Zeitzeugen erinnern sich Bomben auf die Michaelskirche: "Alles war Ruine. Wir hatten Angst"

Nur noch Trümmer: Von St. Michael in der Neuhauser Straße ist nach den Bombenangriffen nicht mehr viel übrig (Foto von 1945). Foto: Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten

Vor 75 Jahren wurde die Michaelskirche fast völlig zerstört. Zeitzeugen erinnern sich an ihre Kindheit in der bombardierten Stadt.

 

München - Das Wetter war neblig und regnerisch, als am 22. November 1944 Bomber der Alliierten Kurs auf München nahmen. Wegen der schlechten Sicht verfehlten die Piloten ihre militärischen Ziele. Dutzende Sprengbomben fielen an diesem und am folgenden Tag auf die Altstadt. Die Bombardierung im April 1944 war eine der schwersten. Insgesamt wurden 74 Luftangriffe auf München geflogen.

Insgesamt kamen bei ihnen 6.632 Menschen ums Leben, 15.800 wurden verletzt. 50 Prozent der Stadt wurden zerstört, in der historischen Altstadt waren es sogar 90 Prozent. Auch 26 Kirchen wurden in Schutt und Asche gelegt. Nachdem am 25. April 1944 der Turm vom Alten Peter brennend auf den Marienplatz gestürzt war, traf es im November erneut die Frauenkirche, noch schlimmer jedoch traf es St. Michael. Die Jesuitenkirche wurde vier Mal voll getroffen, drei Viertel der Kirche wurden zerstört.  "Auch die Kanzel zersplitterte in tausende Teile", sagt Kirchenrektor Karl Kern.

"Wir haben stundenlang im Keller gezittert und gewartet"

Am Freitag jährt sich dieser Tag der Zerstörung zum 75. Mal. Mit einem Gedenk-Konzert wird in St. Michael am Sonntag daran erinnert. "Wir wollen die Erinnerung hochhalten. In der Fastenzeit 2020 werden auch Zeitzeugen zu Wort kommen. Es sind letzte Gelegenheiten, dass sie uns noch etwas erzählen", sagt Pater Kern. Auch die AZ sprach mit Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben.

Elfriede Götz wurde 1933, im Jahre der Machtübernahme, geboren – ausgerechnet an Adolf Hitlers Geburtstag. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, er starb vor ihrer Geburt bei einem Unfall. Die Harlachingerin erinnert sich noch gut an die Bombenangriffe. "Wir haben zuhause immer den Laibacher Sender gehört. Wir hatten ja alle einen Volksempfänger. Eine Durchsage kündigte sich immer mit tack, tack, tack an", sagt sie und klopft mit den Knöcheln ihrer rechten Hand hart auf den Tisch. "Dann folgte die Durchsage: Achtung, Achtung ... im Anflug... Dann hat’s nicht lang gedauert und draußen ging der Alarm los", sagt die 86-Jährige.

"Wir mussten alle in den Keller. Dort waren Stockbetten und ein Eisenofen. Wir haben stundenlang gezittert und gewartet. Manchmal haben wir Kinder auch gesungen." Lieder wie "Hoch auf dem gelben Wagen" oder "Wie einst Lili Marleen" – gegen die Angst. Die kleine Elfie hatte eine sechs Jahre ältere Schwester. "Sie war immer wie gelähmt nach den Angriffen. Meine Mutter hat sie geschimpft, weil sie kaum imstande war, wieder nach oben zu gehen." 

Lieder gegen die Angst

Das Haus ihrer Großeltern, die in der Schäftlarnstraße wohnten, wurde von einer Bombe getroffen, viele kamen dabei um. Die Großeltern überlebten. Obwohl das hellblonde Mädchen mit ihrer Familie in Harlaching wohnte, war sie oft in der Altstadt unterwegs, wo die Zerstörung am schlimmsten war. "Da hat’s oft noch gebrannt, wenn ich, den Einkaufsbeutel an meine Brust gepresst, dort entlangging." Ihre Mutter schickte sie Lebensmittelmarken tauschen. "In der Dachauer Straße gab es die Apotheke ‘Bienchen’. Dort habe ich Süßstoff, Kunsthonig und Backpulver geholt."

In den letzten Kriegsmonaten war Elfriede Götz elf Jahre alt. "Alles war kaputt. Oft hat’s noch gebrannt. Alles war Ruine. Es war sehr bedrückend. Wir haben immer Angst gehabt." Auch an die zerstörten Kirchen erinnert sie sich: "Nur die Außenmauern standen noch. Im Winter lag Schnee drin." 

Zwischen Stachus und Marienplatz fuhren statt der Tram Laster, die Schutt und Trümmer abtransportierten. Einmal gab es einen Fliegeralarm, während sie etwas besorgen sollte. "Ich bin in den nächstbesten Keller geflüchtet, das war der Salvatorkeller. Wir warteten dort, wo sie das Eis für die Getränke lagerten." Bis heute ist für Elfriede Götz mit der Erinnerung an den Krieg die Angst vor Kellern geblieben. Sie meidet ihren eigenen, so gut es geht.

"Wir flüchteten in unserem alten Auto vor den Bomben"

Auch der Münchner Hans Sachsenhauser (89), der später als Gründer des Theaterrestaurants "Kulisse" stadtbekannt wurde, hat den Krieg als Kind und Jugendlicher miterlebt. Seine Eltern betrieben das Weinlokal "Kakadu" in der Hochbrückenstraße. "Bei einem der ersten Tagesangriffe waren wir gezwungen, in die Residenz zu flüchten. Wir dachten, hinter den massiven Mauern wären wir sicher. Doch dann schlug eine Bombe vorn, eine hinten und eine in der Mitte ein. Wir dachten, da kommen wir nimmer raus. Nach ein, zwei Stunden gelang es dann doch." Danach schickten die Eltern ihr einziges Kind so oft wie möglich auf Land.

In einem Haus am Waldrand in Stockdorf wartete der junge Hans "und hatte Angst allein". Die Eltern kamen meist erst nach Mitternacht nach Hause. Hans Sachsenhauser erinnert sich, wie er mit dem Zug in die Stadt fuhr und nach einem Angriff am Hauptbahnhof die Särge mit Toten standen. An einem anderen Tag, einem Sonntag mit "strahlend blank geputztem Himmel", besuchte er die Eltern im Lokal.

"Dann kam das Warnzeichen im Radio." Sie rannten zu dritt zum Auto des Vaters, flüchteten in dem alten DKW an den Stadtrand. "Ich habe die Flieger kommen sehen und ihr Schweinwerferkreuz." Obwohl das alles 75 Jahre und länger zurückliegt, fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen. "Man kann’s gar nicht fassen, wie dumm der Mensch sein kann. Die Gedanken der Nazis schweben immer noch in der Luft. Es ist wie ein Virus."

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