Zweisitzer-Unikum aus England Der Morgan stirbt nie

Blech trifft auf Holz: Der Morgan baut auf Traditionen. Foto: Morgan

Ein Automodell, das seit 80 Jahren praktisch unverändert gebaut wird - das kommt natürlich aus England. Der Kleinserien-Sportwagen Morgan 4/4 läuft und läuft.

Malvern Link - Man schreibt das Jahr 1936. Im Vereinigten Königreich Großbritannien dankt gerade Edward VIII. zugunsten seines Bruders George VI. ab, und die zehnjährige Elizabeth Alexandra Mary rückt an die erste Stelle der Thronfolge. Und in der Pickersleigh Road in Malvern Link in der Grafschaft Worcestershire erweitert Harry Frederick Stanley Morgan das Modellprogramm seiner Fahrzeugproduktion. Zu seinen seit 1909 gebauten Morgan-Dreirädern mit Zweizylindermotoren kommt ein echtes Automobil mit vier Rädern und vier Zylindern, folgerichtig Morgan 4-4 genannt.

HFS, wie seine Freunde den Morgan-Patron nennen, lässt einen leiterförmigen Stahlrahmen zusammenschweißen, ein paar Kutschenbauer setzen darauf einen hölzernen Aufbau aus gut abgelagertem und verleimtem Eschenholz. Für die schnittige Blechkarosserie des Zweisitzers dengeln Karosseriehandwerker mit vielen Hammerschlägen elegant geschwungene Kotflügel, dazu eine längs geteilte Motorhaube und ein schlichtes Heck. Die blechernen Türverkleidungen sitzen auf Holzrahmen, wie das im Kutschenbau schon immer üblich war. Unter der Haube werkelt ein 1122-ccm-Vierzylinder von Coventry Climax, dessen damals respektable 34 PS den 703 Kilogramm leichten Zweisitzer auf knapp 100 km/h treiben. Der handliche Roadster für zügige Fortbewegung im Alltag und gerne auch etwas Clubsport am Wochenende erfreut sich vom Start an einer guten Nachfrage. Zumal HFS Morgan zwei Jahre später den Coventry-Climax-Motor durch ein von der Automarke Standard zugeliefertes 1,3-Liter-Triebwerk mit 39 PS ersetzt.


Schmal und filigran: Ein Armaturenbrett, das seinen Namen noch verdient.

Der Zweite Weltkrieg erzwingt einen Produktionsstopp. In Malvern Link entstehen nun Teile für das Jagdflugzeugs Spitfire, ehe es 1946 mit dem Morgan 4-4 (fortan und bis heute unter der neuen Bezeichnung 4/4) weitergeht. 1959 entsteht daraus der Plus 4 mit 2,1 Liter-Standard-Vanguard-Triebwerk - ursprünglich in einem Ferguson-Traktor verwendet - und 68 PS, der stolze 135 km/h schafft. Für ein Jahrzehnt baut Morgan nach der Fusion von Standard mit Triumph die Motoren der Modelle TR2, TR3 und TR4 ein. Aber bereits 1955 kommt mit der Motorisierung des 4/4 mit einem Ford-Triebwerk für ein 1,2-Liter-Basismodell die Marke Ford als Motorenlieferant parallel ins Spiel, TR-Motoren gab es auf Wunsch noch für ein paar Jahre. Von einem kurzen Intermezzo mit einem Fiat-Triebwerk 1981 abgesehen - die Kundschaft mochte in diesem urbritischen Automobil keinen italienischen Motor akzeptieren - ist seither Ford der Exklusiv-Lieferant für den Antrieb des 4/4. Dass das Holz für den Karosserie-Aufbau nicht mehr aus dem britischen Sherwood-Forest stammt, sondern aus Belgien geliefert wird, ist für Morgan offensichtlich bis heute genug der Globalisierung.

Einen Morgan 4/4 gibt's heute für 51.000 Euro

Heute treibt den mittlerweile 880 Kilogramm schweren 4/4 ein 1,6-Litermotor mit 82 kW/112 PS an, und unter der langen Haube des Plus 4 arbeitet ein 106 kW/145 PS starkes Zweilitertriebwerk. Hierzulande sind die Autos über die Importeure Merz & Pabst in Nürtingen (www.merz-pabst.de) für Süddeutschland und Flaving in Unna (www.morgan-flaving.de) für den Norden erhältlich. Ein Morgan 4/4 kostet heute 51.000 Euro, und das Sondermodell "80th Anniversary" kommt auf 58.800 Euro. Stoßstangen kosten immer noch Aufpreis (1.500 Euro), dagegen sind in Deutschland Türgriffe mittlerweile im Preis enthalten.

Die Basis-Ausstattung ist immer noch spartanisch, dafür haben sich die Lieferfristen gebessert. Drei bis vier Monate sind zu kalkulieren, während es früher bis zu zwei Jahre waren. Der Grund: Man hatte sich in Malvern Link bis in die achtziger Jahre hinein hartnäckig auf maximal 99 Mitarbeiter fixiert, weil ab 100 die Einstellung eines Gewerkschaftsfunktionärs ("Shop Steward") vorgeschrieben gewesen wäre. Heute arbeiten an der Pickersleigh Road immerhin 160 gut ausgelastete Handwerker, der Sprung über den eigenen Schatten hat sich somit gelohnt.

 

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