"Der Ignorant und der Wahnsinnige" - Bechtolfs braver Bernhard-Boulevard

Salzburger Festspiele: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von Thomas Bernhard im Landestheater
| Robert Braunmüller
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"Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
Ruth Walz 8 "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
"Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
Ruth Walz 8 "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
"Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
Ruth Walz 8 "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
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"Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
Ruth Walz 8 "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
"Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen
Ruth Walz 8 "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen

Für Sven-Eric Bechtolf wird es ein Riesenspaß sein. Der von der Presse ungeliebte Interims-Intendant hat sich in seiner letzten Saison selbst einen Thomas Bernhard geschenkt. Da darf er sich nun als Doktor in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ vor dem „tagtäglichen Erfindungsreichtum des Feuilletonismus“ ekeln, mit spitzen Fingern eine Gazette fallen lassen und über die „lähmende Dummheit“ des Publikums lästern, das sich in den Spiegelwänden des Bühnenbilds im Salzburger Landestheater selbst erblickt.

Bechtolf spuckt die Konsonanten virtuos, zieht die Vokale hoch. Er genießt die Schimpftiraden über den Dilettantismus und die Schadenfreude der Theaterwelt. Was muss dieser ehrenwerte Mann gelitten haben! Welche Freude ist es ihm nun, Kritikern und Kollegen sein Leid heimzuzahlen. Doch bald hat der Schmerz ein Ende: In einem Jahr, zur Halbzeit der ersten Saison seines Nachfolgers Markus Hinterhäuser, wird die Bechtolf-Verklärung einsetzen. Naturgemäß.
Bechtolf deutet eine unerwiderte Verliebtheit des Doktors in die Koloratursopranistin an. Aber warum redet die Figur in der Theatergarderobe ständig über technische Finessen des Sezierens? Dass „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ schwärzeste Familienverstrickungen andeutet und nebenbei die Künstlichkeit von Kunst verhandelt, lassen Bechtolf und seine Mitstreiter locker an sich abperlen. Sie spielen lieber eine Hinterbühnen-Klamotte. Und spazieren schnurstracks auf dem Bernhard-Boulevard.

Brave Schauspieler

Unterhaltsam ist das, keine Frage. Aber auch recht billig. Christian Grashof spielt den blinden Vater der Sängerin als Rumpelopa. Eben gab es im Landestheater noch das „Endspiel“ – doch die Verwandtschaft der Figur mit Becketts Hamm ist niemand aufgefallen. Grashof nimmt die vorgeschriebenen Schlucke aus der Schnapsflasche und antwortet wie ein Papagei auf die Monologe des Doktors. Er spielt einen kleinen Zitterer. Aber für das Ungeheuerliche der Figur interessiert er sich kein bisschen. Es ist eine Verharmlosung Bernhards.

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Ähnliches gilt für die wackere, für Johanna Wokalek eingesprungene Annett Renneberg. Sie singt zwar hübsche Koloraturen und zickt ein bisschen herum. Aber sie ist viel zu brav, weder Puppe noch Primadonna. Und keinesfalls ein Kunst-Monster. Es gibt nette Chargen: Barbara de Koy spielt die Garderobiere erwartbar verhärmt, Michael Rotschopf gibt blondiert einen formvollendeten Kellner des Restaurants „Bei den drei Husaren“. Allerdings ist die Szene ohne jede Wiener Atmosphäre – sie könnte auch in Darmstadt spielen.

Theaterdonner, aber keine Tragödie

Den musikalischen Rhythmus der Sprache Bernhards bringt der Regie-Veteran Gerd Heinz nur einmal zum Tanzen, wenn er das Hüsteln der Königin kontrapunktisch gegen die Invektiven des Doktors setzt. Als nette Witzelei. Von der Spannung zwischen gebundener Sprache und Prosa, wie sie Claus Peymann bei Bernhard kultivierte, ist nichts zu spüren.

An seine legendären Uraufführungen erinnert heute eine Gedenktafel an der Fassade des Landestheaters. „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ war 1972 die erste – ein legendärer Skandal: Peymann und Bernhard zogen die Aufführung nach der Premiere zurück, weil in der Schlussszene die Notbeleuchtung nicht gelöscht werden durfte.

Die Neuinszenierung am gleichen Ort kehrt den Effekt um: Am Ende fahren die Spiegelwände hoch, helle Lampen blenden die Zuschauer (Bühne: Martin Zehetgruber). Nun, endlich, redet sich Bechtolf richtig in Rage. Er wird der Wahnsinnige, von dem der Titel des Dramas spricht. Dann scheppern umfallende Gläser und Flaschen – leider provinziell aus der Konserve, wie zuvor die Risse im Kleid der Königin der Nacht. Theaterdonner, aber keine Tragödie. Wie alle Bernhard-Stücke ist wohl auch dieses nicht mehr zu retten. Der „Ignorant und der Wahnsinnige“ ist heute bloßes Schauspielerfutter. Eine Festspielgaudi voll der durchschlagenden Wirkungslosigkeit aller alten Skandale.  

Wieder am 17., 18., 20., 22., 24., 26., 27. August um 19.30 Uhr im Landestheater, Restkarten unter www.salzburgfestival.at

 

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