Interview

Specks neuer Roman "Jaffa Road": Die drei Seiten der Wahrheit

Der Münchner Bestsellerautor Daniel Speck hat mit "Jaffa Road" eine politisch brisante Familiensaga verfasst
| Volker Isfort
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Daniel Speck wurde 1969 in München geboren. Er studierte Literatur an der LMU und Drehbuch an der HFF. Von seinen Romanen "Bella Germania" und "Piccola Sicilia" verkaufte er über eine halbe Million Exemplare.
Daniel Speck wurde 1969 in München geboren. Er studierte Literatur an der LMU und Drehbuch an der HFF. Von seinen Romanen "Bella Germania" und "Piccola Sicilia" verkaufte er über eine halbe Million Exemplare. © privat

München - "Das war kein Marathonlauf, das waren mindestens sechs Marathonläufe hintereinander", sagt Daniel Speck und lacht. Nach zweieinhalb Jahren Recherche und Schreibarbeit hat er seinen 670 Seiten umfassenden Roman "Jaffa Road" beendet.

Die packende und politisch brisante Familiensaga setzt kurz vor der Staatsgründung Israels ein, umspannt ein halbes Jahrhundert und führt auch nach München, zum Olympia-Attentat 1972. "Jaffa Road" ist die Fortsetzung von Specks Bestseller "Piccola Sicilia", kann aber auch ohne den Vorgänger gelesen werden.

Daniel Speck: "Ich wollte erkunden, was Freundschaft aushält" 

AZ: Herr Speck, Ihr Protagonist Moritz Reincke ist ein desertierter Wehrmachtssoldat, der im Verlauf des Romans drei Frauen liebt, eine Deutsche, eine Israelin und eine Palästinenserin. Das klingt - bei aller Erzählkunst - ein wenig nach Reißbrett.
DANIEL SPECK: Darüber staunen auch seine drei Nachfahren, die einander nicht kannten, aber sein Haus erben sollen. Um Moritz' Lebensgeschichte zu verstehen, erzählen sie sich die Geschichten ihrer Mütter. Der Ursprung ist eine wahre Geschichte, die auch meinen Vorgängerroman "Piccola Sicilia" inspiriert hat: Die Geschichte eines deutschen Wehrmachtssoldaten, der in Tunis einem Juden das Leben rettete und dann von dessen Familie aufgenommen und vor den Alliierten versteckt wurde.

Die ist bekannt und gut dokumentiert, auch in der Datenbank von Yad Vashem. Die Nichte des Soldaten hat mein Buch gelesen und in Paris die Tochter des geretteten Juden kontaktiert. Ich habe die beiden getroffen, das war wirklich bewegend. So habe ich erfahren, wie die Geschichte weiter ging. Im wirklichen Leben blieben die beiden Männer Freunde. Aber dass sie sich dann in dieselbe Frau verlieben wie in meinem Roman, ist meine Erfindung. Ich wollte erkunden, was Freundschaft aushält, so als ob Jules und Jim sich gegenseitig das Leben gerettet hätten. So führte meine Geschichte nicht zufällig ins Heilige Land.

Sie hatten den zweiten Teil schon immer vor Augen?
"Piccola Sicilia" hat ein offenes Ende. Die Familie besteigt ein Schiff, und damit beginnt eine neue Geschichte. Ich wusste, dass es in dieser jungen Familie eine Menge ungelöster Konflikte gibt. Das musste einfach erzählt werden. Ich habe die beiden Bücher gemeinsam geplant. Abgesehen davon war es der unbedingte Wunsch meiner Leserinnen und Leser, dass die Geschichte weiter geht. Liebesgeschichten enden ja oft mit einer Hochzeit, dem Zusammenfinden des Paares, oder dem gemeinsamen Aufbruch, aber eigentlich beginnen damit erst die Probleme. Ich habe mich einfach gefragt, was passiert mit den Figuren nach dem Krieg? In "Piccola Sicilia", dem Hafenviertel von Tunis, gab es bis zum Krieg eine Zeit, in der Juden, Christen und Muslime als gute Nachbarn zusammengelebt haben. So kam ich an mein Thema, das Verhältnis dieser drei Kulturen. Und es gab - wie Moritz - Deutsche, die sich eine falsche Identität zugelegt haben und ins britische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert sind. So führte meine Geschichte nicht zufällig ins Heilige Land.

