Wärmewende Geothermie: Münchens große Klima-Ziele

Die Geothermiebohrung am Heizkraftwerk in der Schäftlarnstraße Foto: my

Geothermie als Schlüssel für Münchens Wärmewende: Die Stadtwerke werben für mehr Akzeptanz der Energieform und mehr Engagement der Politik.

München - Die Anlage hinter der Schallschutzmauer an der Schäftlarnstraße wummert und brummt ein bisschen, aber ansonsten ist es erstaunlich ruhig und leer rund um den Bohrturm, dafür, dass hier gerade 2.400 Meter in die Tiefe gebohrt wird. Nur an dem nassen, dampfenden Sand, der aus dem Container platscht, in dem der Abraum, die sogenannte Bohrspülung, aus der Tiefe landet, merkt man, dass die Bohrung tatsächlich läuft. Das Geothermieprojekt beim Heizkraftwerk Süd an der Schäftlarnstraße gehört zur großen Offensive der Stadtwerke (SWM) auf dem Weg zur "Wärmewende". Die soll, so der Plan, bis 2040 gelingen. Angelehnt an das Klimaschutzabkommen von Paris 2015 will München bis zum Jahr 2050 weitgehend klimaneutral sein.

Konkret heißt das, der Ausstoß von Treibhausgasen soll dann auf 0,3 Tonnen pro Person und Jahr gesunken sein.

Das zu erreichen wird "erhebliche Anstrengungen der ganzen Stadtgesellschaft und der Politik erfordern", sagt SWM-Chef Florian Bieberbach.

Fernwärmevision der SWM 

Die SWM setzen dabei auch auf "ihre Fernwärmevision" aus dem Jahr 2012. Laut der soll bis zum Jahr 2040 die komplette Fernwärme CO2-neutral erzeugt werden – möglich macht das die Geothermie. Jetzt, sechs Jahre später, zeigt sich: Man könnte es schaffen, bis 2040 80 Prozent des Fernwärmebedarfs ohne klimaschädliche Emissionen zu decken. Konzepten für die fehlenden 20 Prozent sind in Arbeit. Dazu wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die mit Blick auf die Münchner Wohnhäuser, in denen es bisher vorherrschend dank Öl und Gas warm wird, untersucht hat, wie viele der Emissionen im Wärmesektor durch welche Maßnahmen reduziert werden können.

Dabei geht es natürlich ums Energiesparen. Aber auch um den Einsatz von Erneuerbaren Energien "unter Berücksichtigung regionaler Potenziale". In München ist da die Geothermie "die effektivste Maßnahme", heißt es.

In München herrsche der größte Handlungsbedarf bei alten, schlecht gedämmten Bestandsgebäuden. Die sollten saniert werden, heißt es. Hausbesitzer sollten außerdem zum Umstieg von Öl auf Gas oder eine Wärmepumpe, der Austausch alter Kessel oder eine Kombination mit Solarthermie motiviert werden. Das Fazit für die Stadtwerke wiederum lautet: "Wir bauen die Fernwärme aus und überlegen, welche Stadtviertel noch angeschlossen werden können", so Bieberbach. Aber: "Es werden nie alle Häuser sein", das lohne sich wirtschaftlich nicht. Dazu kommt, dass niemand die Fernwärme nutzen muss. Wo eine Umstellung auf Fernwärme nicht möglich ist, sollen Quartierkonzepte für die Versorgung her.

Klare Forderungen an die Politik

Maßnahmen wären auch eine Beimischung von erneuerbarem Gas und mehr Wärmepumpen. Bieberbach hat aber auch klare Forderungen an die Politik: Die Wärmewende müsse Priorität haben. Die Rahmenbedingungen auf Bundesebene müsste sich ändern. So brauche es mehr Förderung, statt Subventionen für fossile Träger.

Auch das Mietrecht sei wenig hilfreich. Etwa, dass Hausbesitzer den Einbau einer neuen Heizung mit fossilen Brennstoffen auf die Mieten umlegen können, den Einbau einer Fernwärmeheizung aber nicht. Er warnt: Städte, die, anders als München, nicht über den "Glücksfall Geothermie" verfügten, hätten derzeit kaum eine Chance, solche Klimaziele zu erreichen.

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Geothermie in München

Tief unter München, in der Kalksteinschicht des Jura, blubbert das "Ass im Ärmel" der Stadtwerke bei der angestrebten Wärmewende: Thermalwasser, 100 Grad heiß und leicht schwefelig riechend. An der Schäftlarnstraße ist nur einer von mehreren Tiefengeothermie-Standorten in München, andere sind bereits in Riem, Freiham oder Sauerlach in Betrieb.

Hier in Sendling geht es bis auf 3000 Meter hinunter, die ersten 1000 schnurgerade, dann wird in ganz sanftem Winkel seitlich abgelenkt. Der Bohrkopf macht das alles automatisch, dennoch wird die Bohrung überwacht. Der Bereich rundherum ist Sicherheitszone. Sechs Bohrungen wird es hier geben, drei um das Wasser hinauf, drei um es wieder zurück zu pumpen. Unten wird das Wasser ganz natürlich wieder aufgeheizt. Daher müsse man auch nicht fürchten, dass der Boden auskühlt, erklärt Jürgen Neubert, Geologe und Projektleiter vor Ort. Wenn die gewünschte Tiefe erreicht ist, wird das Bohrloch erst mit Rohren gestützt, dann mit Zement ausgekleidet. Einmal erschlossen, kann es dauerhaft genutzt werden. "Eine unerschöpfliche Quelle", sagt Neubert. "Aktuell sind wir hier bei der zweiten Bohrung und gerade bei 2400 Metern Tiefe." Insgesamt dauere eine Bohrung etwa zweieinhalb bis drei Monate.

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