Interview

BR-Intendantin Katja Wildermuth: "Bayern in seiner ganzen Vielfalt"

Die Intendantin des Bayerischen Rundfunks über Demokratie und Qualitätsjournalismus.
| Martin Balle, Katrin Filler, Uli Karg
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BR-Intendantin Katja Wildermuth.
BR-Intendantin Katja Wildermuth. © BR/Markus Konvalin

Katja Wildermuth: Geboren 1965 in Berlin, aufgewachsen in Anzing. Sie studierte Geschichte in München und arbeitete als Journalistin beim MDR. 2016 wurde sie Kulturchefin des NDR, 2019 Programmdirektorin des MDR.

Vor fast einem Jahr wurde Katja Wildermuth am 22. Oktober 2020 vom Rundfunkrat mit großer Mehrheit zur neuen Intendantin des Bayerischen Rundfunks (BR) gewählt. Am 1. Februar trat die gelernte Fernsehjournalistin und promovierte Historikerin ihr neues Amt als Nachfolgerin von Ulrich Wilhelm an, der den Posten zehn Jahre innehatte. Anlässlich einer Tour zu den 30 neugeschaffenen Regionalstudios des BR stattete Wildermuth nun auch unserem Verlagshaus in Landshut einen Besuch ab. Ein Gespräch über Medienkonkurrenz, Filterblasen und die Zukunft des Fernsehens.

"Regionaloffensive": Zusammenarbeit von BR und Zeitungen 

AZ: Frau Wildermuth, mit seiner "Regionaloffensive" hat sich der BR auf das Terrain der Heimatzeitungen begeben. Sie sprachen in diesem Zusammenhang bereits von einer nötigen Zusammenarbeit von BR und Zeitungen - wie soll diese Zusammenarbeit aussehen?
Katja Wildermuth: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich Lokaljournalismus und entsprechend die Lokalzeitungen für unverzichtbar halte. Weil ich sehe, dass wir in der Zeit, in der wir leben, Qualitätsjournalismus auf allen Ebenen dringend brauchen. Die BR-Regionalstudios dagegen machen ja gerade keine Lokalberichterstattung. Vielmehr sind wir auf der Suche nach Geschichten aus den unterschiedlichen Regionen des Freistaats, die Strahlkraft und Relevanz für ganz Bayern haben und die wir entsprechend in unserem Programm für das gesamtbayerische Publikum aufbereiten. Bayern in all seinen Regionen widerzuspiegeln, ist Teil unseres Auftrags, aber auch ein Alleinstellungsmerkmal des BR. Bayern ist ein großes Land, und wir wollen nicht als Münchner Rundfunk, sondern als Bayerischer Rundfunk darüber berichten. Deshalb halte ich unsere breite Aufstellung in der Region für gut und wichtig. Was die Zusammenarbeit mit den Zeitungen betrifft, findet diese ja schon auf unterschiedlichen Ebenen statt, beispielsweise im Rahmen von Recherche-Kooperationen. Die Zeit eines Gegeneinanders ist für mich absolut vorbei. Wir müssen schauen, dass wir als Qualitätsjournalisten zusammenhalten.

Womit wir im selben Boot säßen - auf dem für so manchen wiederum "Mainstream-Medien" steht. Wie kann man dieser Skepsis gegenüber Journalismus, die sich da in den verschiedensten Wahrnehmungsblasen gebildet hat, begegnen?
Das Phänomen von Filterblasen und Echokammern, das dazu führt, dass sich die Leute über soziale Medien und Suchmaschinen eine ständige Bestätigung ihrer Haltung holen, halte ich für eine große gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Wir erleben doch gerade das Phänomen, dass ein "Gefällt mir" wichtiger wird als ein "Stimmt". Das ist gefährlich. Auch, weil es vielfach keine Bereitschaft mehr gibt, Brücken zu bauen und sich zu verständigen. Die Rolle dieses Brückenbauers kommt dem Qualitätsjournalismus zu, bei uns Öffentlich-Rechtlichen genauso wie bei den Verlagen. Durch sorgfältig recherchierten, faktenbasierten Journalismus müssen wir eine Gesprächsgrundlage schaffen, auf der Menschen noch miteinander diskutieren können. Es geht um die Basis für demokratischen Diskurs.

Was aber, wenn dieser Anspruch als anmaßend und als Ausdruck einer elitären Haltung empfunden wird?
Qualitätsjournalismus ist anspruchsvoll - aber das ist nicht dasselbe wie elitär. Um unser deutsches Mediensystem beneidet uns die halbe Welt. Worauf wir immer wieder achten müssen, ist die saubere Trennung zwischen Bericht und Kommentar, wir müssen uns also im journalistischen Handwerk überprüfen. Und wenn ich mir unsere Angebote anschaue, kann ich auch keine "Bevormundung" erkennen. Aber natürlich stellen wir fest, dass es in bestimmten Blasen eine Skepsis gegenüber Vertretern öffentlicher Institutionen, des Staates oder auch des Medienbetriebs gibt...

