Zugunglück von Bad Aibling Wie kann der Fahrdienstleiter mit dieser Schuld leben?

Bei dem Zugunglück von Bad Aibling sind elf Menschen ums Leben gekommen, 24 sind schwer und 61 leicht verletzt worden. Foto: dpa

Seit Dienstag steht fest: Der Fahrdienstleiter ist schuld an der Zugkatastrophe von Bad Aibling. Die AZ hat mit Kriminalpsychologe Christian Lüdke über sein Trauma nach diesem verhängnisvollen Fehler gesprochen.

München - Er hat fast 20 Jahre Berufserfahrung – und trotzdem einen tödlichen Fehler gemacht: Die Staatsanwaltschaft Traunstein bestätigte gestern offiziell, dass sie wegen des verheerenden Zugunglücks am Faschingsdienstag gegen den Fahrdienstleiter ermittelt, der zum Unglückszeitpunkt im Stellwerk von Bad Aibling Dienst hatte.

Gegen den 39-Jährigen wurde ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr eingeleitet. „Sein Verhalten war nicht mit den Vorschriften und den für ihn geltenden Regeln vereinbar. Hätte er sich regelgemäß, also pflichtgerecht, verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß gekommen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese. „Es geht um menschliches Versagen mit katastrophalen Folgen.“ Bei dem Unglück haben elf Menschen ihr Leben verloren, 24 sind schwer und 61 leicht verletzt worden.

Wie kann man mit so einer großen Last auf den Schultern weiterleben? Wir haben mit dem Kriminalpsychologen Christian Lüdke (55) über das Trauma des Fahrdienstleiters gesprochen.

AZ: Herr Dr. Lüdke, der Fahrdienstleiter von Bad Aibling war fast 20 Jahre im Job, ehe ihm dieser katastrophale Fehler unterlief. Wie kann so etwas passieren?

DR. CHRISTIAN LÜDKE: Das ist schwer zu sagen, weil wir noch zu wenig wissen. Vielleicht war er in Gedanken woanders, vielleicht hatte er private Sorgen. Es reicht ja ein Augenblick der Abgelenktheit, damit ein schrecklicher Fehler passiert.

Der ermittelnde Staatsanwalt sagte gestern über den Zustand des Mannes: „Es geht ihm nicht gut“. Wie muss man sich den Zustand vorstellen?

Er wird in einem völligen seelischen Ausnahmezustand sein, mit schrecklichen Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Er wird sich fragen: Warum habe ich das so gemacht? Hätte ich die Situation nicht noch irgendwie retten können?

Nun muss er damit leben, für den Tod von elf Menschen verantwortlich zu sein – und für viele Verletzte. Kann ein Mensch solche Schuldgefühle überhaupt aushalten?

Nach allem, was man bislang weiß, hat der Mann ja nicht mit Vorsatz gehandelt, es ist ein schrecklicher menschlicher Fehler gewesen. Solche Dinge passieren jeden Tag. Sie passieren Ärzten, sie passieren Autofahrern, sie passieren auch anderen Berufsgruppen. Wie dieser Mann mit seiner Lage zurechtkommt, hängt stark davon ab, ob er grundsätzlich eine stabile Persönlichkeit ist, mit einem stabilen Umfeld.

Es kann sein, dass er angegriffen und angefeindet wird.

Natürlich. Es kann auch sein, dass sich Gefühle von Wut und Aggression gegen ihn entladen. Auch die öffentliche Aufmerksamkeit wird eine extreme Belastung sein. Es gibt Menschen in ähnlicher Situation, die können ihren Beruf nicht mehr ausüben, andere können das. Manche bleiben ruhig und gelassen, andere geraten in Panik. Es muss nicht sein, dass dieser Mann in Depressionen verfällt. Das hängt jetzt sehr davon ab, wie stark die soziale Unterstützung ist, die er bekommt.

Was genau kann hier helfen?

Man darf ihn jetzt auf keinen Fall alleine lassen oder an den Pranger stellen. Er ist ja schon gestraft genug, weil er eine Fehlentscheidung getroffen hat. Der Tod der Menschen im Zug ist seine Höchststrafe. Er braucht Unterstützung von seiner Familie, von Freunden, Vorgesetzten. Wenn er einen fairen Umgang hat, dann wird ihn das stabilisieren.

Auch seine nächsten Verwandten werden unter Schock stehen. Der Mann ist verheiratet, vielleicht hat er Eltern, die noch leben. Wie kommen die Nächsten damit zurecht, wenn ein lieber Mensch eine Katastrophe verursacht hat?

Das Familiensystem, der Freundeskreis, werden durcheinandergewirbelt, natürlich können sie genauso betroffen reagieren. Besser, sie halten zusammen und tragen ihn da durch. Die Wissenschaft sagt, Menschen brauchen die Anwesenheit einer stabilen Person, die Zuversicht vermittelt.

Nun stehen laut Staatsanwaltschaft womöglich fünf Jahre Haft im Raum. Hilft es Opfern, wenn der Verursacher ihres Leids ins Gefängnis geht?

Nein, es gibt keinen Ersatz für das Leben. Es war ein Unfall, kein feiger Mord, das darf man nicht vergessen.

 

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