Interview

Die große Freiheit der Beatles

Klaus Voormann und sein Sohn Maximilian haben den Hamburger Jahren der Band ein Buch gewidmet. Die AZ verlost es auch.
| Dominik Petzold
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Klaus Voormanns Bild einer Session zu George Harrisons "All Things Must Pass", mit ihm selbst, Eric Clapton, Ringo Starr und weiteren Legenden.
Klaus Voormanns Bild einer Session zu George Harrisons "All Things Must Pass", mit ihm selbst, Eric Clapton, Ringo Starr und weiteren Legenden. © Voormann

Paul McCartney kauert in einer Zelle der Hamburger Davidwache, John Lennon geht tieftraurig über die verregnete Reeperbahn. Und zusammen rocken sie in den Clubs von St. Pauli: Klaus Voormanns Illustrationen in "Hamburg Stomping Ground Guide 60 - 61 - 62" zeigen die blutjungen Beatles, mit denen er sich 1960 angefreundet hatte, und sein Sohn Maximilian Voormann hat die Hamburger Schauplätze gezeichnet, wie sie heute aussehen.

Im AZ-Gespräch geht es um diesen sehr empfehlenswerten kleinen Bildband, um die frühen Beatles, aber auch um spätere Jahre der Rockgeschichte - denn Klaus Voormann war als Musiker und Grafiker an vielen ihren großen Momente beteiligt.

AZ: Herr Voormann, wie kam es zu diesem Vater-Sohn-Projekt über die Hamburg-Jahre?
KLAUS VOORMANN: Mein Sohn Maxi hat in Hamburg eine Beatles-Tour gemacht und war begeistert. Er hat dabei schon den Kaiserkeller und andere Orte gezeichnet, so wie sie heute aussehen. Danach fing er an, mir Fragen zu stellen und hat sich meine alten Zeichnungen angeguckt. So ist das Buch zustande gekommen.

Klaus und Maximilian Voormann, Kommunikationsdesigner aus München.
Klaus und Maximilian Voormann, Kommunikationsdesigner aus München. © ho

Ihr Sohn zeichnet ähnlich wie Sie, oder?
Er hat mir schon als Kind immer beim Zeichnen zugeguckt und versuchte es nachzumachen, hat aber seinen eigenen Stil entwickelt. Er ist noch penibler als ich. Der Junge ist begabt, und das ist nicht das einzige, was er kann.

Die Hamburg-Jahre waren nicht nur toll

Die Hamburg-Jahre sind ein Mythos, aber für die Beatles waren sie nicht nur toll, oder?
Weiß Gott! Sie waren zwar heilfroh, dass sie aus Liverpool rauskamen und mal ordentlich spielen konnten. Das hat ihnen unheimlich gefallen, auch wenn es harte Arbeit war. Aber die Leute, die sie eingeladen haben, haben sie in die fürchterlichsten Ecken gesteckt. Sie mussten in so einer Art Besenkammer in einem Softpornokino leben, ohne Tageslicht. Um sich zu waschen, mussten sie auf das Klo des Kinos gehen. Das war schrecklich, und sie hatten keine Mama, keinen Papa, nur sich selbst auf der Bühne. Und dann hatten sie Gott sei dank uns.

Wie haben Sie und Ihre Freunde die Beatles unter Ihre Fittiche genommen?
Astrids Kirchherrs Mutter war eine tolle Köchin. Da kriegten sie tolle englische Gerichte. Und wir haben sie in die Badewanne gesteckt, haben ihnen Ausstellungen gezeigt, sie ins Kino mitgenommen oder sind mit ihnen an die Ostsee gefahren. So hatten sie ein richtiges Leben und waren mal weg von der Reeperbahn.

In ihrem Buch liest man, dass die Beatles Heimweh hatten.
Klar, George war erst 17 Jahre alt! Sie sind oft in eine britische Seemannsmission gegangen, da haben sie sich mit den Engländern kurzgeschlossen und konnten Fish & Chips essen.

Paul McCartney - frisch und frech

Wie war das, als Sie die Beatles 1960 im Kaiserkeller zum ersten Mal sahen?
Das erste Stück sang Paul McCartney: diese Frische, diese Frechheit! Dann kamen John und George. Ich dachte mir: Drei solche Leute in einer Band - einer hätte doch gereicht! Und jeder war ganz anders als der andere. Damals und auch in der ersten Zeit des Erfolgs waren sie richtig eng beieinander, aber bei so unterschiedlichen Persönlichkeiten konnte das nicht ewig anhalten.

Einige Bilder zeigen einen ziemlich wilden John Lennon.
Das war schon im Star-Club. John war besonders traurig, weil sein bester Freund Stuart Sutcliffe gestorben war, da hat er aus Frust verrückte Sachen gemacht. Er kam mal auf die Bühne und hatte wie ein Bauarbeiter ein fünf Meter langes Brett über der Schulter. Wenn er sich umdrehte, haute er Mikrofone um. Er war ein guter Komiker.

Wie fanden die anderen Beatles das?
Toll. Sie haben ohnehin wahnsinnig viel gelacht. Aber wenn es zu extrem wurde, ging der große gelbe Vorhang zu. Dann mussten sie zum Chef Manfred Weissleder, der sie manchmal nach Hause schicken wollte. Meistens war Paul derjenige, der die Entschuldigung ausdrückte. Er war der Frontmann, der den Kontakt zum Publikum aufbaute. Das ist ja heute noch so, er ist unheimlich zugänglich, kann gut mit Menschen umgehen.

