Zeichen gegen das Vergessen NS-Dokumentationszentrum: Blick hinter die Fassade

Der ehemalige Führerbau (l) und der Neubau des NS-Dokumentationszentrums in München. Foto: dpa

Warum ausgerechnet München? 70 Jahre nach der Befreiung durch US-Truppen wird in der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung ein NS-Dokumentationszentrum eröffnet. Kein Museum. Gerade das nicht. Sondern ein Ort zum Erinnern und Lernen.

München - Ein weißer Würfel aus Beton - genau an der Stelle des früheren Braunen Hauses. 70 Jahre hat es gedauert, jetzt setzt München, ehemalige "Hauptstadt der Bewegung", mit dem neuen NS-Dokumentationszentrum ein Zeichen gegen das Vergessen. Es steht genau an der Stelle der früheren NSDAP-Parteizentrale und hebt sich hell gegen die Gebäude ab, in denen Hitler seine Macht konzentrierte. Direkt davor, am Königsplatz, ließ der Diktator sich in Aufmärschen feiern.

Das NS-Dokuzentrum stehe bewusst an einem "Täterort", sagt Gründungsdirektor Winfried Nerdinger. Am 30. April, dem Jahrestag der Befreiung Münchens, wird es eröffnet.

Direkt daneben steht nördlich der frühere Führerbau, heute Sitz der Musikhochschule. Vorne zur Straße ist die Fassade renoviert und glatt. Aber hinten klaffen bis heute tiefe Löcher von Splittern der Bombenangriffe. Die Glasfronten des neuen NS-Dokumentationszentrums lassen nun den Blick hinter diese Kulisse zu.

Der Platz für den Würfel in der Mitte zwischen dem früheren Führerbau und dem südlich gelegenen früheren Verwaltungsbau sei ideal, sagt auch der Historiker Wolfgang Benz. "So wird der Mythos der beiden Nazi-Bauten gebrochen."

Auf vier Etagen spannt die Ausstellung den Bogen von den Wurzeln des Nationalsozialismus bis 1945 über die schleppende Aufarbeitung der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart mit neuen rechtsextremen Umtrieben. Auf Bildschirmen sollen dazu aktuelle Nachrichten flimmern. "Am Ende der Ausstellung sind wir in der Gegenwart angekommen. Damit soll vermittelt werden: Das geht mich heute noch etwas an", sagt Nerdinger Eine Sonderausstellung ist zur rechtsextremen Terrorgruppe NSU geplant. Unterirdisch setzt sich das Gebäude fort, dort sind unter anderem Bibliothek und Lernbereiche untergebracht.

In den Ausstellungsräumen: Kein Ehrendolch in der Vitrine, keine Wehrmachtshelme, keine Uniformen. Kein Museum also - sondern ein Ort zum Erinnern und Lernen. Allein schon der Schutz originaler Objekte unter Glas würden diese automatisch "ästhetisieren", sagt Nerdinger. "Genau das wollten wir nicht für den Bereich der Täter." Hunderte Dokumente aus 50 Archiven werden zu sehen sein. "Wir werden viel Material ausbreiten." Darunter auch unbekannte Dokumente - "obwohl das Thema schon so beackert ist."

Ein einziges Original wird es geben: die 80 Sonette des in Moabit inhaftierten Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer, der kurz vor der Befreiung Berlins im April 1945 von den Nazis ermordet wurde. Sie wurden in seiner Manteltasche gefunden und tragen Blutspuren.

Vor dem Eingang des Dokuzentrums stehen die Reste des nördlichen "Ehrentempels", darauf Stümpfe frisch gefällter Bäume. Jahrzehnte habe man versucht, über die Fundamente der 1947 von den Amerikanern gesprengten Tempel "Gras wachsen zu lassen", sagt Nerdinger.

An den Tempeln ließ Hitler die Sarkophage der Toten seines Putschversuchs vom 9. November 23 unterbringen - und sie alljährlich in Aufzügen als "Blutzeugen der Bewegung" und Märtyrer feiern. 1956 wurden die Fundamente bewusst bepflanzt - wegen der 800-Jahr-Feier der Stadt München im Jahr 1958. Der Bewuchs des südlichen Tempels steht unter Schutz. Den nördlichen habe man nun "bewusst freigeschnitten", sagt Nerdinger. Man sehe hier "70 Jahre Verdrängung".

Das Haus sei "ein unübersehbares Zeichen, dass sich München seiner NS-Geschichte stellt", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Mit dem NS-Dokumentationszentrum schließt sich eine über viele Jahrzehnte klaffende Lücke in der Münchner Erinnerungslandschaft."

Schon nach Kriegsende hatten Überlebende des NS-Regimes und Bürger ein Erinnerungshaus thematisiert. Konkret wurden die Pläne erst ab 2001 mit einem Grundsatzbeschluss der Stadt und schließlich 2008 mit einer Zusage des Bundes, sich neben Stadt und Freistaat zu einem Drittel an den Kosten des 28,2 Millionen Euro teuren Projekts zu beteiligen. Der Holocaust-Überlebende und Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, sagte vor der Grundsteinlegung: "Eine gute und wichtige Sache kommt nie zu spät."

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