Zum Todestag des Münchner Modezars Moshammer: Ein goldenes Herz, das Spuren hinterlässt

Langjähriges Engagement: Vor 21 Jahren übernimmt Moshammer die Patenschaft für BISS-Verkäufer Tibor Adamec. Foto: az

Vor zehn Jahren wurde Modezar Rudolph Moshammer ermordet. Sein Nachlass kommt noch heute den Ärmsten der Armen zugute.

München - Das Zwischengeschoss des U-Bahnhofs Marienplatz hat weder vergoldete Wände, noch barocke Bilder an den Wänden. Doch die Suche nach dem Geist von Rudolph Moshammer sollte genau hier beginnen. An einer Säule steht Tibor Adamec. Nicht erst seit gestern, seit über 21 Jahren. Und dass er hier stehen darf, das sieht Adamec als Geschenk. Denn es war Rudolph Moshammer, Gönner und Förderer der Obdachlosenzeitung „Biss“, der ihm 1993 mit einer Patenschaft zu einer Festanstellung als Verkäufer der Zeitung verhalf.

Adamecs leise Stimme wird übertönt von den vorbeihastenden Pendlern. 77 Jahre ist er alt, im Urlaub war er noch nie. „Auf der Straße“, erzählt Adamec, „ist man einiges gewohnt.“ Aber damals, am 14. Januar 2005 wäre das ein schwerer Schlag gewesen, als Moshammer ermordet wurde.

Ihm und zwei anderen Verkäufern bezahlte der Verstorbene eine Patenschaft. „Die zwei anderen gibt es nicht mehr“, erzählt Adamec. Er ist geblieben.

Moshammer, der Sonnenkönig von der Maximilianstraße. Zu viel Gold, zu viel Protz – das gab es für ihn gar nicht. Man liebte ihn „ganz oben“. Doch vor allem verstand er die „ganz unten“. Besonders für Obdachlose setzte sich Mosi ein. Kein Werbegag, sondern ein echtes Anliegen. Sein Vater, auch wenn die komplette Geschichte nie ganz ans Tageslicht kam, war selbst einmal obdachlos. Der Modezar gründete den Verein „Licht für Obdachlose“. Der Glitzer, die Verschwendungssucht – all das war Teil der Marke Moshammer. Alle schauten auf ihn und er sagte, wohin sie auch schauen sollten.

Als Moshammer verschwand, entstand große Leere. Er bestimmte seinen Geschäftspartner Walter Käßmeyer zum Haupterben, vorher war der ein kaum bekannter Immobilienhändler, unterstützte Moshammer aber 1966 bei dem Aufbau seiner Firma „Carnaval de Venice“. Käßmeyer verkaufte die Villa in Grünwald, versteigerte Mosis Schmuck und Autos und verteilte den Erlös „im Sinne Moshammers“, wie Käßmeyers Sprecher erklärte. Dass der Erbe schon im Juni vergangenen Jahres starb, wird erst jetzt bekannt.

Langjährige Vertraute bedachte der Modezar großzügig. Chauffeur Andreas Kaplan erbte eine Maisonette-Wohnung und kümmerte sich um Mosis Hund Daisy. Einige Jahre lebte Kaplan noch zwischen vergoldetem Prunk, arbeitete als Hausmeister. Dann verkaufte er die Immobilie. Die ständige Gegenwart seines alten Chefs war zu belastend. Zuletzt sprach Kaplan 2012 in der Öffentlichkeit. Wie sein Chef ums Leben kam, kommentierte er damals mit: „A’ rechter Depp.“ Kaplan darf so etwas sagen. Kaum einer war Mosi näher, verstand ihn besser.

Oft sah man Kaplan in der „Hundskugel“ in der Hotterstraße, immer am ersten Tisch rechts neben dem Eingang. Die Hundskugel, das war nicht irgendein Lokal, sondern Münchens ältestes Wirtshaus und seit 1983 Moshammers Eigentum. Er war es, der das uralte Gemäuer in den 80ern vor dem Abriss bewahrt hatte.

Doch heute wird in der Hundskugel nur noch selten Bier ausgeschenkt. Die Wirtschaft musste 2011 nach 471 Jahren den Betrieb einstellen, obwohl Pächterin Barbara Sick einen Vertrag auf Lebenszeit bekommen hatte – ohne Erhöhung der Pacht, natürlich.

Der ehemalige CDU-Abgeordnete Jürgen Todenhöfer kaufte die Wirtschaft und brachte dort seine Stiftung „Sternenstaub“ unter. Moshammer-Erbe Käßmeyer machte die soziale Nutzung des uralten Gebäudes zur Auflage und veräußerte es zu einem „Freundschaftspreis.“

Besuch empfängt Todenhöfers Tochter Valerie in den „Gemächern“, wie sie scherzt. Der Boden knarzt bedeutungsschwanger. Aus der Wohnung im zweiten Stock sind Arbeitsräume geworden. Und die Projekte, die hier erdacht werden, würden dem ehemaligen Besitzer gefallen. Sternenstaub hat Projekte in Gaza, Afghanistan und im Kongo. Die Räume sind Treffpunkt für Vereine, Studenten kümmern sich um Senioren und Flüchtlinge werden in die Gesellschaft integriert. „Besonders am Herz“, und das betont Valerie Todenhöfer immer wieder, „liegen uns die Kinder.“

Wenn es nicht die Immobilien sind, dann ist es Moshammers Geld, was noch heute an Menschen verteilt wird, die es am nötigsten haben. Der „Rudolph Moshammer Verein“ verwaltet den Nachlass, schüttet ihn in kleinen Häppchen aus. Vorsitzender Florian Besold gibt keine genauen Auskünfte über die Finanzen – eine halbe Million sollte es aber schon noch sein, die der Verein verwaltet. „Und wir schütten nur das aus, was wir mit dem Geld auch verdienen“, so Besold. Noch viele Jahre soll davon gezehrt werden.

Zuwendungen bekommt zum Beispiel die Obdachlosenhilfe St. Bonifaz, oder die „Teestube Komm“ in der Zenettistraße. Täglich ist hier ab 14 Uhr die Hütte voll. Es kommen Menschen wie Hans, um ihre Wäsche zu waschen, oder zu duschen. Für ihn ist die Stube ein zweites Zuhause geworden. Seinen Kaffee und Tee trinkt der 66-Jährige täglich aus einer Maschine, die Moshammer selbst spendete. Hans kann sich noch erinnern, wie Moshammer nachts mit seinem Rolls Royce an die Reichenbachbrücke fuhr und heimlich Sekt und Geld verteilte.

„Denn eines hatte er nie“, sagt Franz Herzog. „Berührungsängste“. Herzog ist Leiter der Teestube und erzählt gerne von den Festen im Hof der Einrichtung: „Er kam an mit einem riesigen Tross. Presse, Bodyguards. So etwas.“ Der Paradiesvogel nutzte sein Gesicht, um auf die Bedürfnisse der Ärmsten aufmerksam zu machen. Doch anstatt nach einem Foto wieder zu verschwinden, blieb Moshammer noch stundenlang, um sich mit den Betroffenen zu unterhalten. Auf Augenhöhe. „Er wusste“, so Herzog, „dass Obdachlosigkeit nie selbstverschuldet ist.“

 

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