Speck: "Ich mache immer eine profunde historische Recherche"

Das Schreiben über den israelisch-palästinensischen Konflikt ist ein wenig so wie ein Lauf durch ein Minenfeld.
Die Recherche hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Das Geschriebene muss bei einem so politisch aufgeladenen Thema stimmen. Ich habe mit Historikern, Journalisten und Politikern auf beiden Seiten gesprochen, jeden historischen Fakt doppelt abgesichert aus zwei Quellen und sehr viele Bücher gelesen. Ich mache immer eine profunde historische Recherche, und dann gehe ich an alle Schauplätze meines Romans und rede mit Menschen. Das war dieses Mal besonders notwendig. Ich habe häufig am selben Ort komplett unterschiedliche Narrative gehört und mir immer gedacht: Wie soll man diese Geschichte zusammen bekommen?

Der Roman bietet verschiedene Perspektiven des Konfliktes an.
Es ist das zentrale Thema des Romans, da treffen drei verschiedene Narrative der drei Protagonisten aufeinander. Jeder hat aufgrund seiner eigenen Familiengeschichte eine Teilwahrnehmung. Niemand sieht das Ganze. Und erst dadurch, dass jeder der drei seine Perspektive auf den Tisch bringt, kann ein ganzes Bild entstehen, aber auch ein gegenseitiges Verstehen.

Dem desertierten Soldaten Moritz passieren die unglaublichsten Dinge, obwohl er eigentlich ein passiver Mensch ist.
Das war eine bewusste Entscheidung. Er ist Fotograf, der die Dinge lieber beobachtet, als dass er eingreift. Er ist das Gegenteil von Victor, den er gerettet hat, der immer versucht, die Welt zu verändern. Moritz möchte sich unsichtbar machen, aus allem raushalten. Die Tragik seines Lebens ist, dass dies eben nicht gelingt, weil er doch Stellung beziehen muss, um die Menschen, die er liebt, zu beschützen. Dadurch verstrickt er sich wieder in Schuld, obwohl er gerade diese wieder gut machen will. Mein Fokus liegt immer darauf, zu erzählen, was die große Geschichte mit den kleinen Menschen macht.

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Speck: "Ich möchte in keiner Schublade feststecken"

Es ist gewaltiger Weg von der Drehbucharbeit an seichteren Komödien wie "Maria, ihm schmeckt's nicht!" zu so einem politisch aufgeladenen Epos wie "Jaffa Road".
Bei den Komödien, die ich als Drehbuchautor geschrieben habe, kam ich an den Punkt, an dem ich merkte, dass ich ein anderes Genre brauche, um das zu erzählen, was mir wichtig ist. Aber wenn Du in Deutschland einmal Komödien schreibst, dann bekommst Du auch immer nur dafür Anfragen. So habe ich mir überlegt, dass ich die Geschichte der Gastarbeiter als Familiensaga über drei Generationen erzählen möchte, mit der notwendige Tiefe. Daraus entstand "Bella Germania". Das war keine Komödie mehr, da geht es um schwierige Zeiten, auch um die Frage, wie Familien durch die Migration zerrissen werden. Der Roman wurde ein großer Überraschungserfolg und der Verlag fragte mich, ob ich noch eine deutsch-italienische Geschichte schreiben wolle. Aber ich möchte in keiner Schublade feststecken, sondern mich mit jedem Buch weiterentwickeln.

Wenigstens eine Parallele gibt es: Sie erzählen wieder über drei Generationen.
Ich brauche anscheinend immer drei Generationen, weil ich erzählen will, was von einer Generation auf die andere übertragen wird. Es gibt das Bild des Koffers, diese Idee, dass jeder von uns einen unsichtbaren Koffer mit sich herumträgt, in dem die Geschichten der Eltern aufbewahrt sind, mit all den Wunden, unerfüllten Träumen und ungelösten Konflikten. All das schultert jeder von uns unbewusst. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man erwachsen genug ist, um den Koffer auszupacken, und sich entscheiden muss, was davon wirklich zu einem selbst gehört. In "Jaffa Road" öffnen sich drei Menschen aus drei Nationen gegenseitig ihre Koffer.

Sie sind Drehbuchautor, aber "Jaffa Road" spielt über ein halbes Jahrhundert an sehr vielen Schauplätzen. Das ist für eine Verfilmung wohl zu aufwendig und teuer?
Klar geht das, in Zeiten von virtuellen Kulissen geht alles! Wenn man in "Dunkirk" die britische Flotte per Computer erzeugt, kann man auch "Piccola Sicilia" und "Jaffa Road" inszenieren. Ich möchte aus beiden Büchern eine TV-Serie machen. In meinem Kopf sind das drei Staffeln. Natürlich kosten historische Serien mehr, aber man muss das international machen. Es gibt auch schon Anfragen.


Daniel Speck stellt "Jaffa Road" (Fischer, 670 Seiten, 16,99 Euro) am 26. März um 20 Uhr mit Jan Weiler im Literaturhaus vor. Ein Stream kann bis 60 Minuten vorher gebucht werden: stream.reservix.io/e1649856.

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