Weltmeister im AZ-Interview Kohler: "Sehe keinen anderen Titelträger als Deutschland"

"Bei unserer Qualität und der Schwäche vieler anderer Nationen sehe ich keinen anderen Titelträger als Deutschland", sagt Jürgen Kohler (rechts) über die deutsche Elf. Foto: dpa

Jürgen Kohler erklärt, warum Deutschland bei der WM in Russland der Topfavorit ist – und er erinnert sich an den WM-Triumph 1990 in Italien. "Ich war schon in der Kabine hackedicht", sagt er im AZ-Interview.

München - Der heute 52-Jährige wurde 1990 mit Deutschland Weltmeister und 1996 Europameister. Ab 1. Juli arbeitet er als Trainer der U19-Junioren bei Viktoria Köln.

AZ: Herr Kohler, am Sonntag startet die deutsche Mannschaft mit dem Spiel gegen Mexiko in die WM. Was trauen Sie dem DFB-Team bei diesem Turnier zu?
JÜRGEN KOHLER: Ganz ehrlich: Alles andere als der Titel wäre eine Enttäuschung! Die Franzosen und die Spanier können uns vielleicht mal in einem Spiel schlagen, bei allen anderen Teams sehe ich das nicht. Wenn jetzt einer anfängt zu erzählen, das Viertelfinale oder Halbfinale sei ein Erfolg: Da lache ich mich kaputt!

Aber ist es nicht besonders schwer, als Titelverteidiger in ein Turnier zu gehen?
Was soll da Real Madrid sagen, die dreimal hintereinander die Champions League gewonnen haben? Bei unserer Qualität und der Schwäche vieler anderer Nationen sehe ich keinen anderen Titelträger als Deutschland.

Bundestrainer Joachim Löw hat mit der Ausmusterung von Leroy Sané für viel Verwunderung gesorgt. Hat Sie das überrascht?
Sané hat in England hervorragend gespielt, aber in der Nationalmannschaft konnte er sein Leistungspotenzial nie abrufen. Es kommt ja auch darauf an, wie ein Spieler ins Team passt. Vielleicht war das bei Sané nicht so gegeben.

Neuer bei der WM: Kohler hat "leichte Zweifel"

Trauen Sie Manuel Neuer zu, dass er seine Topform nach der langen Verletzungspause abrufen kann oder sehen Sie darin ein Risiko?
Ich persönlich habe daran leichte Zweifel. Aber letzten Endes kommt es darauf an, dass Manuel Neuer selbst und Jogi Löw zu hundert Prozent überzeugt sind. Sollte Neuer mal daneben greifen, und wir scheiden aus, dann wird es natürlich Kritik hageln.

Sie waren 1990 Stammspieler, als die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister geworden ist. Welche Momente des Turniers haben Sie noch in besonderer Erinnerung?
Die Erinnerungen sind eigentlich allgegenwärtig, gerade wenn wieder eine Weltmeisterschaft ansteht: Die Menschenmengen, das Fahnenmeer. Das Eröffnungsspiel gegen Jugoslawien, das wir 4:1 gewonnen haben, war sehr wichtig. Der Schlüssel zum Erfolg aber war das Achtelfinale gegen Holland (2:1-Sieg, d.Red.). Wir haben klar und verdient gewonnen.

In diesem Spiel hat Oranje-Verteidiger Frank Rijkaard Deutschlands Rudi Völler angespuckt. Wie haben Sie die Szene erlebt?
Auf dem Feld habe ich das gar nicht mitbekommen. Man muss ehrlich sagen: Gerade in dem Spiel, aber das war ja nicht das erste Mal, haben manche Holländer gezeigt, dass sie keine gute Kinderstube haben.

Im Finale gegen Argentinien stand es lange 0:0. Was haben Sie gedacht, als Andi Brehme sechs Minuten vor Schluss zum entscheidenden Elfmeter antrat?
Ich war mir total sicher, dass der Andi den reinmacht. Normalerweise habe ich bei unseren Elfmetern, zum Beispiel im Halbfinale gegen England (4:3 i.E. für Deutschland, d.Red.), gar nicht hinschauen können, ich habe mich weggedreht. Aber diesmal hatte ich ein super Gefühl. Wir haben das Finale hochverdient gewonnen und waren klar die bessere Mannschaft.

Kohler über WM 1990: "Schon in der Kabine hackedicht"

Wie waren die Feiern nach dem Titelgewinn?
Dazu kann ich gar nicht mehr viel sagen, weil ich schon in der Kabine hackedicht war. Wir haben gleich mehrere Drei-Liter-Flaschen Champagner bekommen, den Alkohol hat unser ausgelaugter Körper gar nicht vertragen. Ich kann mich noch erinnern, dass einige Jungs in den Klamotten geduscht haben. Abends hat der Adi Katzenmeier, unser Physiotherapeut und die gute Seele im Team, der ja leider vor eineinhalb Jahren verstorben ist, am Klavier gespielt. Den armen Kerl haben wir gepackt und mitsamt den Klamotten in den Pool geworfen. Die wenigsten von uns waren an diesem Abend im Bett. Am nächsten Tag, bei der Feier auf dem Frankfurter Römer, hatten wir alle die dicken Sonnenbrillen auf. Schade ist nur, dass die Zeit zu kurz war, um alles richtig zu genießen.

Franz Beckenbauer hat damals als Trainer sein Meisterstück gemacht. Welche Rolle hat er für den Titelgewinn gespielt?
Er war der wichtigste Baustein zum Erfolg. Der Franz hatte eine super Art, mit der Mannschaft umzugehen. Er hat uns großes Vertrauen entgegengebracht, wusste aber auch, wann es an der Zeit ist, die Zügel anzuziehen. Seine Analysen waren messerscharf.

Kohler über WM 1990: Beckenbauer "immer sehr emotional"

Beckenbauer hat den Spielern große Freiheiten eingeräumt. Haben Sie das auch mal ausgenutzt?
Einmal, kurz vor dem Halbfinale, sind wir mit einer größeren Gruppe zum Essen gegangen. Statt wie vereinbart um ein Uhr sind wir erst um Viertel vor zwei ins Hotel zurückgekommen. Der Franz hat natürlich mitbekommen, dass wir nicht pünktlich waren. Am nächsten Tag hat er gesagt: "Männer, wenn wir das Halbfinale gewinnen, ist alles okay. Wenn nicht, dann ziehe ich euch die Hammelbeine lang." Daraufhin wusste jeder, was die Uhr geschlagen hat.

Beckenbauer konnte auch streng sein. Legendär ist sein Wutausbruch nach dem Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei, das Deutschland 1:0 gewonnen, aber schwach gespielt hatte.
Das war halt der Franz. Er ist immer sehr emotional gewesen, da konnten schon mal ein paar Flaschen durch die Kabine fliegen. Aber er war immer glaubwürdig und in seiner Arbeit akribisch. Alleine seine fußballerischen Fähigkeiten haben uns höchsten Respekt abgerungen. Beim 5-gegen-2-Trainingsspiel musste er fast nie in die Mitte, weil er einfach keinen Fehler gemacht hat.

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