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"Die Jungs waren immer so gierig nach Neuem"

Nur wenige Jahre später haben die Beatles die Pop-Musik aus den Angeln gehoben. Sie haben 1966 als einer der ersten "Revolver" gehört, dessen Cover Sie gestaltet haben, das muss doch unfassbar gewesen sein.
Die Jungs waren immer so gierig nach Neuem, ob das ein Bild von Kandinski war oder irgendein Film. Und sie wollten selbst immer etwas Neues machen. Bei "Rubber Soul" fing das an, mit "Norwegian Wood" und all diesen tollen Liedern, da dachte ich mir: Das ist groß. Dass sie sich so entwickeln, war erstaunlich. Bei "Revolver" hatte mich John eingeladen, er sagte: Wenn Du eine Idee fürs Cover hast, komm vorbei. Ich habe dann im Studio "Tomorrow Never Knows" gehört, mit den Rückwärts-Cymbals, doppelter Geschwindigkeit, mit dem Vögelflattern und allen möglichen Geräuschen. Ich war so was von begeistert. Gleichzeitig dachte ich: Für dieses Material soll ich ein Cover machen - eine schwere Aufgabe!

Sie wurden dann auch als Bassist höchst erfolgreich. Wie kam das?
Ich konnte klassische Gitarre spielen. Dann fragte mich mein Freund Gibson Kemp, ob ich Bass in seiner neuen Band spielen wolle. Ich sagte: Okay, ich werde es versuchen. Wir haben geprobt, und die Band war begeistert. Keine Ahnung, wo das her kam, aber wenn man klassische Gitarre spielen kann, kann man auch Bass spielen, so sehe ich das. Ein paar Tage später stand ich auf der Bühne des Star-Club.

Viele Bands wollten Klaus Voormann haben

Wie ging es weiter mit Paddy, Klaus & Gibson?
Der Beatles-Manager Brian Epstein nahm uns unter Vertrag und wir nahmen ein paar Sachen auf, darunter "No Good Without You Baby", da spielte ich so ein paar schnelle Licks. Danach sind alle Bands angekommen und fragten, ob ich Bass für sie spiele: die Hollies, Manfred Mann, John Mayall und die Moody Blues. Ich konnte das gar nicht richtig verstehen. Ich habe mich für Manfred Mann entschieden.

Sie hatten mit ihm großen Erfolg, und ab Ende der Sechziger spielten sie auf den Platten vieler Weltstars. Wie kam das?
John Lennon rief mich an, ob ich bei seiner Plastic Ono Band spielen will. Dann kam Eric Clapton dazu und wir sind in Toronto aufgetreten. Kurz danach haben wir "Instant Karma" aufgenommen. Da stand ich plötzlich mit Phil Spector im Studio, dem besten Produzenten, den man sich vorstellen kann. Er hat weder John noch George seinen Sound aufgedrängt, war immer zurückhaltend und hat nur gemacht, was nötig war, um dem Stück zu dienen. Als ich dann mit George "All Things Must Pass" aufgenommen hatte, kam für mich eins zum anderen.

Wie war es, mit ihm zu arbeiten?
Er hatte eine sehr einfühlsame Art. Bei den Sessions waren nur liebe Leute dabei. Wir hatten immer Freude. Das waren nicht irgendwelche Typen, die während der Session Zeitung lesen, sondern begeisterte Freunde, die gemeinsam musizieren, ohne Noten vor der Nase.

Das "Concert For Bangla Desh"

Sie waren auch beim "Concert For Bangla Desh" dabei.
Ich war sogar sehr involviert, weil ich zu der Zeit bei George in Friar Park wohnte, da hat er mir ein kleines Häuschen zur Verfügung gestellt. Eine traumhafte Zeit. Wir haben uns täglich gesehen, ich bin zum Frühstück rüber und wir haben zusammen Gitarre gespielt. George hat sich sehr um andere gekümmert. Für das "Concert For Bangla Desh" bin ich dann mit ihm nach Los Angeles geflogen. Dann hat er Eric Clapton und diese ganzen Musiker zusammengetrommelt. Das war das erste Charity-Konzert dieser Dimension.

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Liegt Ihnen eine der vielen Platten, auf denen sie spielten, besonders am Herzen?
John Lennons "Plastic Ono Band" war ein einmaliges Statement. Weil John so die Hosen runterlässt, weil er aus dem innersten, tiefen Gefühl heraus Stücke schrieb und mit den einfachsten Mitteln wiedergab. Ringos Schlagzeug ist Wahnsinn, und John war ein unwahrscheinlich guter Rhythmusgitarrist, spielte mit so viel Gefühl. Die Platte zeigte sein Innerstes.

"Jim Keltner ist ein Freund fürs Leben geworden"

An welche Sessions erinnern Sie sich ansonsten gern?
An Johns "Imagine" oder die Sessions mit Harry Nilsson, er war neben George mein bester Freund. Und ich war richtig stolz, dass ich mit Leuten wie Dr. John, Leon Russell und Billy Preston spielen konnte. Jim Keltner ist ein Freund fürs Leben geworden.

Wann dachten Sie zum ersten Mal, Teil von etwas Großem zu sein?
Nie. Bis heute nicht. Das interessiert mich nicht. Und wenn man sich wichtig nimmt, hat man auch einen Abstand zu allem und ist gar nicht mehr richtig dabei.

"Hamburg Stomping Ground Guide 60 - 61 - 62" ist für 25 Euro erhältlich unter www.voormann.de / Die Abendzeitung verlost zehn von Vater und Sohn signierte Exemplare. Schreiben Sie bis Mittwoch eine E-Mail an kultur@az-muenchen, Betreff: Voormann, oder eine Postkarte an AZ, Garmischer Straße 35, 81373 München

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