Wiesnwirt mit Leib und Seele Münchens Parade-Wirt: Wiggerl Hagn wird 75

Oben angekommen: Wiggerl Hagn auf Augenhöhe mit dem weltbekannten Löwen seines Wiesnzeltes. Foto: AZ-Achiv/privat

Der Mann mit dem gezwirbelten Bart ist vermutlich einer der bekanntesten Münchner. Zum 75. Geburtstag öffnet Parade-Wirt Wiggerl Hagn sein Fotoalbum.

München -  Es war der dritte Advent. Berta Hagn hatte den ganzen Tag fleißig aufgekocht. Während Ehemann Ludwig kurz nach Mitternacht die letzten Gäste verabschiedete, werkelte sie schon wieder in der Küche – und dann musste es plötzlich schnell gehen!

Mit dem Taxi fuhren die Wirtsleut‘ in die Klinik, und kaum fünf Stunden später waren sie Eltern von Ludwig junior, genannt Wiggerl.

An jenem Sonntag, dem 10. Dezember 1939, morgens um sechs kam Wiggerl Hagn zur Welt. Aus dem eher zarten Münchner Kindl sollte ein gstandenes Mannsbild werden, ein weit über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Wirteschwergewicht, dessen Wort nicht nur in der eigenen Branche was gilt.

75 Jahre alt? „Des wird a jeder, wenn er’s derlebt.“

An diesem Mittwoch hat der Münchner Vorzeigewirt mit dem berühmten aufdrahten Bart 75. Geburtstag.

Kein Grund für ihn zum Feiern. Großes Tamtam um die eigene Person mag der Löwenbräu-Wiesnwirt und Hirschau-Chef eh nicht. 75 zu werden, sei außerdem kein Verdienst, sagt Wiggerl Hagn, um frei nach Karl Valentin hinzuzufügen: „Des wird a jeder, wenn er’s derlebt.“

Eigentlich sollte der Bub mal Tierarzt werden

Erlebt hat der Wiggerl viel in seinem Leben, und „eigentlich hab‘ ich immer Glück ghabt“, sagt er. Dass auch er es nicht immer leicht hatte, würde er nie erzählen.

Der bayerische Tausendsassa und bescheidene Familienmensch stellt sich den Situationen, redet nicht viel drumherum, sondern macht. Ursprünglich hätte der Sohn eines Metzgers und einer Köchin, die den „Rheinhof“ am Hauptbahnhof betrieben, gar nicht Wirt, sondern Tierarzt werden sollen.

„Das war der erklärte Wunsch meines Vaters“, erzählt Wiggerl Hagn: „Tierlieb war ich schon immer. Wir hatten Hunde, Katzen, Papageien und einen weißen Gockel, der im Hof unserer Gastwirtschaft lebte.“

Zwei Tierarzt-Praktika hatte Wiggerl schon absolviert, doch dann sollte alles anders kommen. Ludwig Hagn senior starb mit nur 48 Jahren. Sein Sohn war damals gerade mal 16 Jahre alt und das einzige Kind der Wirtsleut‘.

Keine Frage, dass Wiggerl seiner Mutter fortan im „Rheinhof“ tatkräftig unter die Arme greifen musste. 1956 hatte er dann auch gleich seine Wiesn-Premiere. Dort waren die Hagns die Wirte des Schützenzelts mit damals nur 2000 Plätzen.

Während Mutter Berta Hagn „einfach fantastisch alle Aufgaben vom Papa übernahm“, wie Wiggerl erzählt, war er vor allem für Lebensmitteleinkauf und Gästebetreuung zuständig. Anno 1956 – nicht vergleichbar mit 2014. „Die Reservierungen für die Wiesn füllten bloß ein DIN-A- 4-Blatt. Am ersten Wiesn-Montag hatten wir etwa 40 Gäste, 50 Bedienungen und 23 Musiker im Zelt. Damals musste man um den Gast noch kämpfen. Heute kämpft man dafür, dass der Gast einen Platz bekommt“, so Hagn: „Auch der Lebensmitteleinkauf ist heute etwas ganz anderes. Früher hatten wir weder Hendl- noch Schweinswürstl-Grill. Würste wurden in der Pfanne gebraten, Hendl im Rohr eines Kohleofens.“

Seit 1979 hat Wiggerl Hagn das weltberühmte und weit größere Löwenbräu-Festzelt, das er seither mit tatkräftiger Unterstützung seiner Ehefrau Christa führt, die ihm seit 49 Jahren zur Seite steht.

Die Hagn-Tradition ist gesichert – mit Tochter Steffi, die seit 2000 auch schon Wiesn-Wirtin ist, mit Schwiegersohn Michael Spendler und den Enkelsöhnen Lukas und Johannes, die ebenfalls in Opas Fußstapfen treten wollen. „Damals, mit erst 23 Jahren, war ich der jüngste Oktoberfest-Wirt“, sagt Wiggerl Hagn: „Inzwischen bin ich zwar nicht der Älteste, aber der Dienstälteste auf der Wiesn.“ Und das aktiv wie eh und je. Höchst engagiert ist Hagn seit fast 50 Jahren auch im Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband.

Ein Jahrzehnt lang, bis 2006, war er dessen Präsident. Erfolge erzielte er zuhauf: Sei es die Abschaffung der Sperrzeit oder das legendäre Ende der Trinkgeldsteuer, die mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder im Augustiner-Keller besiegelt wurde.

Unerschrocken und wortgewaltig setzt er sich bis heute für die Belange seiner Branche ein (zuletzt erst vor wenigen Tagen bei Finanzminister Söder für eine verbesserte Steuerregelung für Wiesn-Bedienungen). Wenn es um ihn selbst geht, macht Wiggerl Hagn indes wenige Worte, oft auch gar keine.

Doch wer ihn kennt, der weiß: Sein Herz ist mindestens so groß wie sein Bauch. Ein Beispiel dafür ist sein umfangreiches soziales Engagement. Reden darüber mag er, anders als viele andere, nicht. Seine Auszeichnungen sprechen für sich: unter anderem Bundesverdienstkreuz, Bayerischer Verdienstorden und „München leuchtet“.

Mit 50 in den Ruhestand? Das hat er verworfen

Eigentlich, so sein ursprünglicher Plan, hatte Wiggerl vor, mit 50 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Anders als sein früh verstorbener Vater wollte er noch was vom Leben haben.

„Doch die Arbeit macht mir halt einfach Spaß“, sagt er – und so übernahm er mit 50 den „Unionsbräu“ in Haidhausen. Als dessen Pachtvertrag auslief, startete er vor knapp zwei Jahren mit seiner Familie noch mal ganz neu durch. Er kaufte die traditionsreiche „Hirschau“ im Englischen Garten, die sich bislang in einer Art Dornröschen-Schlaf befand.

Vom einstmals desolaten Zustand ist nichts mehr übrig geblieben: Seit die Hagns die Wirtsleut‘ sind, brummt die „Hirschau“. Wenn er sich was wünschen dürfte, was wäre es? „Alles soll so weitergehen wie bisher. Ich bin rundum zufrieden“, sagt er und zwirbelt seinen legendären Bart.

Dass Wiggerl Hagn noch viel vorhat, steht außer Frage. Nur darüber reden, das ist halt nicht seine Art – und für Überraschungen war er schon immer gut. Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag!

 

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