Von Rasern bis Räuberpistole München kriminell: Die spektakulärsten Fälle der Staatsanwaltschaft

Das Gerichtsgebäude für das Amtsgericht, das Landgericht I und II in München, das Oberlandesgericht und die Staatsanwaltschaft in der Nymphenburger Straße in München. Foto: Sven Hoppe/dpa

180.000 Verfahren führen die Staatsanwälte in der Stadt jedes Jahr. Nicht immer sind Verbrechen so, wie sie zunächst scheinen - und manchmal ist sogar richtig viel Geld im Spiel.

 

München - Die Staatsanwaltschaft München I ist eine der größten Ermittlungsbehörden in Deutschland. Rund 180.000 Verfahren führen die 179 Staatsanwälte und Staatsanwältinnen pro Jahr.

Eine gute Nachricht: Die Zahl der Verfahren ist in den vergangenen zehn Jahren weitgehend gleichgeblieben, obwohl die Zahl der Einwohner gestiegen ist. "Das Polizeipräsidium hat recht, wenn es heißt, dass München eine sichere Großstadt ist", sagte Behördenleiter Hans Kornprobst am Donnerstag.

So wird Beschuldigten Vermögen entzogen

Ein eher weniger bekannter Aspekt der Ermittlungen: Bei vielen Straftaten werden von den Beschuldigten Vermögenswerte eingezogen – das geht los vom Einbruchwerkzeug, das nicht viel wert ist, bis zum Auto, das ein Straftäter benutzt hat, um zum Tatort zu fahren, oder das er sich angeschafft hat von der Beute, die er sich ergaunert hat.

Auch Immobilien können eingezogen werden. Im vergangenen Jahr kam dabei eine Gesamtsumme von mehr als 42,5 Millionen Euro zusammen, sagte Kornprobst. Der überwiegende Teil der Vermögenswerte fließe an Geschädigte, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft.

Am Donnerstag gab die Staatsanwaltschaft einen Einblick in einige spektakuläre Fälle.

Schwarzarbeit im Winzerer Fähndl

Nach dem Zapfenstreich kamen die Fahnder: Am 1. Oktober 2018 kam es auf dem Oktoberfest zu einem aufsehenerregenden Einsatz von bewaffneten Zoll- und Polizeibeamten: Das größte Festzelt auf der Wiesn, das Winzerer Fähndl (heute Paulaner Festzelt), wurde komplett abgeriegelt und stundenlang durchsucht.

Die Fahnder hatten einen Durchsuchungsbeschluss dabei. Die Razzia war der Höhepunkt aufwendiger Ermittlungen. Der Verdacht: Schwarzarbeit, Steuerstraftaten und Insolvenzdelikte. Im Fokus der Ermittler waren aber nicht die Wiesn-Wirte Peter Pongratz und Arabella Schörghuber, sondern Akram A., der Chef der Reinigungsfirma im Zelt.

Die Mitarbeiter des heute 38-Jährigen putzten auch am Nockherberg und in der Grünwalder Einkehr – die Pongratz mittlerweile abgegeben hat. Am vergangenen Montag hat der Prozess gegen Akram A., dem Chef der mittlerweile nicht mehr existenten Firma GS Gastro Service GmbH begonnen.

Staatsanwältin Melanie Warnecke leitete die Ermittlungen. Zusammen mit vier Kollegen ist sie bei der Staatsanwaltschaft München I für die Verfolgung von Schwarzarbeit zuständig. Rund 600 neue Verfahren bearbeiten die Ermittler jedes Jahr. Die Verfahren dauern durchschnittlich zwei bis drei Jahre. Die Gewinne der Putzfirma sind wohl ins Ausland geflossen Akrem A. gründete nach Erkenntnissen der Ermittler immer wieder Reinigungsunternehmen mit ähnlich klingenden Namen.

"Nach etwa eineinhalb Jahren ließ er sie in die Insolvenz gehen", sagt Melanie Warnecke. So wollte er offenbar Steuerprüfungen umgehen. Durch die ständigen Insolvenzen wurden die Ermittler allerdings auch auf ihn aufmerksam. Rund 4,5 Millionen Euro Schaden soll der gebürtige Iraker verursacht haben, indem er Sozialversicherungsbeiträge nicht zahlte und Steuern hinterzog. Seine Mitarbeiter zahlte er schwarz. Seit Oktober 2018 sitzt Akrem A. in Untersuchungshaft.

Im Gegensatz zu vielen anderen Verfahren, bei denen die Staatsanwaltschaft noch Geld oder Werte abschöpft, gab's für die Ermittler bei Akrem A. nichts mehr holen. Melanie Warnecke: "Er wohnte in einer Mietwohnung. Wo das Geld hingeflossen ist, wissen wir nicht." Die Ermittler wissen inzwischen allerdings, dass der Angeklagte vor jedem Auslandsaufenthalt hohe Bargeldsummen von seinen Geschäftskonten abgehoben hat.

