Boom ohne Sinn und Ziel

Wird München zur Stadt ohne Visionen? Nach dem Aus für die dritte Startbahn eröffnete AZ-Chefredakteur Arno Makowsky eine Debatte. Diskutieren Sie mit!  
| Volker Isfort
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Der Flughafen München bleibt ein Minenfeld – zumindest in den politischen Debatten.
dapd Der Flughafen München bleibt ein Minenfeld – zumindest in den politischen Debatten.

Wird München zur Stadt ohne Visionen? Nach dem Aus für die dritte Startbahn eröffnete AZ-Chefredakteur Arno Makowsky gestern eine Debatte über die Perspektiven der Stadt. Heute antwortet ihm AZ-Kulturchef Volker Isfort. Er sagt: München braucht keine neuen Betonpisten, um Metropole zu sein

Willkommen in der Hauptstadt der Bewegungslosigkeit, wo alles boykottiert wird – und am vergangenen Sonntag angeblich nicht weniger als die Zukunft Münchens, Bayerns, ach was, des ganzen Industriestandorts Deutschlands per Bürgerentscheid zu Grabe getragen wurde.

AZ-Debatte: Schläft München tatsächlich ein? Was meinen Sie? Schreiben Sie uns unten in der Kommentarfunktion!

Stillstand heißt Rückschritt, argumentieren die Befürworter des Flughafenausbaus. Um diesem seltsamen physikalischen Phänomen zu entkommen, gibt es nach ihrer Ansicht nur eine Möglichkeit: Mehr Startbahnen, Flugbewegungen, Arbeitsplätze, Einwohner, Verkehr, Lärm, Dreck. Mehr als die Richtung verstört das Ziel: Es gibt keines in diesem Prozess, keinen Punkt, an dem sich endlich alles richtig anfühlt. Die Boomzahlen von gestern sind – ohne Steigerung – schon heute das Anzeichen einer Krise und müssen permanent getoppt werden. Man kann Menschen, die künftige Wachstumsorgien mit endlichen Rohstoffen befeuern wollen, als Optimisten bezeichnen, es gibt dafür aber auch treffendere Begriffe. Eine dritte Startbahn für Solarflieger – das wäre ein zukunftsweisendes Zeichen.

Lesen Sie hierzu die Polemik des AZ-Chefredakteurs: Gute Nacht, München

Das Debattenklima ist auf die Temperatur des Raucher-Nichtraucher-Bürgerkriegs gestiegen, unversöhnlich stehen sich die vorgeblichen „Provinzler“ und „Kosmopoliten“ gegenüber: Aber ab welcher Startbahn- oder Einwohnerzahl sind wir endlich Weltbürger und nicht länger „nur“ Münchner? Und was soll das überhaupt bedeuten?

Dabei kann München schon jetzt mit echtem Metropolengefühl protzen: U-Bahn-Gedränge wie in Tokio, 1000 Euro Mieten für Wohnklos wie in London und Paris, Dreizimmerwohnungen für eine Million Euro? Über all das staunen wir, ganz ohne es zuvor vermisst zu haben.

Was ist schon die 3. Startbahn gegen die 2. Stammstrecke?

Nun brauchen wir mehr davon – und wer das nicht versteht, kann sich als hinterwäldlerisches Relikt in Tracht von den chinesischen Touristen im Biergarten fotografieren lassen. Oder sich in den vielen Kunsttempeln der Stadt verstecken, die schon Münchens Ruhm mehrten, als es noch gar keinen Flugtourismus gab und das Image der Stadt nicht abhängig war von der Anzahl der Betonpisten im Erdinger Moos.

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, meinte Pascal. Er hatte mit dem populären Bonmot im 17. Jahrhundert natürlich kein City-Hopping, keinen Karibik-Pauschalurlaub und keinen Christmas-Shopping-Flug nach Dubai oder New York im Sinn, sondern die mentale Unwucht, die chronische Unzufriedenheit des Menschen. Diese zumindest ist topaktuell geblieben. Und auch deswegen kann nie etwas bleiben wie es ist.

Die 3. Startbahn haben nun die Bürger verzögert (und noch lange nicht verhindert!). Aufs Konto der Politik hingegen geht der Boykott der 2. S-Bahn-Stammstrecke. Ein Projekt, das wesentlich wichtiger für die Entwicklung des Großraums Münchens wäre als das Transit-Drehkreuz im Norden.

München aber Bewegungslosigkeit vorzuwerfen, ist lächerlich. Die Stadt ist permanent aufgewühlt durch Baugruben für Großprojekte. Ganze Stadtteile wurden und werden aus dem Boden gestampft – mit meist architektonisch ernüchternder Bilanz. München boomt – mit allen sichtbaren Folgeschäden. Nur der Flughafen konnte bislang seinen Verkehrsrekord aus dem Jahr 2008 nicht wieder erreichen.

Der Kosmopolit, der sein Feierabendbier erst im Schatten eines 150 Meter Büroturms unter dichtestem Flugbetrieb am Himmel richtig zu genießen weiß, muss aber gar nicht warten, bis sich die „Schnarchstadt München“ doch noch richtig entwickelt. Er kann sich die Zukunft ganz einfach in Frankfurt oder gleich in Singapur ansehen. Dort allerdings entdeckt man aktuell mit asiatischem Ehrgeiz und hunderten von Millionen Dollarn Investment die „Green City“, die Hebung der Lebensqualität durch Verbesserung der Luft. Verdammt gestrig!

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