Was ist dran an ihren Thesen? Corona: Virale Virologen im AZ-Fakten-Check

Paul Nöllke.
Im Netz erhalten einige Wissenschaftler derzeit viel Aufmerksamkeit. Foto: Youtube/dpa

Im Netz erhalten einige Wissenschaftler derzeit viel Aufmerksamkeit – nicht immer zu Recht. Was ist dran an ihren Thesen? Ein Faktencheck.

 

In Krisenzeiten wissen Menschen oft nicht, wem sie glauben sollen. Gerade zum Thema Coronavirus gibt es sehr verschiedene Meinungen, die in den vergangenen Wochen "viral" gegangen sind, also im Internet viel Aufmerksamkeit erhalten haben.

Einer, der mit seinen Videos viel Aufsehen erregt hat, ist der emeritierte Mikrobiologie-Professor Sucharit Bhakdi. Er wandte sich sogar mit einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel. Bhakdi hält die Panik um das Virus für übertrieben, sagt er etwa in einem Youtube-Video vom 19. März.

Sars-CoV-2 sei "nicht grundsätzlich" gefährlicher als andere Erreger der Virus-Familie. Von 10.000 Infizierten seien "lediglich 50 bis 60" erkrankt. "99 Prozent der Menschen haben keine oder nur leichte Symptome." Mit Blick auf Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sagt Bhakdi: "Ich finde sie grotesk, überbordend und direkt gefährlich." Hat er damit recht?

Bewertung von Sucharit Bhakdis Thesen

Der Mikrobiologe setzt den Anteil der schwer Covid-19-Erkrankten deutlich zu niedrig an. Zudem missachtet er das exponentielle Wachstum bei den Neuinfektionen.

Corona-Fakt: Täglich stirbt mehr als ein Mensch

In seinem Youtube-Video, das bis heute schon mehr als 800.000 Mal aufgerufen wurde, erklärt Bhakdi anhand der Corona-Fälle in Deutschland, warum das Virus vermeintlich ungefährlich sei. Damit widerspricht er weltweit übereinstimmenden Forschungsergebnissen. Es stimmt zwar, dass bei Weitem nicht jeder mit dem Virus Sars-CoV-2 Infizierte Krankheitszeichen aufweist.

Bei denjenigen, die erkranken, zeigen sich bei 80 Prozent milde bis moderate Symptome. Das geht nach RKI-Angaben unter anderem aus einer früheren Analyse der in China erfassten Fälle hervor. Doch bei den restlichen 20 Prozent kommt es zu schwereren oder gar lebensbedrohlichen Krankheitsverläufen. Bhakdi legt also einen viel zu geringen Anteil schwerster Krankheitsverläufe zugrunde.

Richtig in seinem Video ist, dass zum damaligen Stand (Mittwoch, 18. März) bundesweit etwa 10.000 Infizierte registriert wurden, 28 Menschen waren gestorben. Der Mediziner schließt daraus, jeden Tag sterbe ein Mensch. Warum er die Toten auf einen Zeitraum von 30 Tagen hochrechnet, obwohl die ersten Todesfälle in Deutschland am 9. März bekannt wurden, erklärt er nicht.

An der Entwicklung der Corona-Fälle seit Veröffentlichung des Videos ist zu erkennen, dass in Deutschland täglich mehr als ein erkrankter Mensch stirbt. Schon am 19. März waren es 16 Tote mehr. Am Donnerstag (Stand: 14 Uhr) waren 931 Todesfälle in Deutschland bekannt. In Italien sterben täglich Hunderte.

Zwar geht auch Bhakdi von einem exponentiellen Anstieg der Ausbreitung aus, bleibt aber mit seinem "Horrorszenario" von einer Million Infizierten weit unter den Prognosen des RKI. Das Institut warnt vor bundesweit zehn Millionen Coronavirus-Infektionen in den kommenden Monaten, wenn Kontaktsperren nicht eingehalten würden.

Thesen von Wolfgang Wodarg

In den vergangenen Tagen machte der Lungenarzt und ehemalige Bundestagsabgeordnete der SPD, Wolfgang Wodarg, mit steilen Thesen zum Coronavirus von sich hören. Interviews mit ihm auf Youtube wurden millionenfach angeschaut. Doch viele seiner Behauptungen sind falsch. In einem Video sagt Wodarg zum Beispiel, das Coronavirus sei nicht neu, es sei nur früher nicht getestet worden.

Forscher bezweifeln aber stark, dass es das Virus schon lange vor den ersten Krankheitsfällen in China gab. Wodarg behauptet weiter, die Coronakrise sei ein "Hype". Es seien "leichtfertige und unberechtigte Quarantänemaßnahmen und Verbotsregelungen", gegen die man sich zur Wehr setzen müsste. Alleine die Situation in Italien beweist das Gegenteil.

Thesen von Hendrik Streeck

Der Virologe Hendrik Streeck ist Leiter der Virologie am Bonner Universitätsklinikum und erhält vor allem seit seinem Auftritt bei Markus Lanz am Dienstag viel Aufmerksamkeit im Netz. Er kritisiert vor allem das Robert-Koch-Institut (RKI). Laut Streeck habe es versäumt, wichtige Daten zu erheben. Viele der getroffenen Maßnahmen hält er für übertrieben und einige sogar für verzichtbar, wenn man entsprechende Daten kenne.

Er glaubt zum Beispiel, dass es bei Restaurantbesuchen kaum zu Infektionen kommen könnte. In seiner Kritik hält sich Streeck deutlich bedeckter als viele andere. Was ihm Glaubwürdigkeit verleiht: Er führt nun mit Experten der Bonner Uniklinik mehrere eigene Studien durch. So will der Mediziner belastbare Daten sammeln.

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