Wagenplatz muss weg Stattpark Olga: "Wir sind älter, reifer und spießiger"

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Sonnenschirme, Bauwagen und dahinter die Sendlinger Skyline: ein Blick über den Stattpark Olga. Foto: Jasmin Menrad

Der Wagenplatz Stattpark Olga muss weg und sucht nach einer Bleibe in der Stadt – gerne auch für länger.

 

München - Wo geht ihr auf die Toilette? Habt ihr WLAN? Könnt ihr duschen? Friert ihr im Winter? Diese Fragen stellen Menschen, die zum ersten Mal zum Wagenplatz Stattpark Olga in Obersendling kommen.

Jeden Donnerstag lernen im Schnitt 30 Menschen die Olgas kennen. Nochmal so viele kommen regelmäßig zum Platzcafé am Donnerstag: Biertragerlsteigen, Konzerte, Vorträge, Fahrradwerkstatt, Tischtennisturnier, Lesungen – um hier einen schönen Abend zu verbringen, braucht man nicht viel Geld.

"Sobald die Menschen näher an uns herankommen, interessieren sie andere Dinge als die Frage, wo wir auf die Toilette gehen", sagt Peter, der seit 20 Jahren im Wagen lebt und von Anfang an bei der Olga dabei ist – also seit April 2011. Doch jetzt ist die Zukunft des Wagenplatzes in Gefahr.

Bei dem Projekt geht es – das betonen sie alle: Peter, Frank, Merlin und Julie – nicht um günstiges Wohnen, sondern darum, die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft aufzuzeigen. Ob sie die AZ zum Gespräch empfangen, haben die Olgas im dienstäglichen Plenum entschieden, so wie jede Entscheidung, die das Projekt betrifft.

Der Umsonstladen ist inzwischen ein Treffpunkt fürs Viertel

"Gemeinschaft ist uns wichtig. Wir probieren aus, was miteinander geht und treffen Entscheidungen im Konsens", sagt Peter. Das tragen die Olgas auch nach außen. Jeden Donnerstag beim Café und jeden Tag in die Nachbarschaft. "Andauernd kommt einer mit einem Platten vorbei und dann gehen wir hin und flicken zusammen das Radl", sagt Merlin. Beim nächsten Mal kann der Nachbar sein Radl womöglich schon selbst reparieren. Ihr Ideal von einer antikapitalistischen Gesellschaft versuchen sie jeden Tag neu zu verhandeln und zu leben. Einige Nachbarn waren erst skeptisch, glaubten, dass da Sandler ohne Arbeit kommen, die günstig ihren Trailerpark auf einer städtischen Fläche aufstellen.

Bis die Olgas ihre selbst ausgebauten Lastwagen und Bauwagen angeschleppt haben. Bis sie Gärten angelegt haben voll Gemüse und Obst. Bis ihr Veranstaltungsraum gebaut war, in den sie regelmäßig einladen. Bis die Hühner in dem umzäunten Gelände pickten und die Kinder aus der Nachbarschaft die Olga als großen Abenteuerspielplatz entdeckten.

Bis der Umsonstladen stand. Das ist jener Teil der Olga, der immer zugänglich ist und ein Treffpunkt fürs Viertel und darüber hinaus. Ein großer Schrank vor dem Gelände, in dem Kleidung, Bücher, Gläser, Toaster und Kaffeemaschine zum Mitnehmen stehen. Alles gut erhalten und ständig wieder aufgefüllt und mitgenommen von den Menschen aus dem Viertel.

In der Aschauer Straße hatten die Olgas mit 15 Leuten begonnen, waren dann zwei Jahre in der Tumblinger Straße und sind seit zwei Jahren mit 20 Erwachsenen und sechs Kindern von null bis 17 Jahren beim Ratzinger Platz. Das Projekt ist generationenübergreifend, und wenn die Familie sich vergrößert, wird einfach ein Wagen dazugestellt.

Ein weiteres Olga-Kind ist gerade unterwegs. Nur, wo es aufwachsen wird, das wissen die Olgas nicht. Denn Ende August endet ihr Mietvertrag – und sie haben noch keinen neuen Standort in der Stadt.

Zwei Flächen in Freiham hat das zuständige Kommunalreferat dem Wohn- und Kulturprojekt angeboten. "Es wird insgesamt immer schwerer, so gerne wir das unterstützen", sagt Bernd Plank vom Kommunalreferat. Die Gruppe aber sieht ihr Projekt gefährdet, wenn die Wagen nicht in zentraler Lage stehen können. "Am Stadtrand würden nur die immerselben Menschen kommen", sagt Merlin. All die Menschen aus der Aschauer-, der Tumblinger- und der Boschetsriederstraße würden nicht rausfahren, Neugierige aus der Innenstadt würden nicht eben mal vorbeikommen.

Viele Olgas möchten nicht mehr alle zwei Jahren umziehen

Sie haben viele Unterstützer bei der Stadt, auch Grüne und SPD machen sich für sie stark. "Der einzige Weg ist, konstruktive Gespräche zu führen und zu überzeugen", sagt Julie.

Gespräche führen können sie. Wer länger mit den Olgas zusammensitzt, der bemerkt, dass sie einander immer aussprechen lassen, aufeinander eingehen, oft die Punkte wiederholen, in denen sie sich einig sind und respektvoll die Uneinigkeiten diskutieren. Frank fasst das Experimentierfeld Olga so zusammen: "Die Frage, die wir ständig aufs Neue verhandeln, ist, wie wir basisdemokratisch zusammenleben können, obwohl wir völlig unterschiedliche Menschen sind."

Wer die Olgas näher kennenlernt und inzwischen erfahren hat, dass sie mehrere Toiletten haben, Internet, eine Gemeinschaftsdusche und im Winter wegen der Holzöfen in den Wagen schwitzen, den interessiert mehr, wie sich so ein Projekt verändert und wie es funktionieren kann. Merlin vergleicht den Prozess mit einer Beziehung: "In der anfänglichen Euphorie glaubt man, dass man am selben Strang zieht und wenn man dann merkt, dass das gar nicht so ist, dann probiert man, dass man es hinkriegt, an einem Strang zu ziehen."

Mittlerweile sind sie schon lange in einer Beziehung, wünschen sich, sesshaft zu werden, eine längere Zwischennutzung als zwei Jahre zu finden. "Wir sind nicht mehr das mobile Projekt vom Anfang", sagt Merlin. "Wir sind mehr Leute, mehr Familien. Wir sind älter, reifer – und spießiger."

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