Zwischen Hoffen und Bangen Wahnsinn Münchner Wohnungsmarkt: Die Sorgen der Mieter

Wahnsinn Wohnungsmarkt: Das berichten Betroffene beim Mieterstammtisch in München. Foto: Sina Schuldt/dpa

Hier erzählen Münchner Mieter und Aktivisten für bezahlbaren Wohnraum von ihren Problemen – und dem Kampf gegen den Preis-Wahnsinn.

 

München - Volles Haus beim zwölften Münchner Mieterstammtisch in der "Chigago Bar Dillinger" am Laimer Platz. "Man merkt, dass eine Wahl vor der Tür steht", kommentiert das Sprecher Tilmann Schaich. Denn mit Kathrin Abele, Simone Burger und Christian Müller sind drei SPD-Stadträte gekommen. Die grüne OB-Kandidatin Katrin Habenschaden hat Joe Högl mitgebracht, für Mieterfragen zuständig. Stefan Jagel ist dabei, Spitzenkandidat der Partei Die Linke. Die CSU fehlt.

Viel Applaus bekommt Anwalt Emil Kellner, weil er Ende letzten Jahres Rentner Rudi Kluge geholfen hat, eine Eigenbedarfskündigung abzuwehren.

Beim "House Speed Dating" ergreifen fünf Mieter, die um ihre Wohnung fürchten, das Wort. Sie berichten beim Stammtisch offen über ihre Ängste. Das schafft Zusammenhalt. Dieser offene Austausch hilft, sich gegen den Mietenwahnsinn zu vernetzen. Initiativen wie "Budenschleuder" und "Münchner Freiwillige - wir helfen", stellen sich vor. Eine wichtige Frage ist: "Wem gehört die Stadt?" Tilmann Schaich findet: "Je transparenter der Immobilienmarkt wird, desto besser ist das für Mieter."

"Die Hoffnung: Die Stadt soll unser Haus kaufen"

Janek Schmidt aus der Oberländerstraße: "Vor rund drei Jahren wurde unser Haus mit elf Wohnungen an einen Investor verkauft. Es ist ein kleines Idyll im Erhaltungssatzungsgebiet in Untersendling mit jungen Familien, zwei Omas und einem geliebten Gemeinschaftsgarten. Der Investor verpflichtete sich, zehn Jahre lang auf Luxus-Sanierungen zu verzichten.

Der Investor versicherte uns, er habe keine Pläne, etwas am Haus zu ändern. Doch dann fanden wir heraus, dass er einen Bauantrag für eine große Baustelle eingereicht hatte. Außerdem plante er, alle Bäume zu fällen. Erschrocken und wütend beschlossen wir, uns zu wehren: Wir gründeten die Initiative "Ausspekuliert" mit, halfen, die Mieter-Demo 2018 zu organisieren, und sprachen mit vielen Journalisten.

Den Bauantrag hat der Investor nun durchbekommen, aber umsetzen will er ihn offenbar nicht selbst. Er hat das Haus gerade an neue Investoren verkauft.

Deswegen befürchten wir jetzt, dass bald Bagger und höhere Mieten kommen. Doch eine letzte Hoffnung haben wir: Dass die Parteien im Stadtrat beschließen, das Vorkaufsrecht der Stadt zu nutzen. Dann hätte sich der Einsatz für uns gelohnt. Das wäre ein tolles Zeichen, dass sich Engagement von Bürgern selbst im Konflikt mit mächtigen Investoren tatsächlich auszahlen kann."

Wegen "Opernwohnung" gekündigt

Die Journalistin Nina S. (57) wohnt in der Augustenstraße 121. Sie ist Mitglied im Mieterverein: "Für meine 80 Quadratmeter im ersten Stock kam am 1. Juni 2019 die Kündigung und am 1. Juli ein Schreiben über zwölf Prozent Mieterhöhung. Wie soll man das verkraften? Ich wohne hier mit meinem Lebensgefährten (75) und bis Ende Februar 2020 müssen wir raus.

Mein Vermieter, ein Notar, kündigt mir unglücklicherweise wegen Eigenbedarfs: Er braucht meine Wohnung als Opernwohnung, nach dem Kino oder um tagsüber einen Imbiss einzunehmen, wenn er in München arbeitet. Denn er wohnt im Umland, wo seine Frau CSU-Bürgermeisterin ist. Weder christlich noch sozial sind solche Argumente!

Der Eigenbedarf darf aber angezweifelt werden. Denn diese Wohnung nähe Josephsplatz ist für mich als gebürtige Schwabingerin seit 2007 ein Sechser im Lotto. Ich hatte eine anständige Vermieterin. Sie starb und die Tochter hat das Haus verkauft. Für mich ist diese Kündigung jetzt die absolute Härte, als freie Journalistin mit Hund. Ich müsste die Stadt verlassen und würde mein soziales und berufliches Umfeld verlieren. Das ist für mich keine Existenzbedrohung, sondern eine Existenzvernichtung. Entsprechend haben wir jetzt Widerspruch gegen die Kündigung eingelegt."

