Wut allein ist zu wenig: Ria Endres' Essay zum Mietmarkt

Ria Endres beschäftigt sich in "Nordend. Ein Stadtteil wird verkauft" mit dem überhitzten deutschen Mietmarkt.
| Robert Braunmüller
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Die Schriftstellerin Ria Endres (rechts) neben ihrer Kollegin Sylvia Geist bei einer Preisverleihung in Weimar.
Die Schriftstellerin Ria Endres (rechts) neben ihrer Kollegin Sylvia Geist bei einer Preisverleihung in Weimar. © dpa

Es klingelt an der Tür, und die Nachbarin überbringt eine schlechte Nachricht: Der schöne Altbau, in dem Ria Endres seit vielen Jahren lebt, soll verkauft werden. Darauf lässt sich nur mit dem Motto von Karl Valentin reagieren, das die in Frankfurt lebende Autorin ihrem schmalen Buch vorangestellt hat: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist."

Viel besser wird es in Endres' Großessay "Nordend. Ein Stadtteil wird verkauft" leider nicht. Das hat nicht nur mit dem schwierigen Mietmarkt in der Stadt am Main zu tun, der ähnlich überhitzt ist wie an der Isar, sondern auch mit einem Ressentiment, das noch nie ein besonders guter Antrieb beim Schreiben war.

Rhetorik des Verdachts

Denn die Autorin neigt dazu, in einer Rhetorik des Verdachts alles zu moralisieren. Der Verkauf ist für sie in erster Linie ein Vertrauensbruch, "ein Vorgang hinter unserem Rücken". Die Eigentümerin, so insinuiert Ria Endres, würde den letzten Willen ihres verstorbenen Gatten missachten, der zu Lebzeiten von ihr verlangt habe, das Haus niemals zu verkaufen.

Ist es immer gleich Profitgier?

Natürlich ist der Verkauf für die Bewohner ärgerlich, zumal das Haus in die Hände eines anonymen Investors gerät, der das Haus sanieren und zu einem höheren Preis gewinnbringend verkaufen will. Niemand wird die Überhitzung des Immobilienmarkts bestreiten? Aber ist eine wirtschaftliche Tätigkeit immer gleichzusetzen mit "Profitgier", wie die Autorin unterstellt? Ria Endes beschreibt hingegen gut die Ängste, die der Eigentümerwechsel in ihr auslöst. Denn in der Tat ist es gerade für ältere Menschen schwierig, eine neue Wohnung zu finden.

Autorin Endres sieht sich als Expertin

Aber die Autorin schreibt sich in eine Wut hinein, die sie blind macht für die unterschiedlichsten Formen des Wohnens zwischen Miete und Eigentum und die Zähmung der Haifische durch den öffentlichen Wohnungsbau. Dass sie sich vor der eigenen Betroffenheit nie mit dieser Frage beschäftigt, gibt sie auch zu, obwohl sie sich (leider) als Expertin fühlt.

Das Frankfurter Nordend.
Das Frankfurter Nordend. © dpa

Unflexibler Konservatismus

Und deshalb wächst beim Lesen auch der Ärger über den unflexiblen Konservatismus der Autorin, die einfach nicht umziehen will und der jede Veränderung in ihrem Stadtviertel ein Graus ist. Sanierungen sorgen ihrer Ansicht nach keineswegs für mehr Komfort und geringere Energiekosten, sondern vor allem für Lärm, der sie beim Schreiben stört.

Dann flüchtet die Autorin in ihren Wintergarten, der noch bewohnbarer wäre, wenn der alte Besitzer seinerzeit nicht bei der Glassorte gegeizt hätte. Nur eine Grauwasseranlage könnte sie akzeptieren, aber wer sich - im Unterschied zur Autorin - einmal ernsthaft mit dieser Frage beschäftigt hat, der weiß auch, dass selbst 100-prozentige Ökos da Probleme sehen, zumal bei der Nachrüstung eines Altbaus.

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Politiker schneiden in dem Buch schlecht ab

Politiker hält Ria Endes abwechselnd für korrupt, überarbeitet oder unfähig. Die SPD ist schlapp und träge, Grüne sind nützliche Idioten des Kapitals und wohnen fern der Wirklichkeit in ererbten Altbauwohnungen. Allenfalls Sahra Wagenknecht genießt bei der Autorin eine leichte Sympathie. Da könnte man ihr die nur mäßig erfolgreiche Wohnungspolitik der Vorläuferpartei der Linken im Osten unseres schönen Landes entgegenhalten, aber das natürlich wäre Polemik.

Veränderungsunwille, Internet-Kritik und Gefühlsduselei

Gegen Ende des Buchs wird es dann ein wenig absurd, wenn ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg abgerissen und durch Wohnungen ersetzt werden soll. Das ist Ria Endres nicht recht, weil der Abriss lange dauert und sehr viel Lärm macht. Ihren Veränderungsunwillen verbindet die Autorin mit der offenbar generationsüblichen Internet-Kritik, vor allem an Social Media und Airbnb. Und gern ärgert sie sich über die Lyrik von Immobilienprospekten.

Deren Unwahrheit gegen den Wohnungsmarkt auszuspielen ist aber so billig, wie sich über die betrachtende Prosa von Verlagsprospekten aufzuregen. Da fühlt sich der Rezensent angesprochen, der nach der Lektüre eines solchen Hefts von Ria Endres eine halbwegs fundierte Betrachtung des Frankfurter Mietmarkts erwartete und nicht nur Gefühlsduselei.


Ria Endres: "Nordend. Ein Stadtteil wird verkauft" (Westend, 124 Seiten, 16.,50 Euro)

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