Exzentrische, literarische Spritztour durch Deutschland

Pia Volk bereist und beschreibt "Deutschlands schrägste Orte". Nur zu München fällt ihr nichts G'scheits ein.
| Roberta de Righi
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Abenddämmerung im "Winter Wunderland Drive-In" im Wunderland Kalkar.
Abenddämmerung im "Winter Wunderland Drive-In" im Wunderland Kalkar. © picture alliance/dpa

Für die Osterferien dürfte klar sein, dass man außer nach Mallorca höchstens mit Bahn oder Auto in die deutsche Provinz reisen kann. Oder man unternimmt mit Pia Volk eine literarische Tour zu "Deutschlands schrägsten Orten". Vor Corona war die Ethnologin und Geographin aus Leipzig als Journalistin und um die Welt unterwegs. 2020 hat sie sich für ihr Buch auf den Weg gemacht, um zwischen Rügen und Regensburg, Kalkar und Krausnick bemerkenswerte und bizarre Bau- und Naturdenkmäler zu finden.

Eine erheiternde und erhellende Lektüre, die allerhand Erstaunliches zu Tage fördert, wie das Haus des Malers Karl Junker in Lemgo, der ein Leben als Einsiedler und Eigenbrötler lebte und sein großes, leeres Haus üppig mit Farbe und Ornament überzog. Aber auch Niederschmetterndes wie das NS-Musterdorf Alt Rhese an der Mecklenburgischen Seenplatte, wo die nationalsozialistische Ärzteschaft in "Rassenhygiene" und damit in Euthanasie unterrichtet wurde.

Industriebrachen werden zu Freizeitparks

Man wird außerdem feststellen, dass umgenutzte Industriebrachen meist zu Freizeitparks werden: So wie die Investitionsruine des Schnellen Brüters in Kalkar/NRW und die einstige Braunkohle-Abraumhalde "Ferropolis" in Sachsen-Anhalt - oder die gigantische Halle der insolventen Cargo-Lifter AG in Krausnick/Brandenburg, die zu "Tropical Islands" mit dem größten Indoor-Regenwald Europas umgebaut wurde. Wem das zu künstlich und bizarr ist, der kann stattdessen mit der Autorin faszinierende Ur-Landschaften erwandern, etwa die karstige Hochebene des "Gottesacker" hoch über dem Kleinwalsertal oder den Meteoritenkrater des Nördlinger Rieses.

Nebenbei erzählt Volk auch denkwürdige Biografien wie die der "Keplerin" nach: Die Mutter des Astronomen und Mathematikers Johannes Kepler wurde im württembergischen Güglingen 1615 als "Hexe" denunziert und 1620, mit 73 Jahren, in Ketten gelegt. Dem Scheiterhaufen entkam sie nach über einem Jahr im Kerker am Ende nur knapp, nachdem ihr berühmter Sohn eine 128-seitige Verteidigungsschrift verfasst hatte.

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Wenn man wiederum das Kapitel über das unterirdische Hilfskrankenhaus im mittelfränkischen Gunzenhausen liest, wundert man sich kaum noch, wenn die deutschen Behörden im Kampf gegen Corona ähnlich danebenliegen wie mitten im Kalten Krieg in den 1960er Jahren bei der Einschätzung der Lage nach einem nuklearen Ernstfall: Ausgelegt für 600 Patienten - mit Luftfilter und vier Duschen, aber ohne Müllsystem - für eine Dauer von 14 Tagen.

Davon abgesehen gilt der Autorin auch die Walhalla, der nach griechischem Vorbild entstandene Tempel am Donauhochufer bei Regensburg als seltsam, mit den Büsten von 130 bedeutenden Deutschen, darunter nur 7 Frauen. Und der schrägste Ort in München ist ein bisschen enttäuschend: Die Vitrine mit dem Wolpertinger im Jagd- und Fischereimuseum. Da haben Ludwigs I. Isar-Athen und die einstige "Hauptstadt der Bewegung" doch mit Sicherheit mehr zu bieten.

Pia Volk eine literarische Tour zu "Deutschlands schrägsten Orten" (C.H. Beck, 254 Seiten, 20 Euro)

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