Daniels Specks Roman "Villa Rivolta": Liebe, Ruhm und edle Autos
Als Meister von epischen Familiengeschichten meist über verschiedenen Kulturen hinweg hat sich der Münchner Autor Daniel Speck eine Fangemeinde erschrieben, die er auch mit seinem neuen Roman „Villa Rivolta“ zielsicher bedient. Im Romanzentrum stehen der Industriellensohn Piero und Valeria, die Tochter der Hausangestellten, die als Kinder über alle Klassengrenzen hinweg eine Seelenverwandtschaft entwickeln. In seinem mitreißenden Pageturner entfaltet Daniel Speck ein großes Panorama der goldenen Jahre Italiens. Das Buch erscheint am 26. Februar.
AZ: Herr Speck, Sie sind für Ihren Roman quasi zu Ihrem Erstling „Bella Germania“ zurückgekehrt. Wie kam es dazu?
DANIEL SPECK: Ich bin in München aufgewachsen, da wurde die Isetta als Lizenzmodell bei BMW produziert. In „Bella Germania“ taucht der Vater der Isetta, Renzo Rivolta, als Nebenfigur auf. Und als ich 2018 die Premiere der italienischen Übersetzung feiern durfte, hatte der Verlag die Idee, dies in den alten Iso Rivolta-Fabrikhallen in Mailand zu organisieren. Aus der ganzen Welt meldeten sich Menschen mit Iso Rivolta-Oldtimern an. Ich habe mir auch einen gekauft, gegen jede Vernunft - einen schönen, aber verrosteten Rivolta GT, den mein Alfa-Mechaniker als „Edelschrott“ bezeichnete, bevor er ihn mit viel Liebe instandsetzte.
Den fahren Sie immer noch?
Ja, der ist im Herbst 1969 auf die Welt gekommen, genau wie ich. Wir liegen nur zwei Wochen auseinander - jeder Iso Rivolta hat einen „Geburtsbrief“ mit exaktem Datum. Kurz vor der Premiere lief er wieder, und wir fuhren über die Alpen nach Mailand. Inzwischen hatte Renzos Sohn und Nachfolger Piero von der Premiere erfahren und beschlossen, aus Florida anzureisen. Nach der Lesung lud er uns zum Aperitif ein - an einem Ort, der mir bei den Recherchen für „Bella Germania“ noch verschlossen geblieben war: die Villa Rivolta, die hinter einer Parkmauer neben der Fabrik steht. Wir nahmen einen Aperitif im Salon zwischen Familienportraits und antiken Möbeln - eine Welt, die ich noch nie betreten hatte. Ich blieb ein paar Tage in Mailand, und Piero fragte mich schließlich, ob ich nicht Lust habe, sein aufregendes Leben aufzuschreiben; er sei inzwischen zu alt dafür.

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.
Doch. Ich sagte ihm, das sei eine Ehre, aber ich müsse erst mehr über ihn erfahren. Ich wusste noch nicht, ob sein Leben als Plot für einen Roman trägt, auch wenn die Rivoltas zu den großen Mailänder Familien gehören. Ein Jahr später trafen wir uns wieder, am Lago Maggiore bei seiner Tochter Marella, die mir auch viel erzählen konnte, und schließlich war ich dreieinhalb Wochen bei ihm und seiner Frau Lele in Florida, wo sie heute wohnen. Er erzählte mir Geschichten aus seinem spannenden Leben, dabei entstand das große Gemälde einer Epoche, die ich sehr liebe. Ich bin als Student der Filmgeschichte in Rom mit italienischen Filmen der 60er Jahre groß geworden. In Pieros Erzählungen fand ich das Mailand aus Antonionis „La Notte“ wieder, und die Geschichten seiner Fabrikarbeiter erinnerten mich an Viscontis „Rocco und seine Brüder“.