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Die ganze Vielfalt von Kultur, Lebensentwürfen, Haltungen

Gegenüber dem "System"...
Ja, und da werden wir als öffentlich-rechtliche Medien dazugezählt. Aber das ist ein Narrativ, das sich festgesetzt hat. Dabei wissen wir ganz genau: Der Staat sind wir, die Bürgerinnen und Bürger unserer repräsentativen Demokratie. Deshalb müssen gerade wir als Medien immer wieder den starken partizipativen Charakter unserer Demokratie aufzeigen, bei der jeder mitmachen kann. Ich kann verstehen, dass es Gruppierungen gibt, die mit einzelnen Berichten oder Kommentaren nicht einverstanden sind. Aber, nochmals: Wir versuchen jeden Tag durch unsere Reporterinnen und Reporter vor Ort in Bayern die ganze Vielfalt von Kultur, Lebensentwürfen, Haltungen abzubilden.

Trotz aller Augenhöhe: Die Öffentlich-Rechtlichen haben auch einen Bildungsauftrag. Welche Rolle soll die Kultur in Zukunft vor 23 Uhr spielen?
Die Kultur spielt jetzt schon eine große Rolle: In den Hörfunk-Kulturwellen gerade des BR und neben dem BR-Fernsehen auch in den gemeinsamen Kulturprogrammen 3sat und Arte, die ebenfalls von ARD und ZDF mitgestaltet werden. Wir bieten zudem unsere Inhalte ja längst nicht mehr nur zu festen Zeiten im klassischen Fernsehen an - sondern rund um die Uhr im Digitalen, etwa der Mediathek. Gerade für den Kulturbereich gibt es eine große Fangemeinde, die sehr gezielt im Netz nach Qualitätsangeboten sucht. In der ARD-Audiothek gehören Hörspiele zu den gefragtesten Inhalten, in der Mediathek funktionieren Dokumentarfilme prima. Was viele im Fernsehen früher vielleicht gar nicht gefunden haben, finden sie heute einfach online. Deshalb werden wir die Mediathek stärken, genauso wie die digitale BR-"KulturBühne" - ein Portal, das wir zu Beginn der Corona-Krise gestartet haben, um Kulturangebote von Theater bis Literatur lebendig zu halten und Kulturschaffenden weiter Auftrittsmöglichkeiten zu bieten. Sozusagen als Fenster zur bayerischen Kultur. Auch dafür entwickeln wir gerade neue Formate.

Das heißt: Kulturinteressierte müssen in der Mediathek suchen?
Die Mediathek ist ja kein dunkler Keller, in den man gezwungen wird, hinabzusteigen. Die Hälfte der Unter-50-Jährigen bevorzugt längst und regelmäßig Mediatheken, schaut also immer weniger nach vorgegebenem Fernsehprogramm. Ich würde an dieser Stelle also dem Hilfsverb "müssen" widersprechen. Stattdessen wird aktiv gesucht. Es wird immer lineares Programm geben, auch, weil das ja für viele Menschen den Tag strukturiert. Die Zukunft aber ist die zeitsouveräne Nutzung in den Mediatheken. Wenn man Inhalte gezielt ansteuert, bekommen sie eine andere Aufmerksamkeit und Wertigkeit.

Ökonomisch unabhängiger Journalismus ist ein öffentliches Gut

Sie haben eine Riesenchance bekommen, was das Thema Online betrifft. Die Zeitungen kämpfen auf dem Onlinemarkt um Preismodelle. Bei Ihnen ist es durch den Rundfunkbeitrag völlig egal, wie etwas ausgespielt wird.
Um relevant zu bleiben, müssen wir mit unseren Angeboten dort zu finden sein, wo Menschen Medien nutzen, also gerade auch online und mobil mit unseren Mediatheken. Und was den Rundfunkbeitrag betrifft: Ökonomisch unabhängiger Journalismus auf diesem hohen Niveau ist ein öffentliches Gut, an dem alle teilhaben. Das ist ein Nutzen für die gesamte Gesellschaft und die Basis, auf der ein demokratischer Diskurs stattfinden kann. Deswegen ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk vom Gesetzgeber mit einer unabhängigen Finanzierung ausgestattet worden. Weil es wichtig ist, dass alle Menschen freien Zugang zu Information, Bildung, Kultur und hochwertiger Unterhaltung haben, dass es kein Luxus ist. Und wir können dadurch auch Themen und Recherchen anbieten, die ansonsten zu marktüblichen Bedingungen nur schwer anzubieten wären, gerade aus dem Kulturbereich.

Noch ein Wort zum Thema "Diversity". In welchem Maß ist die vielfältiger werdende Gesellschaft für die Struktur des BR von Belang?
Wir merken doch alle, dass sich unsere Gesellschaft immer mehr ausdifferenziert. Wenn wir die Aufgabe haben, Brücken für den demokratischen Diskurs zu bauen, dann müssen wir diese Vielfalt auch intern abbilden. Denn nur ein vielfältiges Personal kann auch ein vielfältiges Programm machen. Das ist eine Aufgabe, der wir uns, genauso wie viele andere Organisationen und Institutionen, immer mehr stellen müssen. Ich halte das nicht für ein Modethema, sondern für eine große Notwendigkeit.

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