"Das Geld ist wohl ins Ausland geflossen“, sagte Hans Kornprobst, Chef der Staatsanwaltschaft München I, am Donnerstag. Der Angeklagte muss mit mehreren Jahren Gefängnis rechnen Gegen Akrem A. wird voraussichtlich in drei Wochen das Urteil gesprochen. Er muss mit einer mehrjährigen Gefängnisstrafe rechnen. Die Staatsanwaltschaft wird wohl mindestens vier Jahre fordern.

Die Akte Dieter Wedel

Die Ermittlungen gegen den Regisseur Dieter Wedel wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung dauern immer noch an: "Es haben sich Aspekte ergeben, die es notwendig machen, dass wir das Verfahren jetzt noch nicht abschließen können", sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding am Donnerstag.

Ein Grund sei die aufwendige Suche – auch im Ausland – nach Zeugen für mutmaßliche Taten, die lange zurückliegen. Mehrere Frauen beschuldigen den Regisseur ("Der große Bellheim"), sie zum Sex gezwungen oder sexuell bedrängt zu haben. Wedel bestreitet die Vorwürfe. Zuletzt hieß es, die Ermittlungen sollten Ende 2019 beendet sein. Leiding: "In diesem Jahr wird das Verfahren sicherlich abgeschlossen."

Raub bei Globetrotter: ein abgekartetes Spiel!

Der Räuber hatte sich eine Silikonmaske über den Kopf gezogen. Außerdem trug er eine Sonnenbrille und Mütze. So betrat der Mann am 6. Februar vergangenen Jahres um 21.12 Uhr die Büroräume des Outdoor-Ausstatters Globetrotter am Isartor.

Der Maskenmann richtete eine Waffe auf einen Security-Mitarbeiter, drängte ihn in ein Büro und fesselte ihn mit Handschellen an einen Heizkörper. Dann tippte der Bewaffnete den Code für den Tresor ein und räumte ihn leer. Beim Gehen steckte er nicht nur die 30.000 Euro ein, sondern nahm auch noch das Handy des Security-Angestellten mit.

Das alles wurde von Videoüberwachungskameras aufgezeichnet – wie auch das, was in der Tiefgarage geschah: Um 21.34 Uhr stieg ein Mann in einen Opel Vivaro, gut 20 Minuten später zahlte ein anderer Mann mit einer Cola-Flasche in der Hand dessen Parkticket und fuhr mit dem Opel Vivaro und dem zweiten Mann davon.

Eine Stunde später hörte ein Passant draußen auf der Straße durch ein geöffnetes Fenster bei Globetrotter die Hilfeschreie des gefesselten Security-Mannes. Zunächst sah alles wie ein Raubüberfall aus, der Security-Mann gab sich als Opfer.

Doch die Kripo und die zuständige Staatsanwältin Nina-Marie Prantl kamen bald dahinter, dass der Überfall vorgetäuscht war. Das Autokennzeichen führte zu einem Hausmeisterservice, der Fahrer konnte schnell identifiziert werden.

Anschließend wurden sowohl das Auto als auch der Fahrer observiert. Außerdem wurden Handys abgehört und Funkzellendaten abgefragt. Schließlich beobachteten die Ermittler, dass sich der Security-Mann, der einen auffälligen schwarz-weißen Bart trägt, mit zwei weiteren Männern in einem Hotel traf – einer von ihnen war der Fahrer des Vivaro aus dem Parkhaus.

Am 14. März 2019 wurden alle drei verhaftet. Vor vier Monaten wurde Anklage erhoben. Der Prozess soll am 10. März dieses Jahres beginnen. Für die Verhandlung sind neun Tage angesetzt.

Raser überholen Polizisten

Seit zwei Jahren gibt es den neuen Straftatbestand illegales Autorennen. 2017 trat der Paragraf § 315D Strafgesetzbuch in Kraft. Im vorigen Jahr hat die Staatsanwaltschaft München I insgesamt 35 Ermittlungsverfahren gegen Raser geführt.

Doch etwa ein Drittel der Verfahren wurde nach Angaben des Leitenden Staatsanwalts Hans Kornprobst eingestellt. In einem Verfahren wurden zwei Strafbefehle erlassen, die inzwischen rechtskräftig sind: Zwei Raser hatten bei einem verbotenen Rennen auf der Landshuter Allee ausgerechnet ein ziviles Polizeiauto überholt. Bayernweit wurden 2018 insgesamt 40 Menschen wegen der Teilnahme an illegalen Autorennen verurteilt.

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