Und wie sind Sie und Piero dann auseinandergegangen?
Wir haben regelmäßig telefoniert, immer wenn mir Details fehlten, an die Piero sich noch erinnern konnte: die Namen von Kindheitsfreunden oder die letzten Worte seines Vaters. Auch seine Frau Lele erzählte mir wichtige Ereignisse: wie sie sich verliebten, wie er zu spät zu ihrer Hochzeit kam und wie ihr Brautkleid geschnitten war.
Saß Piero Ihnen nicht - metaphorisch gesprochen - beim Schreiben auf der Schulter?
Piero und Lele waren wirklich großzügig mit ihren Erinnerungen; auch die Fotoalben, die sie mir öffneten, halfen mir, ihre Welt bildhaft zu beschreiben. Ich habe das Buch mit sehr viel Respekt vor ihrer Familie verfasst und mich mit größtmöglicher Genauigkeit an biografischen Fakten orientiert - so wie auch in „Bella Germania“. Piero hatte dieses Buch gerne gelesen und vertraute mir. Er ist selbst Autor und wusste, dass ich keine Biografie, sondern einen Roman schreibe, in dem auch fiktionale Figuren mitspielen. Zum Beispiel taucht Giulietta aus „Bella Germania“ wieder auf.

Was ist der prägende Moment in Pieros Leben?
Der frühe Tod seines Vaters Renzo. Piero hatte eine herrliche, unbeschwerte Jugend. Aber dann musste er plötzlich im Alter von 25 Jahren die Firma und die Verantwortung für 500 Arbeiter und deren Familien übernehmen. Er hatte ein sehr gutes Verhältnis zu seinem Vater, der schon wenige Monate vor seinem Tod den großen Schreibtisch für Piero geräumt hatte und an einen kleineren umgezogen ist.
"Auch die unglaublichste Geschichte ist wahr"
Er hat seinen Tod geahnt?
Renzo Rivolta war ein Protagonist der Gründergeneration: Er hat hart gearbeitet und sich nie geschont, um ein Erbe zu schaffen, das ihn überdauert.
Ihre Aufgabe war es nun, Romanfiguren zu erfinden und zu den realen Personen Piero und Lele in Beziehung zu setzen?
Ich habe auch mit ehemaligen Mitarbeitern und ihren Nachfahren gesprochen, um ein kontrastreiches Bild zu zeichnen. Die Unternehmervilla mit der Fabrik im Park ist ein Mikrokosmos der italienischen Gesellschaft: Da treffen sich verschiedene Gesellschaftsschichten auf nächstem Raum, in einer Zeit des Wandels. So habe ich Valeria erfunden, die Piero als Kindheitsfreundin begegnet und später in seiner Firma arbeitet. Und Flavio, den Sohn eines Arbeiters, der aus dem armen Sizilien nach Mailand gekommen ist. Während Piero in die Fußstapfen seines Vaters tritt, wächst Valeria vaterlos auf, und Flavio rebelliert gegen seinen Vater. Aber alles, was Piero und Lele miteinander erleben, ist wahr - auch die unglaublichste Geschichte im Buch.

Welche meinen Sie?
Piero und Lele galten als Traumpaar, aber als Student wollte er noch nicht heiraten. Da machte ein junger Anwalt der begehrten Lele den Hof. Unentschlossen fuhr sie mit einer Freundin nach Indien und ging zu einem Wahrsager ... der ihr sagte, der Mann ihres Lebens heiße „Peero“. Das hat mir Lele so erzählt, wie es nun im Roman steht. Sie gab dem Anwalt einen Korb. Und Piero bekam Druck von seinen Eltern, endlich erwachsen zu werden und zu heiraten.
Valeria verkörpert ein Mädchen aus einer anderen Schicht.
Sie bricht aber das Verbot ihrer Mutter, mit Piero im Garten zu spielen. Weil sie durch ihn eine Welt entdeckt, in der ihr Talent, ihre Leidenschaft und ihr Selbstbewusstsein aufblühen. Im Unterschied zu Fiat oder Pirelli war Iso Rivolta eine Firma, die den Mitarbeitern das Gefühl gab, eine große Familie zu sein, von der Sekretärin bis zum Manager. Die sind miteinander durch dick und dünn gegangen.

