Wiesn „Ozapft is – Das Oktoberfest-Handbuch“ von Moses Wolff

Moses Wolff auf der Wiesn. Foto: Bernd Wackerbauer

Moses Wolff hat das ultimative Wiesn-Buch geschrieben

 

Die Wiesn ist der Wahnsinn. Das weiß jeder, der schon einmal dort war und vor dem Vollrausch noch Zeit hatte, sich umzuschauen. Falsch: Niemand hat einen Vollrausch auf der Wiesn. Die Wiesn ist ein kuscheliges Familienfest, das erklären uns die Wirtesprecher seit Jahrzehnten. Freundlich-nachbarschaftlich geht’s zu, Eltern mit Kindern haben Vorfahrt (gut, samstags sind Kinderwagen verboten) und die Tracht feiert fröhliche Urständ‘. Die Wirte und ihre Angestellten schuften Tag und Nacht, um ein wenig Gewinn zu erwirtschaften, den sie später bis auf den letzten Cent versteuern, wie sich das in München gehört.

Bei einem jährlichen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro und durchschnittlich sechs Millionen Besuchern, die sowohl die Belegschaft der Zelte als auch die der Fahrgeschäfte zwei Wochen lang auf Trab halten, braucht es dringend einen Wegweiser durch diesen gigantischen Unterhaltungsdschungel. Rechtzeitig zum diesjährigen, 209. Oktoberfest bringt nun der Piper Verlag (nach der „Gebrauchsanweisung für das Münchner Oktoberfest“ von Bruno Jonas im Jahr 2009) ein neues Brevier heraus, verfasst von einem Autor, der praktisch geboren wurde, um eines Tages dieses Buch zu schreiben.

Hingabe und Präzision

„Ozapft is – Das Oktoberfest-Handbuch“ stammt aus der Kreativwerkstatt des Münchner Originals Moses Wolff, ergänzt von Fotos des unermüdlichen Stadtchronisten Volker Derlath und Zeichnungen aus der Feder des Autors. Mit neun Jahren flitzte der Bub Moses zum ersten Mal durch ein Bierzelt auf der Theresienwiese, seither verging kein Herbst ohne ihn auf der Wiesn. Er kennt sie alle, die Wirte und Schausteller, die guten Geister vor und hinter den Kulissen, die Macken und Tricks der Gäste, die versuchen, sich uneingeladen in ein Zelt zu schmuggeln; ihm sind die Bedürfnisse der Burschen und jungen Frauen vertraut, die in Lederhose und Dirndl umeinander balzen, bis die Nacht und das Bier sie mutiger machen. Deswegen lautet eine von Wolffs Goldenen Regeln: „Nur mit Mitmenschen schlafen, die das selbst auch wollen.“

Moses Wolff: Autor von Romanen und Drehbüchern, Kabarettist, Schauspieler, AZ-Kolumnist, Vermittler zwischen den Künsten, Lebemann und Connaisseur des weiblichen Geschlechts, ein Liebender durch und durch. Für Moses Wolff, so scheint mir oft, bedeutet es das höchste Glück, Freundschaften zu stiften und zu bewahren, ganz gleich, aus welcher gesellschaftlichen Schicht der- oder diejenige stammen mag. Diese Haltung zum Leben und Miteinandersein spiegelt sich auf jeder Seite seines Buches.

Mit Hingabe und Präzision umreißt er die Geschichte der Stadt und eines ihrer größten Aushängeschilder, des Oktoberfests. Von Heinrich, dem Löwen, über Ludwig I. mit seiner Prinzessin Therese bis zur heutigen Schicki-Micki-Szene mit ihren teilweise grenzwertigen Trachtenfetzen nimmt er die Leser mit auf eine Reise durch die mehr als zweihundertjährige Geschichte der Wiesn, die als lokales Pferderennen begann und als eine Art Almauftrieb für Adabeis aus aller Welt noch lange nicht zu Ende sein wird. Ja, liebe Wirtesprecher, vor allem Familien sind natürlich ganz vorn mit dabei, und jeder macht ihnen Platz.

