Puppenkiste-Roman "Herzfaden": Die Magie des Holzwackelns

Thomas Hettches fantasievoller Roman über die Geschichte der Augsburger Puppenkiste: "Herzfaden".
| Philipp Seidel
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Hannelore Marschall-Oehmichen mit ihren Söhnen Klaus (links) und Jürgen Marschall sowie den Puppen Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auf der Bühne der Augsburger Puppenkiste. Die Familie Marschall betreibt die Augsburger Puppenkiste.
Hannelore Marschall-Oehmichen mit ihren Söhnen Klaus (links) und Jürgen Marschall sowie den Puppen Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auf der Bühne der Augsburger Puppenkiste. Die Familie Marschall betreibt die Augsburger Puppenkiste. © picture-alliance / dpa/dpaweb

München - Das Grauen des Zweiten Weltkriegs und das Grau der Nachkriegszeit treffen auf die Kraft des Puppenspiels und die Macht der Fantasie. Thomas Hettche erzählt in seinem Roman "Herzfaden" die Geschichte der Augsburger Puppenkiste - und von der Leidenschaft ihrer Erfinder, Vater Walter Oehmichen und seiner Tochter Hannelore, genannt Hatü. Das Buch hat es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft; am Dienstag stellt sich heraus, ob es auch für die Shortlist gereicht hat.

Mit diesem Stoff darf sich Hettche einer so neugierigen wie aufmerksamen Leserschaft sicher sein - immerhin sind Generationen von Fernsehzuschauern mit den tänzelnden und kopfwackelnden Marionetten wie Jim Knopf und Urmel aus dem Eis aufgewachsen. Und mit seiner klaren Sprache sollte sich für das Buch ein großes Publikum finden lassen.

Es ist ja auch eine wunderschöne Geschichte: Wie dieser Walter Oehmichen in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft von einem Frontpuppenspieler - die zur Unterhaltung der Soldaten im Einsatz waren - das Marionetten-Schnitzen lernt und bald in Augsburg seine eigene kleine Puppenbühne eröffnet. Auch weil er als ehemaliger Landesleiter der Reichstheaterkammer nicht entnazifiziert wird und also nicht zurück ans Augsburger Theater darf.

Tochter Hatü: Zentrale Figur des Romans

Umso mehr will er seine vor allem jungen Zuschauer von der dunklen NS-Indoktrination befreien: "Wir müssen die Herzen der Jugend erreichen, die von den Nazis verdorben wurden. Und die Fäden, mit denen wir sie wieder an die Kultur anknüpfen, das sind die Fäden meiner Marionetten."

Für seine Tochter Hatü, die zentrale Figur des Romans, wird das Marionettentheater zur leidenschaftlich ausgefüllten Lebensaufgabe. Wir lesen, wie das Mädchen zur Frau heranwächst, wir erleben ihre Verunsicherung und Angst, als die Juden allmählich aus der Augsburger Öffentlichkeit verschwinden, und wir verfolgen, wie die bunte Augsburger Puppenschar und die Menschen hinter den Fadenfiguren für Hatü mehr und mehr zur Ersatzfamilie werden.

Und wir sehen auch, wie sich die junge Generation von der älteren emanzipiert - indem sie sich zum Beispiel ihre eigenen Stücke für die Puppenkiste heraussucht. Als erstes Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" und dessen damals noch nicht zu Tode zitierten Satz vom Herzen und den Augen und dem Unsichtbarsein.

Historische und heutige Ebene im Roman

In diese Hauptgeschichte hinein webt Thomas Hettche eine zweite, fantastische, heutige Zeitebene, in der wir Hatü als älterer Frau begegnen. Sie ist zwar längst tot, wie sie selbst sagt, lebt aber weiter in einer Theaterbachboden-Zwischenwelt unter all den Marionetten, die sie im Lauf ihres Lebens geschnitzt hat. Dort trifft sie auf ein Mädchen, das namenlos bleibt und seinem Vater nach dem Theaterbesuch davongelaufen ist. Es gilt, ein altes Trauma aufzuarbeiten.

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Das zweifarbige Druckbild von "Herzfaden" - Blau für die historische Ebene der Kriegs- und Nachkriegszeit, Rot für die heutige - erinnert natürlich an "Die unendliche Geschichte". Deren Autor Michael Ende kommt sogar als Figur bei Hettche vor - das Abenteuer von Jim Knopf soll von der Puppenkiste wie ein Spielfilm für das damals noch junge Medium Fernsehen aufbereitet werden. Hatü fährt nach München, um den damals gerade bekannt werdenden Autor zu treffen.

Marionettentheater: Nur was für Kinder?

Die Puppenkiste wird für Hatü zur eigenen kleinen Welt innerhalb der unübersichtlichen, schmerzreichen wirklichen Welt. Wenn man das Buch zuklappt, hat man das dringende Bedürfnis, sich einmal wieder ein Stück der Augsburger Puppenkiste anzusehen.

"Herzfaden" entfacht ganz nebenbei die im Kindesalter geweckte Faszination am nur vermeintlich schlichten, groben Marionettenspiel neu. Was auch die im Buch immer wieder angesprochene Frage beantwortet: ob nicht Marionettentheater nur was für Kinder sei? Hettche lässt Walter Oehmichen einmal über das Faszinosum Puppenspiel sagen: "Wir wackeln mit einem Stück Holz! Alles andere geschieht im Kopf des Zuschauers." Das klappt in jedem Alter, vorausgesetzt, der Kopf wird benutzt.


Thomas Hettche: "Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste" (Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 24 Euro)

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