WM 2010 "Fußballer sind wie Samurai"

Der jodelnde Japaner: Takeo Ischi erlernte in Tokio das Jodeln. In Deutschland wurde er durch Auftritte im "Musikantenstadl" zum Star Foto: Thomas Gaulke

Takeo Ischi, der bajuwarisierte Japaner, sieht Parallelen zwischen der Mentalität der Deutschen und jener seiner Landsleute. Hier erläutert er, warum das Jodeln sogar Völker verbinden kann

 

AZ: Herr Ischi, Japan hat bei der WM für Aufsehen gesorgt. Die Kicker machen Ihnen, dem jodelnden Japaner, noch Konkurrenz als beliebtester Show-Exportartikel des Land des Lächelns!

TAKEO ISCHI: Ich bin sehr, sehr stolz auf die Fußballer bisher. Der Japaner ist von Natur aus sehr fleißig und ehrgeizig und will immer der Beste sein. So wurden wir erzogen, so sind wir. Ich würde sagen, ich bin ein typischer Japaner: Ich will auch der beste Jodler der Welt sein.

Ihr Name Takeo heißt soviel wie „gesunder Held“. Für die Japaner heißt es jetzt gegen Dänemark „Elf Takeos müsst ihr sein“!

(lacht) Ja, und Ischi heißt Steinbrunnen, vielleicht sprudelt es aus den Spielern ja nur so hervor. Ich denke, dass wir es mit unseren japanischen Tugenden, die übrigens den deutschen sehr ähnlich sind, schaffen können. Auch bei uns sind Fleiß, Disziplin und Ehrgeiz sehr hoch angesehen.

Nippon-Trainer Takeshi Okada meinte, ein guter Fußballer müsste wie ein guter Samurai sein. Was ja oft auch mit Diener und Unterstützer übersetzt wird. Was zeichnet für Sie einen Samurai aus?

Ein Samurai muss nicht nur mit Kraft agieren, sondern ganz wichtig ist die Stärke seines Geistes. Er ist stolz auf seinen Herren und seine Nation, er ordnet die Eigeninteressen einem höheren Wert unter, er ordnet sich in eine Gruppe ein. Gleichzeitig muss er auch im richtigen Moment Individualist sein können. Dazu braucht es blitzartige Bewegungen, beste Ausbildung und Disziplin: Gute Fußballer sind wie Samurai.

Wer ist denn in Ihren Augen ein guter Samurai in der deutschen Mannschaft?

Ich bin zwar kein Fußballfachmann, aber ich denke, Lahm oder Schweinsteiger haben das Zeug dazu. Früher war es Oliver Kahn, der in Japan sehr verehrt wird. Diese Verehrung hat sicher mit seiner Samurai-Mentalität zu tun.

Hat sich der jodelnde Japaner etwas überlegt, falls Japan sich bei dieser WM den Titel sichern würden?

Falls Japan den Titel holen sollte, würde ich wohl die japanische Nationalhymne jodeln. Vielleicht würde ich auch einen Weltmeisterjodler komponieren.

Dann können Sie gleich Ihr Jodelwasser spendieren.

Absolut! Das ist ein spezieller Schnaps. Es verstärkt die Stimmkraft, nimmt Hemmungen und fördert die Lust zum Schreien und nimmt die Angst, aus sich herauszugehen.Jodelgesänge im Stadion, das wäre witzig. Allein der Klang des Jodelns hat etwas sehr Melodisches. Wenn man das choreographieren würde, dass die eine Kurve auf den Jodelgesang der anderen antwortet, wäre das für das Ohr sicher angenehmer als nur Tröten. Aber ich fürchte, wenn man das Ganze ohne Übung macht, kommt es nur als Lärm rüber.

Papst Benedikt XVI. hat, als er noch Kardinal war, das Jodeln mit dem Jubilus-Begriff der Theologie gleichgesetzt, dem „wortlosen Ausströmen einer Freude, die so groß ist, dass sie alle Worte zerbricht“. Gefällt Ihnen die Definition?

Sehr, das ist eine sehr gute Umschreibung, denn es umfasst die Wortlosigkeit des Jodelns, die damit alle Sprachbarrieren überwindet, aber eben auch die unbändige Freude, die zur Schau getragen wird. Das Jodeln kann Völker über alle Grenzen hinweg verbinden.

Wie kommt ausgerechnet ein Japaner zum Jodeln?

Schon als Kind habe ich Stimmen, Tiere, Geräusche nachgemacht. Im Radio in Tokio habe ich Jodeln gehört, und das ab meinem 15. Lebensjahr in einer Gesangsgruppe versucht, später habe ich mich in einer Jodelgruppe in Tokio engagiert. 1971 kam ich nach Deutschland. Ich sprach die Sprache sehr schlecht, aber wenn ich das Jodeln begann, haben alle gelacht und wir wurden über die Sprachgrenzen hinweg schnell Freunde.

Können Sie uns als bajuwarisierter Asiat das Geheimnis des undurchdringlichen japanischen Lächelns verraten?

Es ist einerseits ein Ausdruck von Respekt und Höflichkeit, andererseits eine Chance, Schüchternheit zu überspielen. Der Japaner braucht Zeit, um sich zu öffnen.

Was war für Sie das Befremdlichste, als Sie nach Bayern kamen? Womöglich das Essen?

Als ich das erste Mal eine Schweinshaxn sah, dachte ich nicht, dass ein Mensch das allein essen kann. Aber jetzt, wenn ich längere Zeit in Japan bin, habe ich richtig Heimweh nach einer Schweinshaxn

Interview: Matthias Kerber

 

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