Vorbild Florenz AZ-Serie: Autofreie Innenstadt - Was Gegner und Befürworter sagen

Autos? Sucht man in der Innenstadt von Florenz vergeblich. Hier gehören die Straßen und Plätze ganz den Fußgängern. Foto: Maurizio Degl’Innocenti/dpa

Die Autos aus der City aussperren? In München ist die Debatte erst am Anfang. In anderen Städten ist man da schon deutlich weiter - zum Beispiel in Florenz. 

München – Es flaniert sich überaus schön durch Florenz. Überall kann man herumlaufen, sich zwischendrin auf einen Stuhl vor einer Trattoria fallenlassen und ein Glaserl Wein schlürfend dann den anderen Touristen zuschauen, wie sie sich durch die engen Gassen schieben.

Von sich stauenden Touristenmassen träumen wohl die wenigsten in München, wohl aber davon, dass die Fußgänger mehr Platz bekommen. Man müsste nur die Autos aus der Innenstadt verbannen. Für Florian Roth, den Fraktionschef der Grünen im Rathaus, ist die autofreie City eine positive Zukunftsvision. Er verspricht sich davon: "Gesunde Luft, weniger Lärm, besserer Klimaschutz und ein geringeres Unfallsrisiko – gerade für Kinder und Ältere", so Roth.

Stadtrat Walter Zöller (CSU) hat bezüglich der Älteren andere Sorgen. "Gehbehinderte Menschen müssen die Geschäfte anfahren können", sagt er. Auch die Erreichbarkeit von Arztpraxen wird immer wieder angemahnt. Man kann sich ja nicht immer mit dem Sanka zur Therapiestunde kutschieren lassen.

Unbestreitbar ist, dass sich die Stadtgesellschaft – und damit auch das Rathaus – ohnehin mit der Verkehrsfrage auseinandersetzen muss. München hat sich 2017 bei den Verkehrsanalytikern von Inrix den Titel als Deutschlands Stauhauptstadt abgeholt. Im Schnitt stehen Autofahrer hier 51 Stunden pro Jahr im Stau. Die vielen Großbaustellen spielen da reichlich mit rein, allerdings wurde in München auch schon vorher viel gestanden.

Manche wollen das Auto verbannen, andere wehren sich dagegen

Das Verkehrsaufkommen ist in der ganzen Stadt massiv. Besonders ballt es sich natürlich in der Innenstadt. Es gibt einfach zu viele Autos, dagegen muss man sich zumindest in der City wehren – das fordern die einen als Konsequenz. Die anderen schlussfolgern: Die Autofahrer sind ein wesentlicher Teil des Verkehrsgeschehens, man kann sie nicht einfach ausschließen.

Das sind die Ausgangspositionen zur autofreien oder auch verkehrsberuhigten Innenstadt. Und ob dafür oder dagegen: Der Vorschlag wurde im Stadtrat schon mehrfach behandelt. Und wenn die Idee schon da ist, kann man sich ja auch gleich an anderen Stellen in der Stadt und in anderen Städten umschauen.

Zwei Herangehensweisen wären denkbar. Heiß diskutiert ist vor allem die erste, die – wie in Florenz – areal gedacht ist. Sie wurde schon mehrfach im Stadtrat behandelt, angetrieben von den Grünen. So formulierte Katharina Schulze, die Chefin der Landtags-Grünen, zuletzt im AZ-Interview: "Das Ziel muss eine autofreie Innenstadt sein."

Auch von Stadtbaurätin Elisabeth Merk (parteifrei) gab es schon Pläne, die Innenstadt zur verkehrsberuhigten Zone zu machen. Innerhalb des Altstadtrings und zum Hauptbahnhof hin dürften dann nur Anwohner und Zubringer fahren, ansonsten bräuchte es eine Sondergenehmigung.

