Neues Buch: "Ikonen der Kunst" - Der Schrei der Nofretete

Ein originelles, gut geschriebenes Buch erklärt die "Ikonen der Kunst" und sagt uns, wie sie dazu wurden.
| Roberta De Righi
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Nofretete - hier mit Sonnenbrillen vervielfältigt von Isa Genzken 2016 im Martin-Gropius-Bau.
Nofretete - hier mit Sonnenbrillen vervielfältigt von Isa Genzken 2016 im Martin-Gropius-Bau. © Kalaene/dpa

Was haben Venus von Milo, Mona Lisa, Rembrandts "Nachtwache" und Munchs "Schrei" gemeinsam? Sie gelten als Kunstwerke mit Kultstatus, die vor Corona in den Museen für Besucherschlangen sorgten - und machen sich gut als Selfie-Trophäen auf Instagram.

Katja Lembke, Archäologin, Ägyptologin und Direktorin des Niedersächsischen Landesmuseums erklärt in ihrem Buch "Ikonen der Kunst", wie diese zu dem wurden, was sie sind. Dafür bringt sie 25 internationale Beispiele, deren Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte sie in kurzweiligen Kapiteln zusammenfasst - von der Nofretete zu Picassos "Guernica".

Alle Objekte der Begierde versprechen spannende Geschichten

Ihre Herangehensweise zeichnet sich dadurch aus, dass sie die einschlägigen Quellen - ob Vasari oder Jacob Burckhardt -, und die aktuelle Wahrnehmung als Belege heranzieht, um den Ikonen-Status zu erklären: etwa die Rezeption in Kinofilmen wie "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" und "Monuments Men".

Oder das "Apeshit"-Video von Beyoncé und Zay-Z aus dem Jahr 2018: Ein Marketing-Coup, in dem das Musiker-Paar den Louvre funkeln lässt, und die Kunst die Pop-Kultur veredeln darf. Darin kommt auch die Nike von Samothrake auf der Prachttreppe bestens zur Geltung. 

Massen-Reproduktion der Shops erhält den Kultstatus 

Dass der beflügelte Torso wie die römische Laokoon-Gruppe seit Jahrhunderten die Fantasie der Betrachtenden anregt, dürfte nicht zuletzt an ihrer Unvollkommenheit liegen. Und die massenhafte Reproduktion der Shops sorgt dafür, dass der Kultstatus erhalten bleibt.

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Was bei Michelangelos "Schöpfung" oder Monets "Seerosen" dazu führt, dass deren Aura - nicht ganz so wie bei dem Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892-1940) formuliert - vor allem durch den Besucheransturm leidet.

Alle Ikonen garantieren spannende Stories, etwa der Genter Altar: Die Odyssee des 1432 vollendeten Hauptwerks der van-Eyck-Brüder durch die Jahrhunderte erzählt Lembke nach: vom Verkauf der Flügel nach Berlin über deren Rückgabe im Rahmen des Versailler Vertrages bis zum Transport ins Salzbergwerk bei Bad Aussee, dessen Sprengung durch die Nazis eben jene erwähnen und verfilmten "Monuments Men" im letzten Moment verhinderten.

Den traditionellen Eurozentrismus der Kunstgeschichte versucht die Autorin mit Hokusais Holzschnitt "Große Welle", die Terrakotta-Armee und den zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan aufzubrechen. Dabei verweist diese schmale Zahl außereuropäischer Ikonen auf unser eigenes Banausentum: So erläutert Lembke, dass man zwar in Asien Mozart und Beethoven verehre, umgekehrt das aber bisher kaum funktioniere, weshalb der Ruhm von Exponaten etwa im Pekinger Nationalmuseum noch nicht bis hierher gedrungen sei.

Japonismus und die Begeisterung der Impressionisten

Die Welle des Japonismus schwappte an der Schwelle zur Moderne allerdings um den Globus nach Europa. Ein Hauptwerk war eben "Die große Welle von Kanagawa" von 1831, eine der "36 Ansichten des Berges Fuji", der klein im Hintergrund aufragt. Die Begeisterung der Impressionisten und van Goghs für diese graphisch perfekt austarierte Momentaufnahme kann man sich vorstellen. Dass der (auf dem Münchner Südfriedhof begrabene) Arzt und Japan-Reisende Philipp Franz von Siebold als einer der ersten Hokusais Holzschnitte sammelte, sei hier nebenbei erwähnt.

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Die globale ikonische Bedeutung der in den Fels gehauenen Buddhas von Bamiyan wiederum bewies sich erst im Akt ihrer Sprengung durch die Taliban 2001 auf martialische Weise. Der Status der Ikone, die ursprünglich ja in religiösem Kontext stand, kann Vandalismus oder Diebstahl ("Mona Lisa", "Der Schrei") offenbaren, aber eben auch starke Gefährdung mit sich bringen.

Katja Lembke: Blick für charmante Nebenaspekte

Die Grenzen von Kulturgutschutz und Restitutionswille zeigt die Ägyptologin anhand der Nofretete-Büste auf, deren Reise nach Berlin 1913 wohl auf eine Fehleinschätzung der für die Fundteilung Verantwortlichen zurückgeht. Obwohl Ägypten zuletzt 2011 die Rückgabe forderte, wurde jene als Teil deutschen Kulturguts definiert, das "durch seine "Vergangenheit eine besondere Bedeutung für die deutsche Nation gewonnen habe". Da zählen über 3.000 Jahre am Nil nichts gegen knapp über hundert Jahre an der Spree.

Dass Katja Lembke zur Nofretete darüber hinaus noch Nebenaspekte zu berichten weiß, wie dass Kult-Rapper Tupac sie als Tattoo auf der Brust getragen habe, macht die charmante Besonderheit ihres Buches aus.


Katja Lembke: "Ikonen der Kunst" (Prestel, 231 Seiten, 22 Euro)

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