Die Kippbilder einer Mutter

Das neue Buch des franzöischen Frankreichs Literatur-Stars Édouard Louis.
| Michael Stadler
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Édouard Louis auf der Frankfurter Buchmesse.
Édouard Louis auf der Frankfurter Buchmesse. © imago/Sven Simon

Die Entfremdung zu seiner eigenen Mutter hätte Édouard Louis fast das Leben gekostet. So zugespitzt stellt er das zumindest dar in seinem neuen Buch "Die Freiheit einer Frau", in dem er das Leben seiner Mutter Monique und sein Verhältnis zu ihr in den Fokus nimmt.

Die Mutter nimmt den Sohn nicht ernst

Édouard ist schon 16 Jahre alt und auf dem Gymnasium, als er während der Sommerferien, bei einem seiner immer rarer werdenden Besuche zu Hause, starke Bauchschmerzen verspürt. Monique spielt seinen Schmerz runter, weigert sich, den Notarzt zu rufen, weil sie in seinem Verhalten, so erkennt der Sohn, nur "eine Marotte der besseren Leute" sieht - ein übertriebenes Auf-Sich-Achtgeben, um den Klassenunterschied zu betonen.

Dramatische Pointe

Dass er auf den Arzt beharrte und sich der Schmerz als Symptom einer Blinddarmentzündung erwies, ist die dramatische Pointe dieser Episode, die laut einer Krankenschwester auch tödlich hätte enden können, wenn er nicht ins Krankenhaus gekommen wäre. Nach dem Gymnasium ging Édouard auf die Universität in Paris, entfernte sich dabei noch weiter von seinen Eltern und der Arbeiterklasse. Und gerade, als er dachte, dass das Schicksal seiner Mutter besiegelt sei, "änderte sich alles."

Ein weiteres Puzzleteil im autobiographischen Schreibprojekt

Für ein Kind mag das Leben der Eltern oft ein langer, ruhiger Fluss der immergleichen Tagesabläufe und (pathologischen) Beziehungsstrukturen sein, aber dann kommt es eben doch zu Brüchen, die denen des eigenen Lebens ähneln. Den Ereignissen im Leben der Mutter und den kleinen Verschiebungen in der eigenen Wahrnehmung, die im Lauf der Zeit entstanden, fahndet Louis in seinem neuen Buch nach und setzt dabei ein weiteres Puzzleteil in seinem autobiographischen Schreibprojekt, in dem sich klare Beschreibung und soziologische Betrachtung attraktiv vermischen.

2014 erschien sein Debütroman

In seinem 2014 erschienen Debütroman "Das Ende von Eddy" beleuchtete Édouard Louis sein Leben als homosexueller Jugendlicher in einem kleinen Dorf in der nordfranzösischen Provinz Picardie, die Armut seiner Eltern, die Demütigungen, denen er sich ausgesetzt sah, seine allmähliche Befreiung.

Traumatische Erfahrung im zweiten Buch

Nachdem er in seinem zweiten Buch "Im Herzen der Gewalt" von der traumatischen Erfahrung einer Vergewaltigung während seines Soziologiestudiums in Paris schrieb, kehrte Louis in dem Essay "Wer hat meinen Vater umgebracht?" gedanklich in sein Herkunftsmilieu zurück, um ein besseres Verständnis für seinen brutalen Vater zu erlangen, den er als Opfer der französischen Politik darstellt.

Der Papa schuftete sich für eine Fabrik und später als Straßenkehrer den Rücken kaputt - und verliert dann auch noch die Macht über Monique, die eines Tages allen Mut zusammennimmt und ihn verlässt. Auch dieser Moment gehört zu den Kippbildern, von denen es einige in "Die Freiheit einer Frau" gibt - aus Verlierern werden Gewinner und umgekehrt, befindet Louis. Die Kämpfe und Metamorphosen seiner Mutter sind zahlreich. "Combats et métamorphoses d'une femme" heißt das Buch im Original.

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Mit der Betrachtung eines Fotos lässt Louis sein Buch beginnen: Monique mit Zwanzig, wie sie im Grunde ein Selfie macht, nur dass sie damals mit einem wesentlich klobigeren Apparat hantieren musste. Das verführerische Selbstbewusstsein und das Glück, das sie für ihn auf dem Bild ausstrahlt, sollten verloren gehen.

Trennung vom gewalttätigen Trinker

Nachdem sie sich von ihrem ersten Ehemann, einem gewalttätigen Trinker, trennte, flüchtete Monique in die nächste Ehe mit einem Mann, dessen Alkoholismus sie erst nach und nach entdeckte und der sie weniger körperlich als mit Schimpfworten, auch vor anderen, verletzte. Louis schont sich selbst nicht, wenn er davon berichtet, wie er das Verhalten seines Vaters imitierte und seine Mutter abschätzig behandelte. Hass und Scham bestimmen lange Zeit sein Verhältnis zu ihr.

Eine zärtliche Hommage

Den gehobenen Jargon, den er sich im Gymnasium und später auf der Universität aneignet, setzt er ein, um seinen Aufstieg aus dem Arbeitermilieu zu markieren, womit er Monique ebenfalls verletzt. Die klare, direkte Sprache (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel), mit der er nun in die Vergangenheit abtaucht, entpuppt sich dabei als Instrument, um seiner Mutter eine zärtliche Hommage zu basteln.

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Im Nachhinein erfährt sie so die Anerkennung, die ihr im Alltag als Frau eines Trinkers und Mutter von fünf Kindern versagt blieb. Zu später Empathie gereift, erzählt Louis ihre Geschichte, wobei er oft gar nicht so viel über sie weiß, so dass ihm nur das Skizzieren bleibt. Kein Wunder, dass das Buch nur knapp über 90 Seiten hat.

Dennoch entsteht ein eindrückliches Bild einer Frau, die ihren Ausbruch aus dem Käfig der Familie - ein bereits erwachsener Bruder von Louis vegetiert weiterhin zu Hause herum - überraschend gradlinig durchzieht, mit dem bereits befreiten Édouard als Rat gebendem Fürsprecher.

Berührende Bilder

Zwei weitere, in den Text eingestreute Fotos illustrieren den Werdegang der Mutter. Zunächst Monique und Édouard in der Wohnung, im Bildzentrum der Vater. Und dann: Monique in ihren besten Jahren, wie sie Louis lächelnd über die Schulter schaut, er offenbar mit dem Handy in der Hand.

Es ist ein waschechtes Selfie und wie dieses berührende Buch gleichzeitig ein Selbst- und Mutterporträt, wobei die Kluft zwischen den beiden überwunden zu sein scheint. Ja, sieht so nicht sogar ein Happy-End aus?


Édouard Louis: "Die Freiheit einer Frau" (S. Fischer Verlag, 96 Seiten, 17 Euro)

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