefühl von Dachschräge, die sogar so etwas wie zerbrechliche Geborgenheit vermittelt.

Fast liebevoll: Theater Impuls setzt auf sozialistisch fundamentiertes Bauerntheater

Und die nur karg markierten Häuser kann man sich gut vorstellen, denn solide Stufen führen zu ihnen. Dazu singt Clemens Nicol in neuen Arrangements Songs, die Paul Dessau für das Stück komponierte.

Das Erstaunlichste aber an dieser Inszenierung von "Der kaukasische Kreidekreis" ist, das sie nicht mit der moralsauren didaktischen Selbstgefälligkeit nervt, für die Brecht-Interpretationen anfällig sind. Das Straubinger Theater Impuls spielt im Teamtheater Tankstelle ein scheinbar fast liebevolles und sozialistisch fundamentiertes Bauerntheater.

Die gesellschaftlichen Widersprüche und persönlichen Abgründe, die Brecht vorführt, bleiben gleichzeitig differenziert und schmerzlich sichtbar. Der Text wurde schon 1948 während Brechts US-Exil im Mittelwest-Städtchen Northfield uraufgeführt und erlebte die deutschsprachige Erstaufführung erst 1954 zur Eröffnung des Berliner Ensembles.

Fabel vom Kreidekreis: Wer ist die "richtige Mutter"?

Es ist ein Stück im Stück: Nach dem Sieg über die Deutschen streiten irgendwo in Georgien angestammte Ziegenhirten und zugezogene Obstbauern über ein Tal. Zur Klärung führt eine Theatergruppe die Fabel vom Kreidekreis auf.

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Um die richtige Mutter eines Kindes zu ermitteln, sollen beide Frauen, die die Mutterschaft beanspruchen, das Kind aus einem mit Kreide gezogenen Kreis ziehen. Dorfrichter Azdak (Urs Klebe) spricht das Kind der armen Grusche (tapfer und taff: Christina Matschoss) zu. Sie ist zwar nicht die leibliche Mutter, aber die "richtige", denn sie vermochte nicht, dem Kind Schmerzen zuzufügen.

Wiedermann öffnet das klassenkämpferische Nähkästchen erst am Schluss

Die Nutzanwendung im Falle der Bauern ist, das Land den neuen Siedlern zu überlassen, die es für Obstbäume und Weinstöcke bewässern wollen und fruchtbar machen werden. Wiedermann bleibt bis dahin weitgehend text-treu und schließt das klassenkämpferische Nähkästchen erst ganz am Schluss auf, um über die soziale Ungerechtigkeit der Gegenwart zu sprechen.

Fast beiläufig werden beim Abgehen große Fragen angesprochen: Wem gehört die Weltwirtschaft? Ist das eine Prozent Weltbevölkerung, das fast alles besitzt, wirklich der "richtige" Teil der Menschheit?


Teamtheater Tankstelle, Am Einlaß 4, wieder am heutigen Samstag sowie 20. bis 23. Januar, 19.30 Uhr, Telefon 2604333

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