Milde Süße im Nachtrunk

A propos Wirte: eine Wiesn ohne Bier wäre wie 1860 München ohne Chaos. Moses Wolff hat den Gerstensaft ausgiebig und vollmundig gekostet und eine Rangliste erstellt. Diese reicht von Hacker („hellgold-braun, der Schaum stabil konstant, milde Süße im Nachtrunk“, 1. Platz) bis Paulaner („extrem schnell vergänglicher Schaum, monotoner Sekundärgeruch, Jahr für Jahr dieselbe uninspirierte Enttäuschung“, 6. und letzter Platz). Allerdings will Moses, der Liebende, seine Bewertung „nicht als Maßstab über die allgemeine Qualität der jeweiligen Biersorte“ verstanden wissen. Man könne ja auch, schreibt er, manchmal Glück haben.

Gleichzeitig schildert er ausführlich die Gegebenheiten samt technischer Daten in den großen Zelten, die Atmosphäre und die Musik, singt ein Loblied auf die Wirtsleut‘ und lässt den Leser am Ende insofern ratlos zurück, als dass dieser sich kaum entscheiden kann, in welches Zelt er am Eröffnungstag als Erstes hineinstürmen möchte. Fairerweise vergisst Wolff die kleineren Zelte nicht, etwa die Heimer Hendl- und Entenbraterei oder den Fisch-Bäda, und widmet auch ihnen süffige Zeilen.

Auswärtigen oder Neueinsteigern bietet der Autor eine Reihe von Listen mit wesentlichen Verhaltens- oder Verständigungsregeln. Wo gehe ich mit seriösen Arbeitskollegen hin?, fragt er. Klare Antwort: In ein seriöses Zelt. Zum Beispiel ins Armbrustschützenzelt oder in die „gediegene“ Hühnerbraterei vom Poschner. Ganz wichtig: „Möglichen Entgleisungen beugt man vor, indem man maximal zwei Maß trinkt und sich höflich von seinen lieben Kollegen verabschiedet.“ Anschließend könne man ja noch „privat“ in ein anderes Zeit gehen und dort „die Sau rauslassen“.

Mariendistel hilft

Was Maß-bedingte Entgleisungen betrifft, so rät der stählerne, 50-jährige Moses (seit 41 Jahren jedes Jahr auf der Wiesn! Eigener Briefkasten beim Hacker-Zelt!) zu Mariendistel („leberstärkend, entgiftend, schützt die Leber vor dem Eindringen schädlicher Stoffe“). Seine persönliche Empfehlung: „Morgens zwei Dragees, nach der Heimkunft noch mal ein Dragee.“

Außerdem weist Moses Wolff Nichtkenner und Anfänger darauf hin, dass Tiere auf der Wiesn verboten sind („Blindenführhunde sind selbstverständlich ausgenommen“), die „Notdurft ausschließlich in den vorhandenen Toiletten zu verrichten“ sei und man ausgesprochen lieb zu den Kellnerinnen sein müsse. „Bedienungen sind das höchste Gut, von ihnen hängt alles ab.“ Also: „Ordentlich Trinkgeld geben.“    

Angeblich – Wirtesprecher sprechen darüber nicht – kommt es auf der Wiesn hin und wieder, aus welchen Gründen auch immer, zu Rüpeleien, sogar Schlägereien. Deswegen mahnt Moses Wolff eindringlich: „Gefährliche Gegenstände wie Gas- und Pfeffersprühdosen, Gewehre, Messer usw. haben auf der Wiesn nichts zu suchen.“ Das wäre ja auch Wahnsinn, wenn ein Gast, der versehentlich in einen Vollrausch geraten ist, sich mit Waffengewalt zu den Toiletten durchkämpfen wollte.

Dieses Oktoberfest-Handbuch von Moses Wolff muss man gelesen haben, unabhängig davon, ob man die Wiesn schon kennt oder nicht oder Bier generell zwielichtig findet. So viel Kurzweil, Spannung, Information und Witz findet man selten auf 300 Seiten, ein München-Schmöker zum Verlieben. Oder, um einen Ausdruck der Menschen aus den Prosecco-Boxen zu gebrauchen: Dieses Buch ist ein „Must-have“.

Moses Wolff: „Ozapft is – Das Oktoberfest-Handbuch“ (Piper, 336 Seiten, 12 Euro)
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading