Interview

Roman "Glückskinder": Lucky Strikes gegen Gänseschmalz

Die Münchner Autorin Teresa Simon beschreibt in "Glückskinder" die Anfangszeit in der Stadt nach 1945.
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Was haben Sie denn da? Auch die Polizei interessiert sich für den Schwarzmarkt in der Möhlstraße.
Was haben Sie denn da? Auch die Polizei interessiert sich für den Schwarzmarkt in der Möhlstraße. © Stadtarchiv

München - Für die meisten ist es eine Befreiung, als Ende April 1945 die US-Armee München erreicht. Griet, eine junge holländische Zwangsarbeiterin, findet bald im US-Captain Walker eine persönlichen Beschützer.

Die Münchnerin Toni verliebt sich in den zwielichtigen Louis, der eine wichtige Rolle auf dem Schwarzmarkt in der Bogenhausener Möhlstraße spielt. Im Roman "Glückskinder" schreibt Teresa Simon mit viel Lokalkolorit von der Liebe nach dem Krieg und emotionalen Erschütterungen in schwierigen Zeiten.

Simons Buch handelt von der Zeit des Neuanfangs in München

AZ: Frau Simon als Autorin haben Sie schon viele Epochen bereist. Wie kamen Sie nun auf die Zeit des Zusammenbruchs und Neuanfangs in München?
TERESA SIMON: Das Thema beschäftigt mich schon, seit ich als Studentin in der Möhlstraße Post ausgetragen habe und mich angesichts dieser Villengegend schon damals fragte, wie es dort wohl nach dem Krieg aussah. Ich bin zufällig auf einen Bildband von Willibald Karl über die Möhlstraße gestoßen und habe dort die ganzen Holzbuden gesehen, rund 100 Geschäfte. So bin ich in die Schwarzmarktthematik eingestiegen. Ich habe das Buch meinem Vater gewidmet. Er ist ein gebürtiger Münchner und kam aus der Maxvorstadt. Er wurde im Krieg ausgebombt und ist dann zu seiner Tante in die Ismaninger Straße gezogen, so wie Toni im Roman.

Wenn man einen historischen Roman über München schreibt muss jedes Detail stimmen.
Ich sage immer, hinter jedem meiner Romane stecken auch bis zu 200 Bücher Sekundärliteratur. Ich bin da sehr gründlich, weil schnell Fehler passieren können. Ich wollte zum Beispiel ursprünglich eine Person zum Beten in eine Kirche schicken. Später fand ich heraus, dass diese Kirche drei Jahre zuvor abgebrannt war. Ich habe viele Mittelalterromane geschrieben. Die müssen natürlich auch stimmen, aber was die Kulisse betrifft, hat man viel mehr Freiheit.

Simon: "Ich habe viel Zeit im Stadtarchiv verbracht"

Ich wusste gar nicht, dass die Amerikaner die ersten Wochen nach dem Krieg Fahrräder konfiszierten.
Deutsche sollten zu Fuß laufen! Das ging aber auch nur bis Mitte Mai so. Ich habe viel Zeit im Stadtarchiv verbracht. Ein Thema, das im Buch auftaucht, ist mir ganz besonders wichtig: das KZ-Außenlager mitten in Giesing. Die Frauen mussten als Zwangsarbeiterinnen bei der Agfa Zündköpfe zusammenschrauben. Das war auch für mich neu. Auch darüber gibt es ein wunderbares Buch, "Kamera" von Alexander Steig, der auf dem Gebiet des ehemaligen Außenlagers mit einer Kunstinstallation an die Geschichte erinnert hat. Auch daran, dass am 28. April die völlig entkräfteten Insassen noch über Schäftlarn nach Wolfratshausen marschieren mussten, wo sie schließlich auf einem Bauernhof die Ankunft der Amerikaner erwarteten.

 

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Ein weiteres historisches Fundstück ist ein Kochbuch aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Ich habe das Buch beim Antiquar gekauft, es ist wirklich eine Rarität. Das ist auf Notpapier gedruckt worden, man hat fast das Gefühl, dass es zerfällt, wenn man es umblättert. Aber es ist original lizensiert von der amerikanischen Militärbehörde: Greta Boruttas "Gute Kost in magerer Zeit" erschien 1946 im Michael Beckstein Verlag. Ich habe das Buch in den Roman eingebaut und Rezepte angefügt.

Münchner in der Hungersnot: Kalorienzuteilung lag bei 1240 Kalorien

Kochen hieß wohl eher den Mangel kaschieren.
Die Leute haben einfach wahnsinnig gehungert, die Kalorienzuteilung lag bei 1240 Kalorien. Und selbst die Essensmarken haben ja nichts genutzt, wenn die Geschäfte keine Waren mehr hatten. Dann blieb halt nur noch der Schwarzmarkt. Und dann kam dieser irrsinnig kalte Jahrhundertwinter 1946/47. Ein geflügeltes Wort in Berlin hieß damals "Wer hungern kann, der kann auch frieren". Mehr als Galgenhumor blieb den Menschen ja nicht.

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Sie beschreiben auch den Wiederbeginn des literarischen Lebens in München. Ihr Dichter Egon Blau erinnert stark an...
Eugen Roth, natürlich. Ich konnte aber nicht die reale Figur nehmen, weil im Roman das Buch mit den Gedichten ein Jahr früher erscheint, als Eugen Roth in Wahrheit publizierte. Man muss sich das mal vorstellen: Roth hat mit seinen Gedichtbänden eine halbe Millionen Leser erreicht, manchmal noch mehr. Das wäre heute undenkbar. Die Szenen, wie meine Protagonistin Toni den Dichter Zuhause besucht, habe ich von meiner Tante, die als Verlagsmitarbeiterin, Eugen Roth betreute.

Schwarzmarkt an der Möhlstraße

Zurück zur Möhlstraße, zum Schwarzmarkt, der auch die Währungsreform überlebte.
Natürlich begann auch dort der Schwarzmarkt improvisiert, Menschen standen herum oder deponierten ihre Ware auf der Straße. Aber dann kamen schon die Bretterbuden und später stabile Geschäfte. Die letzten Buden wurden dort erst 1952 abgerissen.

Es gab viele jüdische Händler, das klingt erst einmal überraschend.
Es gab 1946 Juden, die den Holocaust in Osteuropa überlebt hatten und vor einem neuen Antisemitismus dort ins Land der Täter flohen. Als Zwischenstation natürlich, die meisten wollten in die USA oder nach Palästina. Und später natürlich in das neu gegründete Israel. Der Schwarzmarkt in der Möhlstraße war gewissermaßen von den Amerikanern geduldet, weil es auch darum ging, die Versorgung von zehntausenden Displaced Persons zu organisieren.

Gänseschmalz als Tauschobjekt für Lucky Strikes

Im Roman wird Gänseschmalz zum Spekulationsobjekt.
Auch diese Geschichte ist real. Karl Sapper, ein Freund von mir, war damals 8 Jahre alt und hat mir erzählt, wie er mit seiner Mutter das Schmalz dann in Stangen von Lucky Strikes umgetauscht hat.

Es gibt wilde Szenen von Plünderungen in Ihrem Buch.
Ältere Zeitgenossen erinnern sich noch an die Plünderung des "Schatzes der Goldfasane", das Lager der Nazi-Bonzen im Hauptzollamt in der Landsberger Straße. Und es gab den Sturm auf die Praterinsel, wo bei Riemerschmid der Zucker und die ganzen Liköre gestohlen wurde. Die Nachricht hat sich natürlich wie ein Lauffeuer verbreitet.


Teresa Simon: "Glückskinder" (Heyne, 510 Seiten, 10,99 Euro)

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