Zwei Betroffene berichten LGBTIQ in München: Gleichberechtigt? Nicht ganz!

München ist bunt, und die Haare von Ripley sind es auch: Die queere Frau beim AZ-Gespräch. Foto: Jasmin Menrad

Queere Menschen haben in Deutschland noch immer nicht dieselben Rechte. Hier spricht eine Münchnerin offen über ihre Identitätssuche – und ein Schwuler erinnert sich an eine Prügelattacke.

München - Nach der Ehe für alle, die vor einem Jahr beschlossen wurde, glauben wohl viele, dass queere Menschen nun aber wirklich gleichberechtigt sind.

Zur Pride Week, die am Samstag mit der großen Christopher-Street-Day-Parade ihren Höhepunkt findet, stellen wir Menschen vor, die immer noch nicht gleichberechtigt sind – vor dem Gesetz oder weil die dümmsten der Dummen sie verurteilen und angreifen. Heute: Ripley, die nicht den Namen tragen darf, den sie möchte und Marcel Rohrlack, der verprügelt wurde. Morgen lesen Sie von einer Frau, die ihr eigenes Kind adoptieren musste und einem Geflüchteten, der auch in Deutschland Angst hat.

Trans-Identität: Was ist männlich? Was ist weiblich?

Ripley hadert mit ihrer Identität, bis sie beschließt, sich mehr weiblich zu sehen. Eine Bereicherung.

Ripley ist ein schöner Mensch. Hochgewachsen, mit großen Augen, androgyner Figur, weicher Stimme und bunten Haaren.

Kleidchen trägt Ripley (39) nicht. "Ich bin keine femme, das ist nicht mein Stil", sagt sie. Auch als kleiner Bub hat sie nicht heimlich die Kleider der Schwester angezogen. Aber: "Ich fand Mädchen schon immer cooler. Da hatte ich zwar keine Ahnung von Sexismus und der Frauenbewegung, aber ich habe schon als Kind gedacht, dass Frauen alles können."

Ripley haderte mit einem Männerbild, dem sie nicht entsprechen möchte. Als Mann heiratete sie eine Frau und sagte manchmal scherzhaft: "Ich bin lesbisch." Erst als sie sich vor zwei Jahren von ihrer Frau trennte, begann mit dem neuen Freiheitsgefühl auch eine Identitätssuche. Aus Neugier und vorgeschobenem akademischen Interesse – denn Ripley ist so eine, die Dinge gerne ergründet und erforscht – setzte sie sich mit Transmenschen auseinander. "Denn die müssen ja wissen, was Männlichsein, was Weiblichsein bedeutet." So viel sei verraten: Jeder klärt das für sich selbst.

"Der Punkt, als ich realisiert habe, dass ich trans bin, war ein Befreiungsschlag für mich. Denn ich hatte plötzlich keine Erwartungshaltung mehr an mich, kein Bild mehr, dem ich entsprechen muss."

Einige Transmenschen jedoch haben einen enormen Leidensdruck. Nicht Ripley. Sie ist nichtbinär-transident, will sich also keinem Geschlecht zuordnen lassen, möchte aber mehr als weiblich gelesen werden und sieht das als enorme Bereicherung ihres Lebens: Ihre ehrenamtliche Arbeit für Geflüchtete bei ArrivalAid, ihr Engagement im Selbsthilfeverein VivaTS München und bei den QTies, einer Gruppe für Menschen, die nicht in das Zwei-Geschlechter-System passen.

Seit Februar nimmt Ripley Hormone, um weiblichere Rundungen zu bekommen und vor allem einen Busen.

Testosteronblocker nimmt sie nicht, auch eine geschlechtsangleichende Operation will sie nicht vornehmen lassen. Freilich verwirrt das einige Menschen. "Wenn mich jemand mit 'Herr' anspricht, versetzt mir das schon einen Stich." Und trotz aller Offenheit, die Ripley eigen ist und ihrem Sendungsbewusstsein bei diesem Thema, wundert sie sich schon, wenn jemand sie bei einer der vielen lesbischen Partys, bei denen sie so gerne ist, fragt, ob sie einen Penis hat. "Zeig mir deins, dann zeige ich dir meins", sagt Ripley ob des absurden Smalltalk-Themas Geschlechtsorgane.

Durch ihre Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität ist Ripley ein sehr politischer Mensch geworden. Sie will dafür kämpfen, dass jeder Mensch sein Geschlecht und seinen Namen frei wählen darf. "Das stört ja niemand anderen." Sie würde gerne ihre zwei männlichen Geburtsnamen behalten und zusätzlich Ripley Jantar Aurora heißen. Gemischte Namen sind in Deutschland aber nicht erlaubt.

Entwürdigend findet sie, wenn Transmenschen in zwei teuren Gutachten, die sie aus eigener Tasche bezahlen müssen, den Beweis erbringen müssen, dass sie wirklich trans sind, um eine geschlechtsangleichende Operation gezahlt zu bekommen.

