Wie ein angebrochener Vormittag

Unser schönes München in der Neuauflage eines satirischen Reiseführers aus dem Jahr 1928.
| Robert Braunmüller
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Schon 1928 war in München jede Straße aufgerissen - wenn man dieser Karikatur aus dem Buch von Peter Scher und Hermann Sinsheimer trauen darf.
Schon 1928 war in München jede Straße aufgerissen - wenn man dieser Karikatur aus dem Buch von Peter Scher und Hermann Sinsheimer trauen darf. © Milena Verlag

Hitler sei eine Saisonerscheinung, heißt es gleich auf der ersten Seite. "Man ließ ihn reden, man ließ ihn putschen - aus. Das Stadtbild von München, das er von Fremdstämmigen reinigen wollte, hat ihn verschluckt und verdaut. Er ist nur noch ein historisches Exkrement."

Da haben sich Peter Scher und Hermann Sinsheimer leider ziemlich getäuscht, als sie 1928 den München-Band der seinerzeit beliebten Reihe "Was nicht im Baedeker steht" schrieben. Scher, von 1919 bis 1930 Chefredakteur des "Simplicissimus", lebte nach 1933 zurückgezogen in Wasserburg, Sinsheimer schrieb noch eine Weile für jüdische Zeitungen, probierte kurz Palästina aus und ging 1938 nach London. Sein Bruder und seine Schwester wurden Opfer des Holocaust.

Hitler taucht öfter im Reiseführer auf

Hitler taucht in diesem nun neu aufgelegten München-Reiseführer noch öfter auf: etwa als Sehenswürdigkeit der Osteria Bavaria. Hofbräuhausbesuchern empfehlen Scher und Sinsheimer, möglichst einer Kundgebung im oberen Saal teilzunehmen, wo dann "unter gleichzeitiger dankenswerter Hebung des Bierkonsums von Zeit zu Zeit" auf Parteiversammlungen die Abschüttlung des Fremdjochs vollzogen werde. Durch den "verblüffenden Anblick von Braunhemden" könne sich der Reisende gegen die faschistischen Schwarzhemden immunsieren, falls man nach Italien weiterzureisen gedenke.

Das liest sich heute makaber. Gedacht waren die Bücher der Reihe "Was nicht im Baedeker steht" als feuilletonistischer Gegenentwurf zu den klassischen, faktenbasierten Reiseführern. Erika und Klaus Mann schrieben für den Piper-Verlag über die Riviera, die mit ihnen befreundete, aus Zürich stammende Schriftstellerin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach hat zusammen mit Hans Rudolf Schmid die zwei Schweiz-Bände verfasst.

Dem heutigen Leser führt der "München"-Band vor Augen, wie sehr der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach die Stadt verändert hat. Ein paar Lokale, in denen damals das Bier in Strömen floss, gibt es noch. Der Mathäser, in dem laut einer in dem Buch abgedruckten Karikatur die Bierkrüge auf einem All-you-can-eat-Fließband in den Gastraum hinausbefördert wurden, ist verschwunden. Aber ein Lokal scheint unverändert: "Bald nach 10 Uhr sind Sie reif für den Franziskaner und zur Entgegennahme einer Erstausgabe der Münchner Weißwurst", heißt es da. "Sie schmeckt - wie ein angebrochener Vormittag. Der Senf gibt erst den Geschmack und das Bier erst das Fluidum dazu."

Wiesn: Phänomen, das ländliche Bevölkerung in die Großstadt lockt

Scher und Sinsheimer erklären zwar schon 1928 Schwabing zum Phantom. Aber sie preisen immer noch - fast wie Mozart - den erotisch libertinären und klassenübergreifenden Fasching, von dem heute überhaupt nichts mehr übrig ist. Die Wiesn ist ihnen zwar wichtig, aber sie wird vor allem als Phänomen beschrieben, das die ländliche Bevölkerung in die Großstadt lockt.

Scher und Sinsheimer spielen öfter auf die damals virulente Debatte über den (angeblichen?) Niedergang der Kunststadt München an, die auch Thomas Mann umtrieb. Wenn man den Autoren trauen darf, spielte die Malerei damals noch immer eine große Rolle. Die zentrale, ebenfalls satirische "Ehrentafel der Münchner Künstler und Schriftsteller" enthält zu drei Vierteln nur noch Kennern und Stadthistorikern bekannte Namen. Dass Hans Knappertsbusch damals "beliebt, aber nicht populär" war, hat sich erst in der Nachkriegszeit geändert, als der Dirigent zum knorrigen Fossil mutierte.

Indirekt beweist das Buch, dass die typische Kultur der Weimarer Republik ein primär Berliner Phänomen war. Abends hat man die Wahl zwischen Karl Valentin und Joachim Ringelnatz. Dass einer der Autoren mit letzterem offenbar befreundet war, schmeckt ein wenig unangenehm vor. Ein Jazzlokal hätten einem die Autoren nicht nennen können, musikalisch endete der Fortschritt bei Hans Pfitzner, dem Kiem Pauli und dem Lied "Zillerthal, du bist mei Freid!".

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Dass es hier sieben Monate im Jahr regne, wird der heutige Leser nicht bestätigen. Vielleicht gibt es den Klimawandel doch? Als Fußgänger lebte der Münchner damals schon gefährlich, auch 1928 war die Stadt eine Dauerbaustelle. Auch dass das Bayerische Staatsschauspiel von einem etwas bürgerlicheren Publikum als die Kammerspiele besucht werden, dürfte bis heute zutreffen.

Ein paar Sätze des Buchs wirken auf den heutigen Leser antisemitisch, befremdlich im Ton wirkt die Bemerkung, es gäbe in München als "malerische Zutat" gar keine "Schlawiner" mehr, worunter die Autoren Bewohner des "östlichen Hinterlandes" Münchens vom "Balkan bis nach Kleinasien hinein" verstehen.

Das hat sich in der Nachkriegszeit geändert. Wenn man die Schilderung mancher deutschtümelnder Bierdimpfelei gelesen hat, wird man die heutige Internationalität Münchens noch mehr als Bereicherung begrüßen, als man es ohnehin tut.


Peter Scher, Hermann Sinsheimer: "München. Was nicht im Baedeker steht" (Milena, 150 Seiten, 20 Euro)

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