Stefanie Sargnagel seziert den Wiener Opernball
Ob auf dem Münchner Oktoberfest oder im amerikanischen Iowa: Die österreichische Autorin und Künstlerin Stefanie Sargnagel hat Lust am Erforschen unbekannter Territorien. Sie wirft sich hinein in Bierzelte, Waffengeschäfte oder obskure Bars, setzt sich diesen Orten aus - und diese Orte ihrem beschreibenden Blick.
Für das Münchner Volkstheater verfasste sie das wunderbar skurrile Stück „Am Wiesnrand“, das 2020 leider kurz nach der Premiere in der Corona-Pandemie unterging. 2024 erschien ihr Erlebnisbericht „Iowa - Ein Ausflug nach Amerika“.
Für ihr aktuelles Buch, das auf einem Theaterstück für das Wiener Rabenhoftheater basiert, ist sie nicht ganz so weit gereist. Sie hat ihr Jagdrevier quasi vor der eigenen Haustür gefunden: den Wiener Opernball.

Und wer Sargnagel kennt und vom Opernball zumindest gehört hat, der weiß: Hier treffen zwei Welten, Lebens- und Denkweisen aufeinander, die das gemeinhin nicht tun. Und morgen ist es in Wien wieder live zu erleben.
Es ist wieder soweit: Der Wiener Opernball
„Opernball - Zu Besuch bei der Hautevolee“ ist ein ziemlich dünnes Büchlein, das an scharfen Beobachtungen ebensowenig geizt wie an treffsicherem Humor. Wie nicht anders von ihr gewohnt, schont die Autorin niemanden und schon gar nicht sich selbst. Von einer Maskenbildnerin und einer Stylistin des Gemeindebautheaters hat sie sich balltauglich machen lassen. „Pinsel, Kleber, Messer, Feilen, Äxte“, waren laut eigener Angabe nötig, um „so zu werden wie die Feinen!“ Am Ende der Prozedur blickte ihr aus dem Spiegel „eine Oligarchenwitwe, die Nichte eines Ölmillionärs, die Schwester eines Kriegsverbrechers auf einer serbischen Hochzeit“ entgegen. Verwandlung geglückt, Autorin zufrieden.
So wirft sie sich gemeinsam mit einem „Museumswärter“ und einer „Kellnerin“ als Begleitung unter jene, denen „die Welt gerecht erscheint“ und denen jegliche Scham, hier zu sein und „ein Glas Champagner um 46 Euro“ zu trinken, fremd ist. Sargnagel trifft auf Menschen, die „die schlichte eigene Persönlichkeit in mehreren Lagen mit Kostbarkeiten überdecken“ und deren Hälse enorm lang sind, „um auf die anderen herabzusehen, von möglichst weit oben, möglichst weit runter“. Die nichts mehr fürchten als eine Proletarisierung ihres Opernballs oder gar eine Gesellschaft, in der „sich Leistung gar nicht mehr auszahlt“ und man am Ende gar nicht mehr weiß, „wer Personal ist und wer Gast“.

Stefanie Sargnagel zieht einen hinein in diese Parallelgesellschaft, die sich da tummelt und tümelt, seziert das Phänomen Opernball, blickt unter die glitzernde Oberfläche und tief hinein in seine Gedärme. Manch einer der Namen der Wiener Hautevolee ist der nicht-österreichischen Leserin freilich nicht geläufig, was aber rein gar nichts macht. Das Ganze liest sich auch famos als treffsichere Analyse einer Klassengesellschaft voll obskurer Gestalten. Ob diese nun real oder fiktiv sind, ist im Grunde so wurscht wie ein Sacher Würstel.
Eskalation ins Groteske bei schönem Schein
Vom erwartbaren Clash der Verschiedenen steigert sich die Autorin allmählich hinein in wilde Fantasien über das traurige Leben der Eleven („Eine innere Vergreisung stülpt sich nach außen, als wären sie Achtzigjährige im Körper von Kindern“) und blutige Eskalationen rund um die Tanzfläche.
Alles ist hier ein bisschen drüber, und es gilt: Wahr ist hier, was wahr sein könnte oder was einfach zu schön und zu schräg ist, um wahr zu sein. Indem sie das Treiben ins Groteske steigert, erzählt sie erstaunlich viel über diese vermeintlich feine Gesellschaft. Sargnagel, die nie eine der elitären Tanzschulen besucht hat („Der einzige Gesellschaftstanz, den ich kann, ist der Ententanz“), übt sich also wacker im Dreivierteltakt, saugt alles auf und verdaut es literarisch.

Und auch wenn es auf den ersten Blick Wichtigeres auf der Welt gibt als den Wiener Opernball, zumindest für alle Nicht-Wiener, sind die Beobachtungen, die sie da macht über die Spezies Mensch leider auch jenseits der Ringstraße gültig.
Stefanie Sargnagel: „Opernball - Zu Besuch bei der Hautevolee“ (Rowohlt, 80 Seiten, 18 Euro).
3sat überträgt den Wiener Opernball am morgigen Donnerstag ab 20.15 Uhr