Erfolg hatten die Befürworter zuletzt im Tal, wo die Flächen für die Flanierer und Spazierer erweitert wurden und die Autos nur noch je eine Spur haben. Doch ist das wirklich ein Erfolg für die Stadtgemeinschaft?

CSU-Stadtrat Walter Zöller findet das überhaupt nicht. "Es wird immer viel geredet, ohne sich das vor Ort anzuschauen", schimpft er. "Im Tal gibt es viel Zulieferverkehr, für den sind da aber keine Parkplätze vorgesehen. Also müssen die jetzt auf der einzigen verbliebenen Fahrspur stehenbleiben", kritisiert er. Demnach wäre die Verkehrssituation in der Folge also eher schlechter geworden. Der reine Durchgangsverkehr, gegen den sich das Fahrverbot am Ende ja richten soll, sei dort faktisch eh nicht vorhanden. "Wo soll der über diese Route denn auch hin?", fragt Zöller.

Zentraler Kritikpunkt der Autofrei-Gegner ist zudem immer wieder, dass so die Stadt in ihrem typischen Kern verändert werde. Bei den Befürwortern verspricht man sich durch die neue Belebung dagegen eine Durchmischung.

Wo keine Autos mehr sind, ist Platz für eine andere Nutzung

Durch die weitergreifende Verkehrsberuhigung könnten auch mehr Leute in die kleineren Gassen laufen. Zudem könnte man freigewordene Flächen anderweitig nutzen. In einigen Bereichen könnte es auch mehr Raum für Kitas geben, überlegt Stadtrat Roth. Am besten sollte man das durch "einen Ideenworkshop mit Experten und Bürgern" gestalten, findet er.

Die zweite Herangehensweise wäre zeitlich gedacht. So gilt in São Paulo, wo sich das Verkehrsaufkommen in noch ganz anderen Dimensionen bewegt, seit 2015 auf mehreren großen Straßen sonn- und feiertags ein komplettes Fahrverbot. So wird beispielsweise die zentrale und etwa drei Kilometer lange Avenida Paulista abgesperrt. Die Straße ist dann nur für Spaziergänger und Radler frei. Sie wäre in etwa mit der Leopold- und Ludwigstraße vergleichbar.

"Das kann man freilich machen", sagt Zöller, mahnt aber an, dann auch Alternativen für den Einfallverkehr zu bieten. Ein solcher Plan wäre also mindestens mit tariflichen Vergünstigungen für den ÖPNV verbunden.

Florian Roth sieht die Sonntagssperre eher als Zusatzangebot. "Für die Altstadt wäre eine ganzjährige Lösung sinnvoll. Für Zonen darüber hinaus könnte man sich temporäre Lösungen vorstellen", sagt er. "Spielplätze statt Parkplätze, Flaniermeilen, breite Radlwege, Busspuren, mehr Grün, kommerzfreie Sitzgelegenheiten, aber auch größere Freischankflächen", so stellt sich Roth das vor.

Für Gegner Walter Zöller gehören die Autos dagegen zur Innenstadt dazu: "Wenn man die Altstadt abschneiden will, soll man das machen. Aber ich verstehe nicht, warum das Herz der Stadt abgetrennt werden soll", sagt er.

Einigkeit über die autofreie Innenstadt ist also nicht in Sicht. Sie besteht allerdings darüber, dass für den Verkehr in der Innenstadt gute Lösungen gefunden werden müssen. Trotz guter Modelle – München ist weder Florenz noch São Paulo. Allerdings gilt auch: München muss beweglich bleiben. Nicht nur im Sinne der Mobilität, sondern auch im Sinne der Wandelbarkeit. Denn München lebt.

Zukunft Stadt - eine Serie der Abendzeitung

Lesen Sie hier Teil zwei der Serie: München, eine Stadt für Cykeler?

Lesen Sie hier Teil drei der Serie: Mehr Sicherheit am Gleis: Warum hat München keine Bahnsteigtüren?

 

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