"Der Kaiser, dem die Welt zerbrach" - Heinz Schillings neues Buch über Karl V.

Der Historiker Heinz Schilling hat über Karl V., den "Kaiser, dem die Welt zerbrach", ein erhellendes wie aufregend zu lesendes Buch geschrieben.
| Prof. Dr. Martin Balle
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Tizians Reiterporträt von 1548 zeigt Karl V. als siegreichen Feldherren nach der Schlacht bei Mühlberg. Das kaiserliche Heer bezwang dort am 24. April 1547 die Truppen des Schmalkaldischen Bundes protestantischer Fürsten und Städte.
Tizians Reiterporträt von 1548 zeigt Karl V. als siegreichen Feldherren nach der Schlacht bei Mühlberg. Das kaiserliche Heer bezwang dort am 24. April 1547 die Truppen des Schmalkaldischen Bundes protestantischer Fürsten und Städte. © Museo Nacional del Prado

Um unsere Gegenwart zu verstehen, schauen wir gerne zurück auf unsere Geschichte. Auf das 20. Jahrhundert mit seinen schrecklichen Kriegen, der Teilung der Welt in zwei feindliche Blöcke, dann die Neuordnung in einem Europa, das in sich zerrissen bleibt und im neuen Jahrtausend immer stärker zeigt, dass die Risse nicht weniger, sondern mehr und stärker werden.

Rückblick in die Geschichte

Oder das 19. Jahrhundert, als sich die Nationen bilden, in Deutschland 1871, nachdem Frankreich besiegt worden ist und die deutsch-französische Feindschaft über fast 100 Jahre so richtig beginnt.

Allenfalls blicken wir noch zurück ins 18. Jahrhundert, auf Goethe und Schiller, aber vor allem auf Kant und seinen Ruf, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu erwachen.

Das Ende der Monarchie in Frankreich mit der blutigen Französischen Revolution 1789, der Beginn von Parlamentarismus und Demokratie, in Deutschland dann erst 150 Jahre später, wovon die Historiker noch immer erzählen.


Was wir allzu leicht vergessen: Es ist das 16. Jahrhundert, das die neuen Fundamente bildet, auf denen die europäische Welt bis heute immer noch ruht. Luthers Einspruch gegen die Dekadenz der Kirche, ein Aufbruch des Denkens, den Philosophen durchaus als Frühaufklärung bezeichnen, die Erfindung der Druckerpresse, die die Welt verändert - und gleichzeitig mit dem Schiff der Aufbruch zu den neuen Kontinenten dieser Erde, die plötzlich zugänglich werden.

Zugleich der Blick zurück auf die Jahrhunderte des Mittelalters mit all seinen Herrschern und Traditionen, die noch nicht Geschichte sind, sondern ihre Prägekraft auf dieses 16. Jahrhundert mit all ihrer Macht ausüben.

"Sattelzeit zwischen Mittelalter und Neuzeit"

"Der Kaiser, dem die Welt zerbrach", so nennt der Historiker Heinz Schilling sein hervorragendes Porträt über Karl V., der die zentrale Figur dieses Jahrhunderts der anbrechenden Moderne ist. Er beschreibt mit ihm aber nicht nur einen faszinierenden Kaiser, sondern er wirft zugleich einen tiefen Blick in diese Zeit, die er so aus gutem Grund "die Sattelzeit zwischen Mittelalter und Neuzeit" nennt.

Jetzt im Oktober sind es exakt 500 Jahre, dass sich Karl im Dom zu Aachen zum Deutschen König und zum Römischen Kaiser wählen lässt. Und damit eine Regierungszeit beginnt, die 35 Jahre dauern und ihre Prägekraft auf die ganze Welt und ihre Zukunft ausdehnen sollte.

Was heute oft vergessen wird, ist, dass dieser deutsche König Karl V. kein Wort Deutsch sprach und dass sich um die deutsche Krone auch die anderen Herrschaftshäuser bewarben: Heinrich VIII. von England und Franz I. von Frankreich.

Noch machten die Königshäuser Europas die Macht unter sich aus und warben um die Stimmen der sieben Kurfürsten, die nach der deutschen Verfassungsurkunde, der Goldenen Bulle aus dem Jahr 1356, bestimmen sollten, wer König und Kaiser werden dürfe.

Man fühlt sich ins 16. Jahrhundert zurückversetzt

Die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier und die Kurfürsten von Brandenburg, Sachsen, der Pfalz und der König von Böhmen, das waren die Herren des Verfahrens. Eine Million Goldgulden kostete es am Ende das Haus Habsburg, die Wahl für sich zu entscheiden, und es war nicht zuletzt die Familie der Augsburger Fugger, eine frühkapitalistische bürgerliche Welt also, die diese Wahl möglich machte.

Aus Burgund stammt Karl V., so dass die Städte, aus denen unser heutiges Europa herauswächst, nicht Paris oder Berlin heißen, sondern Gent, Brüssel oder Antwerpen. Im heutigen Belgien und Holland, aus dem damaligen Burgund, das zwischen Frankreich und Deutschland liegt, entspringt die Hochkultur des Spätmittelalters, in der Karl V. aufwächst.