"Man will uns schnell loswerden"

Die junge Frau ist in Begleitung eines Mit-Mieters beim Mieterstammtisch erschienen: Vorsichtshalber anonym berichtet die Mieterin aus Großhadern: "Zwei Häuser in der Würmtalstraße 67 und 69 wurden innerhalb eines Jahres drei Mal verkauft. Nun haben wir im Dezember 2019 von einem privaten Ehepaar die Kündigung bekommen, wegen wirtschaftlicher Verwertbarkeit.

Der Gebäudekomplex soll kernsaniert werden. Die Familienwohnungen sollen in Wohngemeinschaften umgewandelt werden, wurden wir informiert. Jedes Zimmer soll dann einzeln vermietet werden und 700 Euro kosten. Die Zimmer sollen sozial schwachen Menschen Wohnraum bieten, heißt es vonseiten des Vermieters. Es tut mir leid, aber da müssen wir leider lachen."

Die junge Frau erklärt weiter: "Unser Vermieter will uns ganz schnell loswerden. Wir wollen denen aber auf die Füße treten und lesen die Gesetze. Wir schließen uns jetzt zu einer Hausgemeinschaft zusammen und werden denen etwas mehr Arbeit machen durch unser Auftreten.

Wir stehen erst am Anfang - und sind sehr gespannt. Denn es wird versucht, uns Mieter über Abfindungszahlungen auseinanderzubringen. Man weiß nicht genau, wer schon was mit dem Vermieter besprochen hat – den ersten Heizungsausfall hatten wir auch schon."

"Jetzt ist es wieder schlimm mit den Verdrängungen"

Eigenbedarfskündigungen spürt man im Moment ganz brutal. Zwei bis drei Mal die Woche kommen bei mir Mails an: "Ich brauche deswegen eine neue Wohnung" – dieses Klima stellt Andreas Kräftner, Gründer des Newsletters "Budenschleuder", gerade fest. Sein beliebter München-Newsletter zum Anbieten und Finden von Wohnungen war vor 16 Jahren noch ein Partyverteiler, der sich aber erfolgreich verselbständigt hat.

Von 50 ist die Zahl der Abonnenten auf 24.003 angewachsen. "Jetzt ist es wieder schlimm mit den Verdrängungen. Früher haben die Leute Wohnungen im Glockenbachviertel gesucht, heute nehmen sie das ganze Stadtgebiet mit Einzugsgebiet, hauptsächlich S-Bahn-Nähe", so Kräftner. Aus Indien melden sich Programmierer, die einen guten Job zugesichert bekommen haben, aus New York Eltern, die ein Zimmer für ihr Kind suchen. Angebote, die 20 Euro pro Quadratmeter überschreiten, leitet Kräftner übrigens nie weiter. Andreas Kräftner: "80 Leute pro Tag ziehen nach München. Die Wohnungssuche hier ist eine Sache, die viele Leute unterschätzen."

"Wir mieten Ihnen eine Wohnung"

Der Münchner Wohnungsmarkt ist fies: Wohnungslose, Alleinerziehende, Familien die in Frauenhäusern auf Zeit einen sicheren Unterschlupf gefunden haben, Flüchtlinge und Hartz-4-Empfänger finden besonders schwer ein neues Zuhause. Diese Menschen stecken oft in einer verfahrenen Situation.

Hier klinkt sich ein Münchner Verein ein: "Wir mieten Ihnen eine Wohnung" ist das Motto vom Verein "Münchner Freiwillige – wir helfen". Der Verein mietet Wohnungen für sozial schwächer gestellte Menschen auf eigenes Risiko an – und vermieten ihnen diese unter. Für einen Vermieter hat das Vorteile: einwandfreie Bonität, keine Mietausfälle, keine Arbeit mit Mieterwechseln.

"Das funktioniert gut. Wir haben inzwischen 30 Wohnungen angemietet und 100 Menschen aus der Wohnungslosigkeit geholt", sagt Vereinsmitglied Mischa Kunz, der als Immobilienmakler arbeitet. Er ist ein "lieber" Makler, der Leuten, die keine Chance auf eine Wohnung in München haben, eine Bleibe verschafft. Mit ihm arbeitet Gerhard Mayer, seit 1. Januar neuer Leiter des Amts für Wohnen und Migration der Stadt. Mayer sagt zu seiner neuen Aufgabe: "Vor allem möchte ich die Zahl von 1.600 wohnungslosen Kindern in der Stadt reduzieren, die teilweise in Notunterkünften wohnen. Das ist nicht kindgerecht. Kinder brauchen einen Rückzugsort."

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