Die spannende Firmengeschichte wird im Roman nicht zu Ende erzählt - warum nicht?
Weil es ein zweites Buch geben wird. Das ist wie bei meinen Romanen „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road“. Ich habe die Handlung entworfen und gemerkt, das werden über tausend Seiten, weil da eine epische Welt entsteht. Ich baue Romane wie große Häuser, mit vielen Zimmern und mehreren Ebenen. Ich möchte, dass jeder Leser seinen Lieblingsraum findet und alle darin wohnen können. Die Firmengeschichte in „Villa Rivolta“ endet, als Piero es geschafft hat, das Erbe seines Vaters zu retten. Im nächsten Buch gerät das Imperium in die Krise.
John Lennon war Iso Rivolta-Fahrer
Liebe ist auch ein zentrales Thema Ihres Romans, die sinnlichsten Stellen aber sind Ihre Beschreibungen der Rivolta-Modelle.
Es war eine literarische Herausforderung, ein technisches Objekt wie ein Lebewesen zu beschreiben. Aber Oldtimer verkörpern etwas, das heute verloren gegangen ist. Die meisten modernen Autos sind rollende Smartphones ohne Seele. Die italienischen Klassiker der Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahre waren Kunstwerke. Der Designer Giorgetto Guigiaro, der auch den Iso Rivolta GT und Iso Grifo entworfen hat, kam von der Kunstakademie. Die Kunst der klassischen Proportionen hat Giugiaro vom Studieren der alten Meister.
Es steckt also auch Michelangelo in den Entwürfen?
Die modernen Kreativen arbeiten nicht mehr für die Kirche, sondern für die Industrie. Aber das menschliche Auge ist unverändert geblieben, also auch die Gesetze des goldenen Schnitts oder des Lichteinfalls auf einer Skulptur. Guigiaros Vater hat Kirchenfresken gemalt. Und wo lernt man das? Bei Michelangelo! Als ich Guigiaro in Ligurien besucht habe, stand vor seinem Elternhaus ein Fiat Panda, den er ebenfalls entworfen hat, und ein Iso Rivolta GT. Den VW Golf hat er auch gezeichnet, den Scirocco und die Nikon F4. An seinem 80. Geburtstag zeigte er gut gelaunt die Kirchenfresken, die er gerade gemalt hatte. Da habe ich das Geheimnis italienischen Stils begriffen: Sprezzatura. Diese mühelose Eleganz.

Sie sind Beatles-Fan und haben deren Indien-Aufenthalt in „Yoga Town“ verarbeitet. John Lennon war ein begeisterter Iso Rivolta-Fahrer, davon steht aber nichts im Buch. Warum haben Sie diesen erzählerischen Elfmeter verschossen?
Damit beginnt die Fortsetzung! Dazu gibt es eine wunderbare Anekdote über Piero und John, aber die verrate ich hier nicht. Da müssen Sie auf den zweiten Band warten.
Wie viele Iso Rivoltas wurden eigentlich gebaut?
Ungefähr 1700 Exemplare, wenn man alle Modelle zusammenrechnet. Viel weniger als Ferrari, Maserati oder Lamborghini, aber wenn man damit durch München fährt, trifft man nicht auf Neid, sondern auf Sympathie. Manche erinnern sich an ihre Kindheit, manche freuen sich über die Schönheit - da gehen die Herzen auf. Ich glaube, das hat mit Nostalgie zu tun, die nicht nur den Autos gilt, sondern dieser ganzen Zeit des Dolce Vita. Wir haben eine Sehnsucht nach dem Optimismus der 60er Jahre, diesem Gefühl, die Welt wirklich besser machen zu können.
Der Garten der Villa Rivolta spielt eine große Rolle im Roman. Haben Sie an den Roman „Der Garten der Finzi Contini“ gedacht, wo der Garten auch der Schutz vor einer düster werdenden Welt ist?
Ja, auch. Aber ich habe mich vor allem an den Garten meiner Großeltern in Untermenzing erinnert, in dem ich aufgewachsen bin. Der war für mich das, was für Piero und Valeria der Garten der Villa Rivolta ist: ein Stück heile Welt. Da habe ich mich behütet und geborgen gefühlt. In den Siebziger Jahren war die Welt in Aufruhr – Ölkrise, Terrorismus, die Club-of-Rome-Studie – nichts davon habe ich als Kind mitbekommen. Diesen Heimatort, an dem alle Stürme der Welt vorbeiziehen, verkörpert die Villa Rivolta.
Daniel Speck: „Villa Rivolta“
(Fischer, 608 Seiten, 25 Euro) Das Buch erscheint am 25. Februar 2026 (auch als E-Book und Hörbuch erhältlich), Vorstellung im Literaturhaus München am 27. Februar, 19 Uhr









