WM 2010 „Fußball und Comedy – das ist Mist“

Harald Schmidt (li.) und Waldemar Hartmann (re.) mit den AZ-Redakteuren Michael Schilling (Mitte, links) und Gunnar Jans (Mitte, rechts) Foto: Gunnar Jans

Diese Meinung vertritt ausgerechnet Harald Schmidt. Hier spricht er im Duett mit Waldi Hartmann über Fußball ohne Ton, Löws bevorstehenden Abschied und innere Reichsparteitage.

 

Von Gunnar Jans und Michael Schilling

AZ: : Wie schauen Sie am liebsten Fußball, Herr Schmidt?

HARALD SCHMIDT: Am liebsten völlig alleine und ohne Ton. Ich zieh’ mir alles rein und bin froh, dass es schon um ein Uhr mittags losgeht.

Public viewing ist nichts für Sie?

SCHMIDT: Gut beobachtet. Aber ich freue mich, dass ein Großteil der Bevölkerung damit schon mal unter Dach und Fach ist.

Was schreckt Sie ab beim Public Viewing?

SCHMIDT: Die Masse. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich keinen Bezug zur Masse. Anders als Sie muss ich davon auch nicht leben!

Was halten Sie von den Kommentatoren?

WALDEMAR HARTMANN: Die Zeiten haben sich in unserem Job enorm geändert. Ich erinnere mich ans WM-Finale 1982, das Rolf Kramer im ZDF kommentierte. Da dachtest du, der ist bei einer Fronleichnahmsprozession. Damals gab’s ja eine Dienstanweisung, dass Jubeln am Mikrofon verboten war. Heutzutage, speziell seit dem Sommermärchen, ist das natürlich ganz anders. Da verlangt das Publikum Emotion.

SCHMIDT: Es ist ja Mode geworden, auf Kommentatoren einzudreschen. Erklärt einer viel, heißt es: Der quatscht zu viel. Sagt er wenig, heißt es: Wozu ist der überhaupt da? Ich finde, die machen’s okay.

Es gab Wirbel um Katrin Müller-Hohenstein, die im ZDF vom „inneren Reichsparteitag“ für Miro Klose sprach.

SCHMIDT: Es gab keinen Wirbel! Man hat versucht, etwas draus zu machen, ihr was anzuhängen. Aber doch nur mit den Medienkritikern. Die normalen Leute interessiert das doch gar nicht. Mir wäre der Satz übrigens nicht passiert.

Wieso nicht?

SCHMIDT: Ich hätte es wesentlich schärfer formuliert. Aber es spricht ja für die Qualität der Journalisten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Wir haben noch Leute, die wissen, was ein Reichsparteitag war. Und es gehört zu unserer historischen Verantwortung, das aufzuarbeiten.

HARTMANN: Müller-Hohenstein kommt ja aus Erlangen, ich aus Nürnberg. Das war die Stadt der Reichsparteitage. Da ist das ein gängiger Satz. Aber ich weiß: Wenn ich das gesagt hätte, hätte ich mir die rostigen Nägel selber aussuchen können, mit denen ihr mich an die Wand genagelt hättet!

Was halten Sie von Ihren Fußball-Kollegen in der ARD, wie Netzer, Delling, Scholl?

SCHMIDT: Ich finde die alle prima – die wissen, wovon sie reden. Mein Favorit ist eindeutig Mehmet Scholl. Er ist witzig, er traut sich aus der Deckung, er legt sich fest.

HARTMANN: Das sagst du doch nur, weil der Scholli bekennender Schmidt-Fan ist. Ich bin ja überzeugt, dass der Mehmet nur zu meinem 60.Geburtstag gekommen ist, weil Schmidt auch da war.

Man sieht bei dieser WM bisher so wenige Frauen.

HARTMANN: Ja, es fehlt der Schwenk übers Publikum, wie noch bei der EM. Beim Finale in Wien hast du ja gedacht: Da sind Heidi Klums Topmodels auf Butterfahrt. Was für hübsche Mädels wir hatten. Und wo sind sie jetzt? Ich vermisse diese Models, Schmuckdesignerinnen und selbstständigen Nagelstudiobetreiberinnen.

Was gibt die Nationalelf aus kabarettistischer Sicht her?

