WM 2014 Nach Horror-Trainingslager: Bedingt titelbereit

Bei Jogi Löw und der deutschen Elf läuft es derzeit alles andere als planmäßig. Foto: dpa/firo/Augenklick/Getty

Der Crash, eine Biesel- und die Führerschein-Affäre: In Südtirol erleben Löw und das DFB-Team die wohl schlechteste Vorbereitung aller Zeiten.

 

St. Leonhard - Schlimmer geht’s wohl nimmer. Noch nie hat eine WM-Vorbereitung eines deutschen Teams für derart viele Negativ-Schlagzeilen gesorgt wie dieses DFB-Trainingslager in Südtirol. Der Image-Schaden ist enorm. Die Frankfurter Rundschau spricht von einer „fatalen Außenwirkung“, die FAZ von „mehr als nur einem Kratzer“.

Waren es sonst meist Verletzungsdramen wie die „Wade der Nation“ von Michael Ballack (2006) finden Pleiten, Pech und Pannen dieses Mal gar keine Ende. Bundestrainer Joachim Löw startet in das für ihn womöglich letzte Turnier mit der schlechtesten WM-Vorbereitung aller Zeiten. Und von Zwischenfall zu Zwischenfall wird es heftiger.

Die AZ zeigt die Horror- und Hiobsliste und listet die Probleme auf, die ahnen lassen: Diese Mannschaft ist ganz und gar nicht „bereit wie nie“, wie es ein Sponsorenslogan verkündet, sondern nur: bedingt titelbereit.

Der Horror-Crash: Ein schwerverletzter deutscher Urlauber und ein etwas leichter verletzter italienischer Landwirt sind die Folgen eines PR-Termins mit DFB-Sponsor Mercedes Benz. Das Bild vom idyllischen Trainingslager in Südtirol: stark beschädigt. Auch Nationalspieler Benedikt Höwedes ist betroffen, saß als Beifahrer von Pascal Wehrlein im Unfallwagen, hat den Horror-Crash nicht überwunden. Die Situation sei „ein Schock“ gewesen: „Ich glaube, dass die Bilder noch eine Zeit lang in meinem Kopf bleiben werden.“ AZ-Wertung: Der Unfall wird noch länger haften bleiben. Weil er Symbol steht für die verunglückte Vorbereitung.

Jogis Führerschein: Der Bundestrainer gibt gerne den Moralapostel – und ist selber Sünder. 18 Punkte in Flensburg, alle für zu schnelles Fahren. Von einer Vorbildfunktion kann keine Rede mehr sein. Zwar gibt sich Löw reumütig, verspricht Besserung, hätte aber längst auf die Bremse treten können. So steht der Bundes-Jogi, von dem nicht weniger als der WM-Titel erwartet wird, mehr unter Beobachtung als je zuvor. Und ein psychologisches Gutachten braucht er auch.
AZ-Wertung: Scheitert Löw sportlich, wird ihm auch die Führerschein-Affäre wieder vorgehalten. Nur im Falle des Titelgewinns könnte er sie aus dem WM-Zeugnis streichen.

Großkreutz’ Biesel-Affäre: Erst die vermeintliche Döner-Attacke, dann der Pinkel-Aussetzer nach dem Pokalfinale und jetzt das: Aus Frust über die Pleite in Berlin soll BVB-Kicker Kevin Großkreutz volltrunken in einem Hotel rumgepöbelt, eine Angestellte beleidigt und gegen Gäste handgreiflich geworden sein. Das berichtet die „Sport Bild“. Eine Geldstrafe gibt’s obendrauf. 50000 Euro. Zu zahlen an den BVB. Beim DFB gilt Großkreutz trotzdem als sicherer WM-Fahrer. DFB-Manager Oliver Bierhoff nahm ihn sogar in Schutz.
AZ-Wertung: Fällt der Dortmunder nochmal auf, fällt das auf Löw zurück. Der will Großkreutz trotz aller Eskapaden nicht fallen lassen.

Die Verletzungsmisere: Sie gelten als unverzichtbar, sind derzeit aber die größten (sportlichen) Sorgenkinder von Löw. Sowohl Manuel Neuer als auch Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm trainierten zuletzt gar nicht oder nur eingeschränkt. Zwar seien alle auf einem guten Weg, Zweifel bleiben trotzdem. Vor allem bei Neuer. Der Schlussmann kämpft mit Schulterproblemen, konnte am Donnerstag zum ersten Mal individuell üben. Besser sieht es bei Schweinsteiger und Lahm aus, die beide das Training mit Ball aufgenommen haben.
AZ-Wertung: Neuer bleibt Wackelkandidat, seine Schulter Löws Sorge. Jeder Ausfall eines Bayern-Akteurs würde das DFB-Team hart treffen.

Die Bender-Verletzung: Allrounder Lars Bender verpasst die WM verletzungsbedingt, er war eine wichtige Alternative.
AZ-Wertung: Der Ausfall schmerzt. Gladbachs Kramer scheint bereit zu sein, Benders Fehlen zu kompensieren.

Die Camp-Baustelle: Im WM-Quartier „Campo Bahia“ in Brasilien wird weiter fleißig gebaut. Letzte Mängel dürften bleiben. Der DFB muss improvisieren – und auf perfekte Bedingungen verzichten. Denn ist sich Teammanager Bierhoff sicher: „Das ist das beste Quartier aller Teams.“ Wenn’s denn mal fertig wird.
AZ-Wertung: Das Baustellen-Camp ist derzeit noch das geringste Problem.

 

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