Ripleys alter Arbeitgeber hat dichtgemacht, sie lebt gerade gut von der Abfindung und will sich als Videospielemacherin selbstständig machen. Doch nicht jeder hat die Zeit und das Geld für seine Rechte zu kämpfen wie Ripley.

Denn wer nicht dem Klischee 'Mann im Frauenkleid' entspricht, dem wird von manchem Arzt erklärt, er sei doch gar nicht trans. So wie Ripley, die lesbische Frau mit den kurzen, bunten Haaren, die die Hosen anhat und die Energie, sich für Gleichstellung durch alle Instanzen zu klagen.

AZ-Hintergrund: Das Transsexuellengesetz - Teilweise verfassungswidrig und umstritten

Das viel kritisierte und mehrmals vom Bundesverfassungsgericht in einzelnen Vorschriften für verfassungswidrig erklärte Transsexuellengesetz (TSG) trat 1981 in Kraft.

Das TSG sieht entweder die Anpassung des Vornamens an die empfundene Geschlechtszugehörigkeit vor – aus Thomas wird Britta, dahinter ist aber vermerkt "männlichen Geschlechts" – oder die Änderung des Geschlechtseintrages im Geburtenregister. Der Transmensch muss hierzu zwei unabhängige Gutachten einholen, die ihm seine oder ihre Transidentität bescheinigen.

Es folgt dann kein Verwaltungsakt, sondern ein gerichtliches Verfahren, um den Namen und den Personenstand zu ändern. Insgesamt betragen diese Kosten mehrere tausend Euro. Kritiker fordern die Einführung eines Gesetzes zur geschlechtlichen Selbstbestimmung, sowohl für inter*- als auch für trans*-Personen.



Nach dem Angriff musste Marcel Rohrlack am Auge genäht werden Fotos: Marcel Rohrlack

Homophobe Hasskriminalität: Beschimpft und verprügelt

Marcel Rohrlack wurde am CSD vor drei Jahren attackiert – der Fall ist leider keine Seltenheit.

Weißes Kleid, Sonnenbrille und lange Haare: Vor drei Jahren war Marcel Rohrlack (21) als schöne Frau auf dem Christopher Street Day (CSD) unterwegs. Der damalige Sprecher der Münchner Grünen Jugend war mit seiner Perücke kaum als Mann zu erkennen.

Doch nach der Party wurde Rohrlack auf dem Nachhauseweg mit seinem Freund am Ostbahnhof von vier Männern angepöbelt. Obwohl Rohrlack und sein Freund weitergingen, ließen die Pöbler nicht von ihnen ab, folgten ihnen (AZ berichtete). Einer der Unbekannten schlug Marcel Rohrlack ins Gesicht. Das Auge schwoll zu, die Wunde an der Braue musste genäht werden. Rohrlack macht den Fall im Internet öffentlich. Die Täter sind bis heute nicht gefunden worden.

Nach dem Vorfall erhielt Rohrlack rund hundert Mails, in denen ihm Geschichten von Schwulenfeindlichkeit und Gewalt erzählt wurden – nicht nur auf dem Dorf oder in einem Problemviertel, sondern auch mitten in München.

Allerdings wurde Rohrlack nach der homophoben Attacke im Internet auch beschimpft und beleidigt – weil er schwul und bei den Grünen ist. Dass Menschen wegen ihrer Homosexualität attackiert und verstoßen werden, das beschäftigt Rohrlack damals wie heute. "In München wie anderswo werden Jugendliche immer noch zu Hause rausgeworfen, weil sie schwul sind. Manche landen dann in Obdachlosigkeit und Prostitution." Gleichberechtigung und Akzeptanz sind noch lange nicht erreicht.

Deshalb wird Marcel Rohrlack auch in diesem Jahr beim CSD dabei sein – heuer mal nicht im Kleid. Einfach so, wie er sagt.

AZ-Hintergrund: Gewalt gegen Schwule in München - Die Zahlen

Im vergangenen Jahr erfuhr das Schwulenzentrum Sub von 38 Gewalttaten gegen Schwule außerhalb der Familie – 2016 waren es 22. Christoph Knoll, Leiter des Anti-Gewalt-Projekts des Sub sagt, dass eine Mehrzahl der Taten nicht angezeigt werden. Von 38 Betroffenen sind nur zwei zur Polizei gegangen – aus Scham, Angst vor der Polizei und der Sorge geoutet zu werden.

Bei der bayerischen Polizei gibt es – im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern – auch keine queeren Ansprechpartner für homosexuelle Opfer. In Berlin etwa, wo es solche Beamte gibt, ist die Zahl der Anzeigen eklatant gestiegen. Auch werden homophobe Straftaten in Bayern nicht extra erfasst, so dass sie in keiner polizeilichen Statistik auftauchen – zumal im Fall von politisch motivierter Hasskriminalität, wie es im Beamtensprech heißt, der Staatsschutz übernimmt.

"Ich hätte vor zehn Jahren nie gedacht, dass so eine Strömung von vorurteilsmotivierter Gewalt je wieder möglich ist", sagt Knoll. Nun sei sie aber wieder da, unter anderem befeuert durch offen homophobe Gruppen.

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