SCHMIDT: Das interessiert mich nicht! Ich verrate Ihnen jetzt mal was: Fußball und Comedy, das ist Mist, das funktioniert nicht. Fußball ist eine tolle Sache, eine ernste Angelegenheit. Man will ein Spiel sehen, da funktioniert das Rumgewitzel nicht. Und die deutsche Mannschaft ist so gut, dass da jeder Versuch, das kabarettistisch aufzuarbeiten, ins Leere laufen würde. Wir haben einen neuen Typus von Spielern – wo wollen Sie da kabarettistisch ansetzen?

Ach, das ist Ihnen früher doch auch gelungen, mit Kahn, mit Klinsmann.

SCHMIDT: Kahn war ein Spielertypus, den es heute nicht mehr gibt. Und in die Rolle, die Klinsmann hatte, wächst ja jetzt Joachim Gauck rein. Das ist die typisch deutsche Sucht nach dem Erlöser.

Vermissen Sie Klinsmann?

HARTMANN: Gar nicht. 2006 ist ja lang vorbei. Ich habe das damals übrigens schon vorher gesagt: Ich wusste es zu tausend Prozent, dass er sich nach der WM wieder verabschieden würde. Genauso bin ich jetzt überzeugt, dass nach dieser WM Jogi Löw nicht mehr Bundestrainer sein wird – egal, was passiert.

SCHMIDT: Das glaub’ ich auch. Der geht – aus eigenem Entschluss. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft eine sehr, sehr gute WM spielen wird. Und was soll er denn dann noch machen? Er hat dann doch alles erreicht.

Welche Trainer mögen Sie?

SCHMIDT: Mein Favorit ist Diego Maradona – als Gesamterscheinung! Die psychologische Wirkung, wenn Maradona an der Seitenlinie steht, ist so enorm; da braucht es keine Taktiktafel mehr.

HARTMANN: Weil Maradona ein unglaubliches Phänomen ist. Von seiner Bedeutung wäre er bei uns Franz Beckenbauer, Boris Becker und Bernhard Langer – in einer Person.

Er ist trotz seiner holprigen Biografie in Argentinien Held und Nationaltrainer. Ein vergleichbarerer Star bei uns, nennen wir ihn Lothar Matthäus, ist ohne Job.

HARTMANN: Vielleicht können die Argentinier besser verzeihen oder gehen gelassener mit den Schwächen ihrer Heroen um. Diego hat sich ja einiges geleistet, mit der Flinte auf Journalisten geschossen...

SCHMIDT: Das ist doch auch eine Lösung.

Wer folgt Löw nach?

SCHMIDT: Da wird es eine breit gefächerte Kandidatenliste geben. Mit Felix Magath, Louis van Gaal. Mir fällt noch einer ein: Matthias Sammer!

HARTMANN: Harald, der wird’s ja auch.

SCHMIDT: Steht das schon fest?

HARTMANN: Ich glaube: Ja!

Gestatten Sie uns die Frage: Was wird eigentlich aus Ihnen, Herr Schmidt?

SCHMIDT: Wieso? Muss ich mir Sorgen machen?

Nach dem Wechsel von Günther Jauch zur ARD wird es eine Programmreform geben. Wissen Sie schon, was aus Ihrer Show wird?

SCHMIDT: Seien Sie mir nicht böse, aber darüber werde ich bestimmt nicht als erstes in der AZ reden. Aber einen Satz schenke ich Ihnen, den können Sie schreiben: Mein Erfolg in der Branche rührt daher, dass ich im Gegensatz zu 98 Prozent meiner Kollegen wirklich die Klappe halten kann. Die anderen können das Wasser nicht halten und verbauen sich alles. Gell, Waldi?

HARTMANN: Ach, Harry, mein Vertrag für „Waldis Club“ läuft noch bis 2012. Da kannst du dann mein Assistent sein bei der EM in Polen und der Ukraine. Wir machen das geteilt: Ich gehe in die Ukraine, und du kennst dich bei deinen ganzen Polen-Witzen ja dort ganz gut aus.

„Waldis Club“ läuft in der ARD am Samstag und Sonntag jeweils um 23.15 Uhr. Gäste: Paul Breitner, Hansi Müller, Bärbel Schäfer und andere.

 

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