Mit seinem Bruder Ferdinand beherrscht er Spanien und Deutschland, dazwischen liegt Frankreich, mit dem die Kriege geführt werden. Aber mächtig sind nicht nur die anderen Könige in Frankreich und England, sondern vor allem auch die Fürsten und Herzöge, also die Reichsstände, aber auch die aufblühenden Städte, mit denen es sich ständig ins Benehmen zu setzen gilt.

Davon erzählt der Historiker Heinz Schilling so spannend, dass man sich buchstäblich ins 16. Jahrhundert zurückversetzt fühlt.

Papst ist mächtig und will immer noch mehr Macht

Als Karl 1538 in Spanien erfährt, dass sich seine Geburtsstadt Gent den Steuerforderungen seiner Statthalterin widersetzt, eilt er nach Hause und lässt die Rädelsführer mitten in der Stadt köpfen. Die Entschuldigung des Stadtrats nimmt er nur in einer "demütigenden Bittprozession im Büßerhemd und mit dem Galgenstrick um den Hals" an.

Harte Zeiten! Aber auch nicht leichter für seine eigenen Schwestern, die im Rahmen der königlichen Verwandtschaft dorthin verheiratet werden, wo es politisch Sinn macht. Für Liebe und Gefühle ist kein Platz, obwohl der eine oder die andere schon damals unter solcher Politik leidet.

Von Luther weiß Karl noch nicht, dass er eine eigene Konfession gründen wird, weil Luther das selbst noch nicht weiß. Noch kämpfen alle Beteiligten um den rechten Weg zu Gott, Erasmus sanfter als Luther und Melanchthon maßvoller als Calvin. Wer am Ende die Geschichte prägen wird, wissen jetzt noch nicht einmal die Beteiligten selbst.

Und der Papst ist mächtig und will immer noch mehr Macht, Karl V. ist dagegen tiefgläubig und mehr Christ als die Päpste seiner Zeit. Gemeinsam verteidigt man Europa gegen die Türken, aber erst der uneheliche Sohn von Karl V., Don Juan de Austria, wird es sein, der 1572 die Vormacht der Türken endgültig bricht.

Deutschland ist noch keine Nation

Ein "Reisekaiser" ist Karl V., nirgends zu Hause, immer unterwegs, um den Raum seiner Herrschaftsmacht abzusichern. Um sich zu entspannen, trinkt er maßlos Bier, was ihm am Ende nicht bekommt.

Wie auch Deutschland ist Italien noch Jahrhunderte lang keine Nation. Jetzt kämpfen Frankreich, der Kaiser und der Papst um Mailand oder auch Parma und all die anderen Herzogtümer, die es da gibt. Oder es wird auch hier geheiratet zwischen der Verwandtschaft der Päpste und der Tochter des Kaisers, damit endlich auch in Italien Frieden herrscht. Fragt sich nur immer, wie lange. Und immer sind es Macht und Religion, die als entscheidende Motive die Geschichte prägen.

So machtvoll sich Karl V. in der ganzen Welt auch durchsetzen will, so sehr glaubt er, dies im Auftrag Gottes zu tun. Als im Augsburger Religionsfrieden 1555 ein Kompromiss mit dem neuen Glauben gemacht werden muss, der dem persönlichen Glauben des Kaisers zutiefst widerstrebt, glaubt er sich von Gott nicht mehr getragen - und tritt als Kaiser zurück.

Heinz Schilling: "Wenn ein Weiterregieren das Heil seiner Seele in Gefahr brachte, dann hatte er das Recht, ja die Pflicht abzudanken. Darüber waren sich die Humanisten und Theologen einig. Mit dieser Lehre war Karl großgeworden. Der Verzicht Kaiser Karls V. war zugleich ein Akt tiefer Herrscherhumanität in einem Moment, in dem der skrupellose Realismus machiavellistischer Politiktheorie sich in Europa seinen Weg bahnte."

Ein glänzendes Buch, das sich wie ein Krimi liest

Keine zwei Jahre bleiben Karl noch, der sich jetzt als Privatmann, dankbar, dass seine Regierungszeit vorbei ist, in ein Haus auf einem Klostergelände der Hieronymitenmönche nach Spanien zurückzieht. Als er im September 1558 stirbt, ist der ehemals mächtigste Mann seiner Welt voller Angst, ob Gott seine Seele erlösen wird.

An seinem Sterbebett steht der Erzbischof von Toledo Batolomé de Carranza, der ihn mit dem Satz tröstet: "Eure Majestät setzt Ihr ganzes Vertrauen auf das Leiden Christi, unseres Erlösers. Alles andere ist lächerlich", um ihm so in der Todesstunde die Angst zu nehmen. Ein wunderbarer Satz.

Nach dem Tod des Kaisers wird der Erzbischof für diesen Satz 15 Jahre in spanischen und italienischen Kerkern eingesperrt, weil er als "Verspottung und (protestantische) Missachtung des katholischen Bußsakraments ausgelegt" wurde. Harte Zeiten, brutale Zeiten!

Der Historiker Heinz Schilling hat mit seinem Porträt über Karl V. ein glänzendes Buch geschrieben, das sich stellenweise wie ein Krimi liest. Jedem, der sich für die Geschichte Europas interessiert, sei es unbedingt ans Herz gelegt!

Heinz Schilling: "Karl V. DerKaiser, dem die Welt zerbrach", (C.H. Beck, 457 S., 29,95 Euro, als E-Book 22,99 Euro)

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