Javier Cercas' Krimi-Debüt "Terra Alta": Ermitteln mit Victor Hugo

Selbstjustiz und die Liebe zur Literatur: Javier Cercas' furioser Krimi "Terra Alta".
| Volker Isfort
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Der spanische Journalist und Autor Javier Cercas.
Der spanische Journalist und Autor Javier Cercas. © David Oller/imago

So einen Ermittler hat es auch noch nicht gegeben: Der Spanier Melchor Marín, Sohn einer ermordeten Prostituierten, war als junger Mann Handlanger eines Drogenkartells und lernte im Gefängnis durch einen Mitinsassen die Liebe zur Literatur kennen.

Eine Menge offener Rechnungen mit der Gesellschaft

Der Bücherwurm verschlingt in seiner Freizeit zwar halbe Bibliotheken, hat jedoch einen klaren Favoriten, das Buch, mit dem seine Wandlung begann: "Les Misérables" von Victor Hugo. Denn Marín hat das Gefühl, das Buch handele von ihm.

Wie der Romanheld Jean Valjean, der Brot stahl und nach gescheiterten Fluchtversuchen schließlich 19 Jahre im Gefängnis verbrachte, hat auch Marín eine Menge offener Rechnungen mit der Gesellschaft.

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Ein Mann der Rache

Schließlich muss er die Mörder seiner Mutter finden. Die Polizei hat die Suche längst eingestellt. Die Identifikation mit Hugos Roman geht so weit, dass Marín seine eigene Tochter Cosette genannt hat.

Aber Marín ist kein Mann für das Familienglück, er ist ein Mann der Rache, der auch als Polizist nicht davor zurückschreckt, Selbstjustiz anzuwenden, wenn ein Mann Gewalt gegen Frauen verübt hat.

Cercas' Debüt ist ein Bestseller

Diese wilde Vita für seinen Roman noir hat sich der spanische Autor Javier Cercas ausgedacht und damit auch gleich ins Schwarze getroffen. Sein Krimi-Debüt gewann 2019 den mit 600.000 Euro dotierten Premio Planeta und wurde ein Bestseller.

Cercas - hierzulande für seinen Roman "Soldaten von Salamis" bekannt, der in den Spanischen Bürgerkrieg führt, und vor allem für seine hochspannende Analyse des gescheiterten Militärputschs von 1981 ("Anatomie eines Augenblicks) - bleibt selbstverständlich auch im Krimifach seinem Interesse an Geschichte und Literatur treu.

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Das macht "Terra Alta - Geschichte einer Rache" zu einem furiosen Debüt, auch wenn die eigentliche Krimihandlung bisweilen unter der umfangreichen Vorgeschichte des Ermittlers leidet und die spanisch-katalanischen Verwerfungen ebenso im Hintergrund rumoren wie das nie überwundene Trauma des Bürgerkriegs.

Provinz statt TV-Prominenz

Marín hat sich in die katalanische Provinz versetzen lassen, um aus der medialen Schusslinie zu geraten, schließlich hat er in Cambrils die fünf IS-Attentäter erschossen, die in den Terroranschlag in Barcelona verstrickt waren, bei dem am 17. August 2017 insgesamt 15 Menschen starben. Doch der "Held von Cambrils" will keine Titelstories und TV-Prominenz, sondern die Anonymität in der Provinz.

Verdächtige gibt es bei dem Dreifachmord genug

Es kommt, wie es kommen muss: Das Ruheprojekt wird durch einen Dreifachmord torpediert. Das hochbetagte Unternehmerehepaar Adells ist in seiner Villa förmlich abgeschlachtet worden - und die rumänische Hausangestellte wurde erschossen.

Verdächtige gibt es genug, der Alte war in seinen unternehmerischen Methoden nicht zimperlich und auch in der Familie stimmt längst nicht alles. Doch die Ermittlungen laufen in eine Richtung, die Marín seltsam vorkommt. Er muss versteckt seinem Instinkt folgen.

In Spanien ist bereits der zweite Fall erschienen

Nicht alle angerissenen Probleme kann Melchior Marín bis zum Romanende lösen, aber in Spanien ist mit "Independencia" bereits der zweite Fall erschienen, in dem "der Held von Cambrils" noch eine weitere Rolle erfüllt: Der Polizist ist mit "Terra Alta" Romanautor seiner eigenen Geschichte geworden.

Javier Cercas: "Terra Alta" (S. Fischer, 428 Seiten, 24 Euro)

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