Aufbruch im LED-Strahl

Mit neuem Licht und einer Jahreskarte für den FC Bayern startet Johan Simons in seine erste Saison an der Spitze der Münchner Kammerspiele
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Der neue Intendant Johan Simons.
Bernd Thisen Der neue Intendant Johan Simons.

Mit neuem Licht und einer Jahreskarte für den FC Bayern startet Johan Simons in seine erste Saison an der Spitze der Münchner Kammerspiele

Ankommen in München: Das ist im Moment Johan Simons’ großes Thema. Der neue Kammerspiele-Intendant versucht das auf einfache, sinnliche Weise. Er freut sich morgens an den Kastanienbäumen vor seiner Wohnung, fährt mit dem Fahrrad in die Kammerspiele und genießt den Blick entlang der Maximilianstraße bis hin zum Landtag – besonders, wenn die Sonne scheint. Doch den Look des Traditionshauses verändert der Niederländer gerade völlig: In strengem Schwarzweiß gestaltet Bühnenbildner Bert Neumann nun Interieurs, Schaufenster, Fassaden, Plakate und Programme – stets mit lauter kleinen LED-Lämpchen als Hintergrund. Und die lassen künftig auch in echt die Eingänge der Kammerspiele leuchten.

Die visuelle Veränderung ist Johan Simons sehr wichtig: „Man muss sehen können, dass etwas Neues beginnt. Und dass wir den teuren Läden auf der Maximilianstraße etwas entgegensetzen.“ Morgen eröffnet Simons seine Intendanz mit der Inszenierung „Hotel Savoy“ nach Joseph Roth in der Spielhalle im Neuen Haus. Am Freitag folgt „Ruf der Wildnis“ nach Jack London in der Regie von Alvis Hermanis im Schauspielhaus, am Samstag startet Simons dort eine Marathon-Lesereihe mit Lion Feuchtwangers München-Roman „Erfolg“.

Johan Simons hat an den Kammerspielen bereits Joseph Roths Roman „Hiob“ mit großem Erfolg inszeniert. Was den 64-Jährigen an dem k.u.k.-Schriftsteller (1894 – 1939) fasziniert: „Roth lebte in Wien, Berlin, Paris und Amsterdam. Durch sein turbulentes Leben versteht er wie kein anderer, was Heimweh und Entwurzelung bedeuten.“ Entwurzelt ist auch der Roman-Protagonist Gabriel Dan, der 1919 aus dem Krieg in sein polnisches Heimatstädtchen zurückkehrt und Quartier im Hotel Savoy nimmt. Das einst feudale Savoy ist ein Kosmos für sich: Transit, Übergang, Warteraum für viele, die auf eine neue Zukunft hoffen.

Der Skeptiker Dan (Steven Scharf) glaubt nur an den Individualismus, sein zufälliger Zimmergenosse Zwonomir Pansin (Wolfgang Pregler) dagegen an das Kollektiv. Zwischen diesen beiden Menschenbildern sieht Simons den zentralen aktuellen Konflikt: „Pansin ist ein Revolutionär. Aber seine revolutionäre Wut ist fröhlich. Der kommt irgendwo rein und denkt, alles gehört mir. Der Individualist Dan dagegen kann sich mit niemandem verbinden. Er kann auch seine Liebe zur Tänzerin Stasia nicht mit ihr teilen, obwohl er total verknallt ist. Dieses Problem haben heutzutage viele Menschen.“

Im Herzen Münchens

Simons will die 90 Jahre alte Geschichte zwischen Historie und Gegenwart in der Schwebe lassen: „Die Zeitebenen mischen sich: Man soll die Geschichte spüren.“ Fast zur selben Zeit, in den 20er Jahren, spielt Lion Feuchtwangers großer Roman „Erfolg“ – eine Pflichtlektüre für jeden Münchner, denn dieses Sittenbild ist bis heute gültig. Das Kammerspiele-Ensemble wird den ganzen Roman lesen – jeden Monat ein Kapitel. Simons definiert damit auch seine Haltung zu seiner neuen Wahlheimat: „Wir müssen Theaterstoffe machen, die mit München zu tun haben. Damit wir alle wissen: Wir sind in München, nicht in Hamburg oder Berlin. Und ,Erfolg’ vermittelt eine Idee vom Herzen Münchens – da sitzt bei Feuchtwanger auf der Wiesn der Arbeiter neben dem Minister. Aber er zeichnet nicht nur die Schwabinger Cafés, sondern auch das Umland mit den Seen und der Natur.“ Immer wieder betont Simons, wie wichtig es ihm ist, in dieser Stadt, in der er nun fünf Jahre die Kammerspiele leiten wird, anzukommen. Dazu gehört auch, dass er zwei Jahreskarten für den FC Bayern erworben hat: Fußball ist für ihn Passion.

Feuchtwangers gewaltiger Schlüsselroman endet mit dem Aufstieg Hitlers. In Joseph Roths kleinem Roman dagegen geht am Ende die alte Welt des Hotel Savoy in Flammen auf. Doch die Revolution, die sich da andeutet, ist nur ein Verzweiflungsakt der Armen und lässt keine Hoffnung auf wirkliche Veränderung. Da seufzt Simons: „Wir sind mit der Krise auch in die Verzweiflung geraten – so erlebe ich jedenfalls im Moment die Welt. Aber es gibt eine Verzweiflung, in der es immer nur regnet. Wie im Stück“, sagt er „Und eine, in der die Sonne scheint und man sich durchkämpft.“ In München scheint zum Glück derzeit noch die Sonne.

Gabriella Lorenz

„Hotel Savoy“, 7. Okt., Spielhalle (Neues Haus), 19 Uhr; „Erfolg“, 9. Okt., Schauspielhaus, 21 Uhr; Tel. 233 966 00

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