Wandel beim Energiekonzern Siemens: Kaesers Nebensätze sorgen für Wirbel

Siemens und Stellenabbau sind zwei Schlagworte, die immer für große Aufregung sorgen – bei Betroffenen ebenso wie in den Medien. Dabei ist der Riesenkonzern eine Dauerbaustelle, auf der Personalthemen vor allem kompliziert sind – und kaum einfache Schlagworte vertragen.

 

München  – Siemens-Chef Joe Kaeser verpasst dem schwerfälligen Giganten derzeit den radikalsten Umbau seit Jahren. Siemens soll schlanker und effizienter werden. Das wird Tausende Arbeitsplätze kosten. Darüber, wie viele am Ende wegfallen werden, herrscht noch keine Klarheit. Wohl aber darüber, wie viele Stellen vom Umbau betroffen sind.

Weltweit sind es rund 11 600, sagt Kaeser nun, also gut 3 Prozent der rund 366 000 Arbeitsplätze im Elektrokonzern. Anfang Mai hatte der Manager seine Pläne vorgestellt, zu konkreten Stellenzahlen aber geschwiegen. Überhaupt hat das Gezerre um den französischen Rivalen Alstom in den vergangenen Wochen bei Siemens einiges verdeckt. Dabei ist das Ringen mit dem Konkurrenten General Electric (GE) um die mögliche Übernahme von Alstom nicht das einzige Großprojekt. Kaeser hat sich viel vorgenommen. Der Manager will vor allem die Führungsstruktur ändern.

Unterhalb des mächtigen Vorstands soll es künftig statt vier Sektoren mit insgesamt 16 Division nur noch 9 Divisionen geben. Das von seinem glücklosen Vorgänger Peter Löscher geschaffene Organigramm verschwindet damit. Kaeser will das System flexibler machen und Bürokratie abbauen, die rasche Entscheidungen bisher eher verhindert denn beschleunigt. Das findet auch den Applaus der Arbeitnehmervertreter, die sich seit Jahren am Verwaltungsaufwand und zu vielen Ebenen stören.

Nicht so laut klatschen die Arbeitnehmer freilich bei den Folgen, die dieser Umbau haben wird, denn etliche Stellen werden überflüssig. Gegen Entlassungen wehren sie sich ohnehin, wie die IG Metall vor einer Woche auf einem bundesweiten Aktionstag lautstark klar machte, der an die Führung ein deutliches Signal in Sachen Jobabbau senden sollte.

Von den aktuellen Zahlen sei man überrascht worden, sagt ein Sprecher der IG Metall in Bayern. „Wir sind irritiert.“ Nachvollziehen könne man die Berechnung ohnehin nicht. Es sei nun an Siemens, rasch den zuständigen Betriebsräten zu erklären, wie man zu den Zahlen komme und was das am Ende für eine möglichen Abbauplan bedeuten würde. Allerdings war den Beteiligten klar, dass es um eine Spanne von 5000 bis 15 000 Stellen gehen würde, die „angefasst“ werden müssten, wie es stets hieß.

Kaeser will eine Milliarde Euro an Kosten sparen. Gemäß einer groben Faustformel rechnet man pro Stelle mit 100 000 Euro, das würde in einer reinen Beispielrechnung 10 000 Jobs bedeuten. Auch deswegen reagierte die Siemens-Aktie am Freitag so gut wie gar nicht auf die Zahlen – für die Investoren war die Spannweite des Abbaus ungefähr bekannt, auch ohne konkrete Zahlen zu kennen.

Zudem sind für den Abbau viele Lösungen denkbar: Freiwerdende Stellen könnten unbesetzt bleiben, dazu kommen Altersteilzeit, Ver- und Umsetzungen bis hin zu Abfindungen oder dem Verkauf von Geschäften. Darin hat Siemens Übung: Zuletzt kostete das Programm Siemens 2014 rund 15 000 Stellen.

Trotzdem ging die Mitarbeiterzahl bei Siemens zwischen 2012 und 2013 nur von 366 000 auf 362 000 um rund 4000 zurück, wie der Konzern am Freitag vorrechnete. Es war eine Reaktion auf die Aufregung, die zwei Zahlen auslösten, die Kaeser en passant auf einer Investorenkonferenz in New York am Donnerstag genannt hatte. Er grenzte die Zahl der betroffenen Stellen ein: In den Sektoren gehe es weltweit um 7600, in der sogenannten Clusterorganisation um weitere 4000 Stellen, sagte der Siemens-Chef. Eine Wirkung entfaltete die Zahl erst nach Stunden am Freitag.

Sogar von Entlassungen war in manchen Berichten die Rede. Der Konzern relativierte schließlich die Schlagzeilen. „Herr Kaeser hat zunächst einmal nur gesagt, wie viele Stellen vom organisatorischen Umbau bei Siemens betroffen sind“, sagte ein Sprecher. „Aber Stellenabbau in einem Bereich muss nicht zwangsläufig Jobverlust bedeuten.“ Dass der Umbau Stellen kostet, hat Kaeser nie bestritten.

„Wer Bürokratieabbau fordert, der muss wissen, dass Bürokratie auch Gesichter hat“, sagte er bei der Vorstellung der Pläne Anfang Mai. „Herr Kaeser hat klar gesagt, dass es spürbare Veränderungen quer durch das ganze Unternehmen geben wird“, sagte der Sprecher. „Wir lösen Organisationseinheiten auf, legen Einheiten zusammen und dadurch fallen natürlich auch bestimmte Aufgaben – zum Beispiel interne Koordination zwischen Einheiten – im Unternehmen weg.“

Details gebe es noch nicht, etwa welche Standorte in welcher Form betroffen sein werden. Siemens habe stets betont, faire Lösungen suchen zu wollen.

 

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